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Integration : „Die Bringschuld liegt nicht bei den Flüchtlingen“

Männliche und weibliche Flüchtlinge lernen zusammen Deutsch. Bild: dpa

Wie lassen sich Flüchtlinge schneller in Arbeit bringen? Dazu haben Forscher mit mehr als 100 Flüchtlingen ausführlich gesprochen und klare Lektionen für die Praxis formuliert. In der Politik stoßen sie damit nicht nur auf Gegenliebe.

          Frauen und Männer bei Integrationskursen stärker trennen, unterschiedliche Bildungs-Biographien besser berücksichtigen und Asylverfahren endlich schneller und transparenter machen. Das sind für den Migrationsforscher Herbert Brücker einige der wichtigsten Lehren aus der Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), wie er im Gespräch mit FAZ.NET erläuterte. Doch was sagt die Politik zu den Erkenntnissen?

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Viele der Kernaussagen der Studie gehen wir im neuen Integrationsgesetz an“, kommentiert der arbeitsmarkt- und sozialpolitische Sprecher der Union, Karl Schiewerling, gegenüber FAZ.NET. Gerade der Wegfall der Vorrangprüfung verbessere für Geflüchtete den Einstieg in den Arbeitsmarkt. Seit vergangenem Samstag ist diese in einem Großteil Deutschlands für drei Jahre ausgesetzt. Damit muss die zuständige Arbeitsagentur bei der Bewerbung eines Flüchtlings nicht mehr prüfen, ob auch ein Bewerber aus der EU für den Job infrage kommt.

          Die Linkspartei will diese Prüfung gleich ganz abschaffen – und geht noch weiter: Eine vollständige rechtliche Gleichstellung der Flüchtlinge mit anderen Arbeitnehmern müsse das Ziel sein, sagt die innenpolitische Sprecherin der Partei, Ulla Jelpke. Auch die Grüne Luise Amtsberg, Sprecherin für Flüchtlingspolitik, betont: „Die Hürden beim Zugang zum Arbeitsmarkt müssen komplett abgebaut werden.“

          Für Forscher Brücker reicht etwa die Aussetzung der Vorrangprüfung allerdings nicht aus. Auch ohne sie herrsche oft Unsicherheit bei Geflüchteten und potentiellen Arbeitgebern, solange der Status des Flüchtlings nicht geklärt sei, bemängelt der Forscher. Priorität müssen für ihn daher „schnellere und transparentere Asylverfahren“ haben. Eine „deutliche Beschleunigung“ fordert hier auch die Linke.

          Brücker gehört zu den Autoren der IAB-Studie, die in Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung entstand. 123 Flüchtlinge mit unterschiedlichsten Hintergründen haben die Autoren für die erste qualitative Studie ihrer Art ausführlich interviewt und gefragt, warum sie nach Deutschland geflohen sind, was ihre Ziele sind - und welche Qualifikationen sie eigentlich mitbringen. Der Bildungs- und Ausbildungsgrad der Geflüchteten etwa ist höchst unterschiedlich. Er reicht von akademischen Abschlüssen bis hin zu keinerlei beruflicher Qualifikation, wie die Studie zeigt.

          Unsicherheit und Frust werden geschürt

          Von Seiten der SPD heißt es ebenfalls, man setze sich für schnelle Verfahren ein. Die Effizienz und der Datenaustausch zwischen den verschiedenen Stellen sei hierfür bereits verbessert worden. „Außerdem haben wir auch dieses Jahr den Haushalt des BAMF aufgestockt, damit die Behörde mit ausreichend Personal ausgestattet ist“, sagt der SPD-Innenpolitiker Sebastian Hartmann.

          Die Grünen dagegen werten die Studie gerade auch als Beleg dafür, dass hier weiterhin erhebliche Defizite bestehen: „Die Bringschuld liegt nicht bei den Flüchtlingen sondern in den staatlichen Strukturen“, sagt Luise Amtsberg. Linken-Abgeordnete Jelpke beklagt „bürokratische Zeitfresser“ wie etwa umständliche Verfahren für Flüchtlinge mit ohnehin sehr hoher Anerkennungsquote.

          Ein Kernproblem, das die Studie Brücker zufolge zeigt, ist aber auch das Verfahren an sich. Für viele Flüchtlinge sei es eine „Black Box“, findet der Forscher. Die wenigsten wüssten über das Prozedere Bescheid oder gerade auch über den Stand ihres Verfahrens. Das schürt Unsicherheit und Frust. Diese Situation bemängeln auch die Oppositionsparteien. SPD-Mann Hartmann verweist derweil auf die App „Ankommen in Deutschland“ und ein neues Internetangebot des BAMF. „Darin wird ausführlich über das Verfahren aufgeklärt“, so Hartmann. Mit Brückers Idealvorstellung, dass Flüchtlinge den Stand ihres Verfahrens einfach im Internet einsehen können, hat das freilich noch wenig zu tun. 

          Flüchtlinge sind keine homogene Masse

          Bei den Sprach- und Integrationskursen ziehen die Parteien die gleichen Schlüsse aus der Studie wie ihr Mitautor: „Das starre Hintereinanderschalten von sprachlicher und beruflicher Qualifizierung ist wenig effizient und hält die Menschen zu lange vom Arbeitsmarkt fern“, sagt CDU-Politiker Schiewerling. Hier müsse man ansetzen. Auch Grüne und Linke plädieren für mehr Flexibilität. Sie fordern aber gleichzeitig eine weitere Anpassung: „Integrationsangebote muss es von Anfang an und unabhängig von der Bleibeperspektive der Geflüchteten geben“, so Ulla Jelpke.

          Die Oppositionsparteien unterstützen auch Brückers Forderung, die Arbeits- und Bildungsangebote stärker zu individualisieren, sodass sie dem je nach Herkunft unterschiedlichen Bildungsstand der Flüchtlinge besser gerecht werden. „Flüchtlinge sind keine homogene Masse sondern kommen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen und Fähigkeiten“, sagt die Grünen-Politikerin Amtsberg, „dem muss Integrationspolitik Rechnung tragen“.

          Auch die Linkspartei plädiert für eine Trennung von Mann und Frau beim Deutsch lernen

          Spezielle Angebote für einzelne Berufsgruppen gebe es bereits, hält Sebastian Hartmann von der SPD dagegen. Und CDU-Mann Schiewerling betont, es sollen 100.000 Arbeitsmöglichkeiten gerade auch für Flüchtlinge mit geringer Qualifikation geschaffen werden. Die Linke hegt derweil die Sorge, es könnte ein Sonderarbeitsmarkt entstehen, in dem Flüchtlinge als Lohndrücker missbraucht werden.

          Brückers Vorschlag, Frauen und Männer in Integrations- und Sprachkursen stärker zu trennen, erntet unterschiedliche Reaktionen. Der Migrationsforscher verspricht sich daraus bessere Lernerfolge, da so stärker auf die Belange der Frauen eingegangen werden könne. Für die Linke darf dies allerdings höchstens eine „Ausnahme und nicht die Regel“ darstellen. Auch Hartmann von der SPD ist skeptisch, was eine regelmäßige Trennung angeht. Karl Schiewerling (CDU) dagegen hält auch nichts von Ausnahmen: „Wir erwarten die Akzeptanz unserer Kultur. Das fängt beim gemeinsamen Lernen an.“

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