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Datenreport : Deutsche arbeiten weniger als vor 20 Jahren

Wie leben wir? Der „Datenreport“ zeichnet ein differenziertes Bild der Lebensverhältnisse in Deutschland. Bild: Jens Gyarmaty

In Deutschland sind so viele Menschen erwerbstätig wie noch nie. Immer mehr von ihnen arbeiten in Teilzeit. Und Armut ist ein größeres Risiko als noch vor einigen Jahren.

          Trotz der allgemeinen Erholung am Arbeitsmarkt nimmt die Zahl der Menschen in Deutschland zu, die von Armut bedroht sind. Das ist eines der zentralen Ergebnisse des „Datenreport 2013. Ein Sozialbericht für Deutschland“, der an diesem Dienstag veröffentlicht wurde. Der Report wird herausgegeben vom Statistischen Bundesamt, der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Ihnen zufolge betrug im Jahr 2011 der Anteil armutsgefährdeter Personen 16,1 Prozent. Das sind 0,9 Prozentpunkte mehr als vier Jahre zuvor.

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Als armutsgefährdet gilt nach einer Definition der EU, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens („Median“) in seinem Land verdient. Im vorvergangenen Jahr war nach dieser Definition in Deutschland arm, wer als Single weniger als 980 Euro im Monat netto zur Verfügung hatte. Besonders deutlich stieg das Armutsrisiko seit dem Jahr 2007 in der Gruppe der 55- bis 64-Jährigen – von 17,7 auf 20,5 Prozent. Ähnliches gilt für junge Erwachsene bis 24 Jahre.

          Was es in der Praxis bedeutet, zur Gruppe der Armutsgefährdeten zu zählen, ist objektiv schwierig zu beurteilen. Nach eigener Einschätzung konnte sich etwa jede vierte armutsgefährdete Person (27 Prozent) keine regelmäßigen Mahlzeiten mit Fleisch, Geflügel oder Fisch leisten. Etwa jeder dritte Armutsgefährdete (30,3 Prozent) gab an, kein Auto unterhalten zu können. Im Umkehrschluss heißt das: Trotz Armutsgefährdung könnten sich 70 Prozent der Betroffenen weiterhin ein Auto leisten. Die verhältnismäßig vielen Armutsgefährdeten dürfen also keinesfalls mit der Zahl derer gleichgesetzt werden, die tatsächlich arm sind. Unter „erheblichen materiellen Entbehrungen“ leidet in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes etwa jeder Zwanzigste (5,2 Prozent). Diese Menschen können beispielsweise ihre Wohnung nicht ausreichend heizen. Auffällig ist nichtsdestotrotz, dass auch das dauerhafte Armutsrisiko zugenommen hat. Von den im vorvergangenen Jahr armutsgefährdeten Personen waren 40 Prozent bereits in den fünf Jahren zuvor von Einkommensarmut bedroht. Im Jahr 2000 betrug der Anteil der dauerhaft Gefährdeten noch 27 Prozent.

          Der 432 Seiten umfassende Report setzt sich auch mit zahlreichen anderen Aspekten des sozialen Lebens in Deutschland auseinander – von der Freizeitgestaltung über das Nationaleinkommen bis zu demographischen Fragen. Interessant ist etwa, was die Statistiker zum Arbeitspensum der Deutschen schreiben: Demnach gingen im vergangenen Jahr in Deutschland 41,6 Millionen Menschen einer bezahlten Arbeit nach. Das waren knapp 3 Millionen mehr als 1991. Dieser Aufschwung relativiert sich allerdings. Im Gegensatz zur Zahl der Erwerbstätigen ist das Arbeitsvolumen, also die Menge der geleisteten Arbeitsstunden, im gleichen Zeitraum erheblich gesunken. Im vergangenen Jahr arbeiteten die Deutschen 58,1 Milliarden Stunden. Das ist deutlich weniger als 1991, als das Arbeitsvolumen etwas mehr als 60 Milliarden Stunden betrug.

          Nach Ansicht der Forscher liegt das zum einen daran, dass viele arbeitsintensive Produktionsprozesse in Ostdeutschland nach der Wende durch Maschinenarbeit ersetzt oder gestrichen wurden. Zum anderen aber sei die durchschnittliche Zahl der Arbeitsstunden je Erwerbstätigem „in den zurückliegenden 20 Jahren fast kontinuierlich gesunken“. 1991 leistete ein Erwerbstätiger durchschnittlich 1552 Arbeitsstunden im Jahr, im vergangenen Jahr waren es nur noch 1393 Stunden. Das entspricht einem Rückgang um 10 Prozent. Grund hierfür sei aber nicht, dass die Deutschen im Schnitt fauler geworden seien, vielmehr habe die Zahl der Erwerbstätigen stark zugenommen, die lediglich in Teilzeit arbeiten oder die eine anderen „atypischen Beschäftigung“ haben, beispielsweise einen Minijob.

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