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Geldanlage : Das Ende der Niedrigzinsen

Bild: iStock/Bearbietung F.A.S.

Seit fünf Jahren ärgern sich die Sparer über mickrige Zinsen. Jetzt bereitet Amerika eine Zinserhöhung vor. Das betrifft auch deutsche Anleger.

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          Ein weltweites Grummeln an den Börsen hat vergangene Woche Amerikas neue Notenbankchefin ausgelöst: Janet Yellen kündigte bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt im neuen Amt etwas verklausuliert eine Zinserhöhung an, die in die Geschichte eingehen könnte. Schon im Frühjahr 2015 wollen die Amerikaner die Leitzinsen anheben und das Rekordtief aus der Krise von null bis 0,25 Prozent verlassen. Die Finanzmärkte reagierten sofort: Mit der Erwartung höherer Zinsen stiegen die Anleihenrenditen - und die Aktienkurse fielen.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wenn in Amerika die Zinsen steigen - wie lange dauert die Niedrigzinsphase dann bei uns noch?

          Es geht um viel: Mehr als fünf Jahre ärgern sich die Sparer in Deutschland schließlich schon über die niedrigen Zinsen. 0,69 Prozent gibt es derzeit im Durchschnitt für Tagesgeld und 0,65 Prozent für Festgeld auf zwölf Monate. Bei einer Inflation von 1,2 Prozent verlieren die Sparer unter dem Strich also ständig Geld. Viele werden ungeduldig. „Als die Niedrigzinsphase 2008 begonnen hat, hätte ich nicht gedacht, dass sie so lange anhält“, sagt Otmar Issing, der frühere Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB).

          Allerdings ist eine Prognose, wann die Zinsen steigen werden, alles andere als leicht. Sicher ist: Im Augenblick erwägt die Europäische Zentralbank eher eine weitere Senkung der Leitzinsen, die bei 0,25 Prozent liegen, als eine Zinserhöhung. Der Grund: Die Inflation ist niedrig - und die Wirtschaft, gerade in Europas Krisenländern, ist nach wie vor schwach.

          Für die weitere Zukunft gibt es zwar Schätzungen an den Finanzmärkten - ihre Aussagekraft aber ist begrenzt. Ein Anhaltspunkt ist beispielsweise die sogenannte „Forward-Kurve für Ein-Monats-Zinsen“. Aus ihr lässt sich ablesen: Die Investoren am Finanzmarkt rechnen bis Mitte 2016 noch mit niedrigen Zinsen in Deutschland. Erst danach halten sie eine Leitzinserhöhung für wahrscheinlich, sagt Edgar Walk, Zinsexperte beim Frankfurter Bankhaus Metzler.

          Im Interesse der verschuldeten Länder

          Wenn man Ökonomen fragt, wann die Niedrigzinsphase enden wird, stößt man auf ein sehr grundlegendes Problem: „Das hängt wesentlich davon ab, worin man die Ursachen der Niedrigzinsphase sieht“, sagt Geldpolitik-Experte Issing. Es gibt Ökonomen wie Larry Summers in Amerika, die sehen als Ursache der Niedrigzinsphase eine dauerhafte, weltweite Ersparnisflut und Investitionsschwäche. An den niedrigen Zinsen ist in dieser Sichtweise nicht die Notenbank schuld - sondern es sind die weltweiten Ersparnisse, die viel größer sind als die Investitionsmöglichkeiten und so den Zins mit Macht nach unten drücken. „Wenn das so wäre, könnte die Niedrigzinsphase sehr, sehr lange dauern“, sagt Issing.

          Bild: F.A.Z.

          Der Ex-Notenbanker glaubt jedoch nicht an diese Theorie von der Sparflut: „Ich glaube, die niedrigen Zinsen sind eine Folge der Finanzkrise.“ Die Überwindung der Niedrigzinsphase hängt deshalb aus seiner Sicht in erster Linie mit der Überwindung der Krisenfolgen zusammen: „Das ist in einigen Jahren möglich - wenn es nicht zu neuen Rückschlägen kommt.“

          Für künftige Zinserhöhungen der EZB spielt allerdings auch der Fortgang der Euro-Krise eine wichtige Rolle. Und da wiederum ist der Münchner Ökonom und Chef des Ifo-Instituts Hans-Werner Sinn ausgesprochen skeptisch. Was sagt er, wenn Freunde ihn fragen, wie lange sie sich noch mit den niedrigen Zinsen auf ihrem Konto herumschlagen müssen? „Solange der Euro mit den heutigen Mitgliedern besteht - und die überschuldeten Länder das Sagen im EZB-Rat behalten.“ Schließlich haben alle verschuldeten Länder ein vitales Interesse an niedrigen Zinsen - damit ihre Schuldenlast nicht wächst.

          Lieber nicht auf steigende Zinsen wetten

          Die Ökonomen sind sich also ausgesprochen uneins in der Frage, wann die Zeit der mickrigen Zinsen vorbei ist. Was aber machen Praktiker in den Unternehmen, die für ihre täglichen Entscheidungen Annahmen darüber brauchen, wie lange die Niedrigzinsphase anhält?

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