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Im Gespräch: Dambisa Moyo : „Wir Afrikaner sind keine Kinder“

  • Aktualisiert am

Die afrikanische Autorin Dambisa Moyo Bild: Astis Krause

In den vergangenen 50 Jahren sind mehr als zwei Billionen Dollar Hilfe von den reichen an die armen Länder geflossen. Aber dieses Modell hat nirgendwo auf der Welt wirtschaftlichen Aufschwung gebracht. Die Ökonomin Dambisa Moyo fordert ein Ende der westlichen Entwicklungshilfe.

          In den vergangenen 50 Jahren sind mehr als zwei Billionen Dollar Hilfe von den reichen an die armen Länder geflossen. Aber dieses Modell hat nirgendwo auf der Welt wirtschaftlichen Aufschwung gebracht. Die Ökonomin Dambisa Moyo fordert ein Ende der westlichen Entwicklungshilfe.

          Frau Moyo, Sie sind in Sambia aufgewachsen, haben in Oxford und Harvard studiert, bei der Weltbank und Goldman Sachs Karriere gemacht und erfolgreich als Buchautorin debütiert. Wie haben Sie das alles geschafft?

          Mit großen Schwierigkeiten. Ich brauchte zum Beispiel viel Zeit, um rauszukriegen, wie man sich für westliche Universitäten und Organisationen bewirbt oder wie man an ein Stipendium kommt. Der Auswahlprozess ist ziemlich anspruchsvoll, und die Konkurrenz ist groß. Aber es ist möglich, wie Sie sehen.

          In Ihrem Buch „Dead Aid“ kritisieren Sie die „Glamour-Hilfe“. Was ist schlecht daran, wenn Rockstars wie Bono oder Bob Geldof sich für Afrika einsetzen?

          Viele dieser Leute sind sehr negativ, wenn sie über Afrika reden. Sie sprechen von Krieg, Armut und Krankheit und heben nicht die positiven Dinge hervor. Außerdem frage ich mich, wer sie eigentlich legitimiert, für Afrika zu sprechen. Sie sind von niemandem gewählt worden. Das mache ich ihnen aber nicht zum Vorwurf, denn viele Politiker beachten Afrika so wenig, dass ein Vakuum entstanden ist. Und das füllen jetzt eben Prominente.

          Madonna und Angelina Jolie adoptieren reihenweise Kinder aus Afrika. Auch eine Form der Entwicklungshilfe?

          Die ganze Aufmerksamkeit dafür, dass Madonna ein Kind adoptiert, ist Zeitverschwendung. Wir haben hier über sehr wichtige Dinge zu reden, fast eine Milliarde Menschen leiden unter gravierenden wirtschaftlichen Problemen.

          Ihr Buch ist ziemlich umstritten. Sie wollen die Entwicklungshilfe in fünf Jahren komplett streichen. Warum?

          Weil wir diese Diskussion irgendwann führen müssen und ich der Meinung bin, der richtige Zeitpunkt dafür ist jetzt. In den vergangenen 50 Jahren sind über zwei Billionen Dollar an Hilfen von den reichen an die armen Länder geflossen. Aber dieses Modell hat nirgendwo auf der Welt wirtschaftlichen Aufschwung gebracht. Dabei wissen wir, wie es geht. Wir haben gesehen, welche Konzepte die Armut in China, Indien, Südafrika und Botsuana vermindert haben. Diese Länder haben auf den Markt als Motor für Wirtschaftswachstum gesetzt.

          Warum hat die Entwicklungshilfe versagt?

          Wenn Sie ein Land abhängig machen von Hilfen, dann nehmen sie die Karotte weg und den Prügel: Niemand wird bestraft, wenn er nicht innovativ ist, denn die Hilfen fließen trotzdem. Und niemand wird belohnt, wenn er sich anstrengt. Es gibt in Afrika viele sehr smarte Leute, aber die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ermutigen sie nicht dazu, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

          Sollen wir also nicht mehr spenden?

          Mir geht es nicht um die Notfallhilfe, etwa nach einem Tsunami oder Erdbeben. Ich meine auch nicht das Geld von Spendenorganisationen - das sind relativ kleine Summen. Das Problem sind die Hilfen auf Regierungsebene, die in großem Maßststab etwa von der Weltbank an afrikanische Länder vergeben werden. Die sollten gestrichen werden, denn sie haben die Armut nur verschärft.

          Und was soll mit den Millionen von Menschen geschehen, die in Afrika unter Aids leiden?

          Auch das ist Notfallhilfe. Ich habe nie gefordert, sie zu streichen. Aber was ist das für eine Gesellschaft, in der das Gesundheitssystem, die Bildung und die Infrastruktur von Spendenorganisationen finanziert werden? Solche öffentlichen Güter müssen auf lange Sicht die afrikanischen Regierungen bereitstellen. Es ist lächerlich, dass Spendenorganisationen den Laden schmeißen. Diese Organisationen haben ihre Verdienste, etwa im Kampf gegen Malaria. Aber wir reden hier über zwei verschiedene Dinge: Das eine sind Heftpflaster und das andere langfristige Lösungen. Wir müssen Arbeitsplätze durch Wirtschaftswachstum schaffen, und das kann Malariahilfe nicht leisten.

          Sie selbst haben als Stipendiatin westliche Entwicklungshilfe bekommen. Sind Sie nicht der Gegenbeweis Ihrer eigenen Thesen?

