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Nach dem Brand in London : Dämmen vor dem Aus?

Dämmung mit Styropor Bild: Imago

Das Dämmen von Häusern ist umstritten. Kritiker sagen, es sei teuer und bringe wenig. Und jetzt soll es auch noch gefährlich sein? Der Hochhausbrand in London macht die Dämmwirtschaft nervös.

          Wenige Tage nach dem verheerenden Hochhausbrand in London ringt die deutsche Dämmstoffwirtschaft noch um Worte. Das Inferno im Stadtteil Kensington, bei dem mindestens 79 Menschen ums Leben gekommen sind, wird die Debatte um die Sicherheit von Fassadendämmungen aufstacheln, auch wenn die Brandschutzbestimmungen in Deutschland deutlich rigider sind – so viel ist sicher. Eine branchenübergreifende Antwort aber steht noch aus. Fieberhaft arbeiten Unternehmen und Verbände an einer Stellungnahme, die der Situation angemessen ist und zugleich allen Interessen der Dämmallianz Rechnung trägt, angefangen vom Dämmstoffhersteller BASF bis hin zum kleinen Handwerksbetrieb.

          Bernd Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Nur wenige Kritiker gingen so kurz nach der Katastrophe mit nassforschen Forderungen an die Öffentlichkeit wie Kai Warnecke, Präsident des Hauseigentümerverbandes Haus & Grund. Eigentümer und Mieter dürften nicht die Versuchskaninchen der Baustoffindustrie sein, polterte er, der Einsatz von Polystyrol zur Dämmung von Gebäudefassaden sei sofort auszusetzen. Im Zweifel müssten bereits montierte Polystyroldämmungen auf Kosten der Industrie entfernt und entsorgt sowie durch nichtbrennbare Stoffe ersetzt werden. „Es reicht, dass die Bewohner von Häusern und Wohnungen über Jahrzehnte erhöhten Gefahren ausgesetzt wurden. Die Kosten der Gefahrenindustrie muss nun der Verursacher tragen, also die Dämmstoffindustrie.“

          Mehr noch als der Furor des Immobilienlobbyisten besorgt die Dämmwirtschaft die Reaktionen in der Politik, konkret: die Ankündigung des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann, die Vorgaben der Energieeinsparverordnung auf eine mögliche zusätzliche Brandgefahr hin zu überprüfen. Die Ankündigung ist kaum dafür gemacht, das Vertrauen in die bestehenden Regeln zu stärken, wiewohl auch Herrmann wie nahezu alle Fachleute versicherte, ein vergleichbarer Fassadenbrand an einem Hochhaus sei in Deutschland so gut wie ausgeschlossen.

          Debatte trifft die Branche in einer schwierigen Zeit

          Dass die Bauvorschriften, sofern sie eingehalten werden, ein Inferno wie in London verhindern, darüber sind sich Kritiker und Befürworter der aktuellen Dämmvorschriften weitgehend einig. So dürfen in Deutschland an Häusern, die höher als 22 Meter sind und damit von der Feuerwehr über Drehleitern in der Regel nicht mehr erreicht werden können, keine brennbaren Fassaden verbaut werden. Der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes und Ingenieurverbände kritisierten am Montag in einer gemeinsamen Erklärung den Versuch, die deutschen Regelungen zu lockern.

          Die EU-Kommission sieht in den deutschen Anforderungen an Dämmstoffe einen Verstoß gegen die EU-Bauprodukteverordnung und fordert eine Anpassung. „Ein gemeinsamer Markt für Bauprodukte – so sehr er auch grundsätzlich begrüßt wird – darf nicht zu Lasten der Sicherheit von Leben und Gesundheit der Bürger gehen“, fordern die Verbände.

          Die neuerliche Debatte trifft die Branche in einer schwierigen Zeit. Denn obwohl die Bauwirtschaft brummt, ist der Markt für Wärmedämmverbundsysteme in Deutschland 2016 zum fünften Mal in Folge zurückgegangen. Die Schwarzwälder Sto, einer der größten Hersteller von solchen Systemen mit Sitz in Stühlingen, macht dafür die anhaltende Verunsicherung insbesondere der privaten Bauherren verantwortlich. Sie sei ausgelöst worden „von der widersprüchlichen und teilweise sehr zugespitzten Medienberichterstattung und der daraus resultierenden kontroversen Diskussion über den Einsatz von Wärmedämm-Verbundsystemen“, schreibt Sto-Chef Rainer Hüttenberger im aktuellen Geschäftsbericht.

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