          Moment, ich bin nur gegen Hilfen als unbegrenzte Zusagen, für die im Gegenzug nichts erbracht werden muss. Um ein Stipendium zu bekommen, müssen Sie gewisse Leistungen vorweisen, und es gibt die klare Erwartung, dass Sie hart arbeiten werden, um Ihren Abschluss zu machen. Das ist etwas ganz anderes.

          Es gibt Beispiele dafür, dass Entwicklungshilfe funktioniert: zum Beispiel der amerikanische Marshallplan.

          Die Marshallplan-Hilfen nach dem Zweiten Weltkrieg waren klar abgegrenzt und zeitlich eng befristet. In den Köpfen der afrikanischen Regierungen ist dagegen mittlerweile fest verankert, dass die Hilfen dauerhaft fließen. In Zimbabwe zahlen die Leute seit langem keine Steuern mehr, aber Mugabe ist immer noch an der Regierung, weil es die Entwicklungshilfe gibt.

          Sie sagen, Afrika soll auf den Markt statt auf Almosen setzen. Ist das eine gute Idee mitten in der größten Krise der Marktwirtschaft seit achtzig Jahren?

          Diese Krise ist für Afrika eine großartige Chance zur Veränderung. Alle anderen Regionen der Welt werden ihre Wirtschaftspolitik verändern, und das sollte Afrika auch tun. Wenn ich die Regierung von Sambia wäre, würde ich mir sagen: Moment mal, die britische Regierung wird ihre Hilfen kürzen, die Italiener haben es schon getan. Ich muss handeln. Es gibt einen fundamentalen Wandel überall auf der Welt, und ich muss nach anderen Wegen der Finanzierung suchen.

          Was empfehlen Sie als afrikanische Ökonomin?

          Wir müssen den Außenhandel stärken. Nicht mit Nordamerika oder Europa - diese Märkte sind gegen Güter aus Afrika, etwa landwirtschaftliche Produkte, weitgehend abgeschottet. Ich würde auf den Handel mit Ländern wie China setzen, die brauchen Lebensmittel aus Afrika.

          Ihre Kritiker sagen, der Handel werde in Afrika nur Kinderarbeit und Umweltzerstörung fördern.

          Die Afrikaner sind keine Kinder. Wir brauchen solche Ratschläge nicht. Umweltpolitik und Arbeitsschutzgesetze sind unabdingbar. Aber die sambische Regierung muss selbst dafür sorgen, dass es in ihrem Land keine Kinderarbeit gibt. Die Afrikaner und nicht die Europäer sollten ihre Regierungen dafür verantwortlich machen.

          Das ist Ihr Wunsch. Aber werden die afrikanischen Regierungen Kinderarbeit wirklich unterbinden?

          In weiten Teilen Afrikas sind die Arbeitslosenzahlen zweistellig. Es gibt genügend junge Erwachsene, die sehr gerne arbeiten würden, aber keinen Job finden. Es braucht keine Kinderarbeit. Wollen wir ernsthaft, dass alle keine Arbeit haben, nur weil wir es uns nicht zutrauen, Kinderarbeit zu verhindern? Hoffentlich nicht.

          Zerstören Handel und Wirtschaftswachstum die Umwelt in Afrika?

          Es bringt nichts, jemandem, der sechs Kinder ernähren muss, zu sagen, er soll diesen Baum nicht umhacken. Armut ist ein größerer Feind der Umwelt als Wirtschaftswachstum.

          Hilft es, wenn wir Fair-Trade-Schokolade essen?

          Theoretisch ist es ja eine gute Idee, dass deutsche Kunden mehr bezahlen, weil sie wissen, dass diese Schokolade nicht auf Kosten der Umwelt und von Kindern hergestellt wurde. Aber hat Fair Trade dazu geführt, dass afrikanische Güter die europäischen Märkte überschwemmen? Nein, weil diese immer noch abgeschottet sind. Der Handel mit China ist vielversprechender als Fair Trade mit Europa.

          Im Westen sehen viele die Chinesen als Kolonialisten, die Afrika ausbeuten.

          Das ist nur Neid. Der auf Mitleid und Almosen basierte Ansatz der westlichen Entwicklungshilfe ist gescheitert. Das chinesische Modell hat in Afrika innerhalb von fünf bis zehn Jahren mehr Arbeitsplätze und Infrastruktur geschaffen als der Westen in 60 Jahren.

          Stabilisiert China nicht Afrikas Diktatoren?

          Viele der größten Despoten Afrikas - Mobutu Sese Seko, Idi Amin, Mugabe, Bokassa - waren lange vor den Chinesen da. Es ist lächerlich, wenn sich westliche Länder jetzt auf einmal wegen China um die Menschenrechte in Afrika sorgen. Ein sudanesischer Freund sagte mir: Dambisa, ich lebe lieber mit einem Job und einer Straße vor dem Haus unter einem Despoten als in einer Armutshölle unter einem Despoten.

          Die Bestsellerautorin

          Mit ihrem ersten Buch „Dead Aid“ (erschienen im Penguin-Verlag) hat es Dambisa Moyo auf Anhieb in die Bestsellerliste der „New York Times“ geschafft. Die Afrikanerin ist geboren und aufgewachsen in Sambia, verließ das Land aber 1990 nach einem Putschversuch. Die promovierte Ökonomin hat an den Eliteuniversitäten Harvard und Oxford studiert und zwei Jahre für die Weltbank gearbeitet. Die letzten acht Jahre war Dambisa Moyo bei der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs tätig. Ihr nächstes Buch ist bereits in Arbeit: In „How the West was Lost“ beschreibt sie die wirtschaftspolitischen Fehler, die zur weltweiten Finanzkrise geführt haben.

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