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Dämm-Agentur „Dena“ : Angriff der Umerzieher

  • -Aktualisiert am

Dämmen lohnt sich, tönt Ulrich Wickert in der Werbung – er sagt nur nicht, für wen Bild: daemmen-lohnt-sich.de

„Dena“ heißt eine Staatsagentur, die uns zum Dämmen bekehren will. Die Industrie findet es prima. Und der Bürger zahlt die Rechnung.

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          Ulrich Wickert hat eine neue Aufgabe: Der geschäftstüchtige Ex-Tagesthemen-Moderator mit einem Hang zum Guten verschönerte schon die Fußball-WM mit TV-Spots, nun läuft seine Werbung zur teuersten Sendezeit. „Dämmen lohnt sich!“, lautet die Botschaft: „Häuser sind wie Menschen.“ Das stattliche Honorar („Superstars kosten Geld!“) für solch zarte Lyrik zahlt ein Verein namens Qualitätsgedämmt e.V.. Dahinter steckt die einschlägige Industrie, was nicht verwundert, schließlich wollen die Firmen ihr Zeug verkaufen – unter welcher Tarnung auch immer. Warum aber ist der Staat mit an Bord? Was hat die öffentliche Hand hier zu suchen?

          Als Partner in diesem jungen Dämm-Club, eigens zu Propagandazwecken gegründet, grüßt die „Deutsche Energie-Agentur“, kurz: Dena. Bei dieser Truppe, die sich gerne als neutrale, private Institution gebärdet, handelt es sich in Wahrheit um eine Organisation unter Fittichen des Staates, kontrolliert von der Bundesregierung, gefüttert Jahr für Jahr mit Millionen an Steuergeldern, bisweilen gebraucht zur Versorgung von Staatsdienern und getrieben vom Ehrgeiz, das Volk zur „Energieeffizienz“ zu bekehren.

          Anfangs war die Agentur eine rein staatliche Veranstaltung, heute hält der Bund – zusammen mit den 26 Prozent der KfW – noch 76 Prozent, den Rest teilen sich die Minderheitseigner Allianz, Deutsche Bank, DZ-Bank. Die Idee klang so abwegig nicht: Wenn das Land auf die Kernenergie verzichtet, Öko-Strom die Lücke so schnell nicht schließt, muss Energie gespart werden. Stichwort: Energieeffizienz. Das Volk mit Gesetzen dazu zu zwingen ist schwer, vor allem politisch unklug. Die Leute allein mit finanziellen Anreizen zu ködern, wird irgendwann zu teuer. Also wählte man den vermeintlich sanfteren Weg einer breit eingebetteten Umerziehung – auf diesem Pfad ist die Dena unterwegs. „Gutmenschentum zur Drangsalierung Dritter“, nennen das Lästermäuler in Berlin.

          Eine typische „frogs“-Aktion

          Wenn die Technokraten sich erst einmal ein Ziel gesetzt haben – Häuser sind zu dämmen! –, geht’s brachial zu Werke. Die Folge ist im ganzen Land zu sehen, mit einem Dämmwahn, der sich gewaschen hat. Deutschland, Volk der Abdichter und Wärmedämmer, höhnte die „Neue Zürcher Zeitung“. Milliarde für Milliarde fließt in die energetische Sanierung. Die Häuser werden mit dicken Platten verpackt, das Dämmen zur Glaubenslehre erhoben – da können noch so viele Sachverständige warnen; vor der Brandgefahr des Styropors, vor dem Schimmelrisiko, der ökologisch bedenklichen Verwertung am Endes des Lebenszyklus. Die Verbände der Hauseigentümer raten ihren Mitgliedern inzwischen davon ab, Fassaden im Nachhinein zu dämmen (rechnet sich praktisch nie).

          All das muss die Lobby nicht stören. „Dämmen lohnt sich“, tönt Ulrich Wickert in der Werbung – er sagt ja nicht, für wen. Volkswirtschaftlich sei die energetische Sanierung ein Desaster, „eine gigantische Fehlallokation von Ressourcen, rausgeworfenes Geld“: So schimpft der Berliner Ökonom Harald Simons, Chef des Instituts „Empirica“. „Wir erleben eine Geldschneiderei mit Heiligenschein“, sagt der Wissenschaftler. Die Dämm-Guerrilla ficht das nicht an, im Zweifel igelt sie sich ein gegen all die Ignoranten da draußen.

          Chef der Dena ist ein Mann namens Stephan Kohler, ehemals Kämpfer im Freiburger Öko-Institut, berüchtigt für seine Kontakte in die Politik, vor allem in die SPD. Das Ferienhaus teilt er mit Duz-Freund Frank-Walter Steinmeier, seine Gattin hat das Büro von Sigmar Gabriel geleitet. Begonnen hat die ganze Dena-Geschichte – wie könnte es anders sein – in Hannover, eine typische „frogs“ (Friends of Gerd Schröder)-Aktion, angestoßen im Jahr 2000, als sich Rot-Grün im Bund aufmachte, die Atomkraftwerke auszuknipsen. 185 Leute beschäftigt die ehemals schlanke Agentur inzwischen, entsprechend haben sich die Kosten vervielfacht. Die Rechnung geht an den Staat. Nur was bekommt der Bürger dafür? „Aus Sicht der Steuerzahler könnte man das Geld besser anlegen“, urteilt Professor Uwe Leprich, Energieexperte an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Saarbrücken. „Wir haben Verbraucherschützer, Forschungsinstitute und Verbände – wozu noch eine Dena?“

          Die Pleiten des Dena-Chefs Kohler

          Ja, wozu eigentlich? Festzuhalten bleibt: Die Dena ist nicht zu verwechseln mit der Bundesnetzagentur, einer Behörde mit glasklarem Auftrag; die Netze für Elektrizität, Telekom, Post und Bahn zu regulieren. Und was regelt die Dena, dieses seltsame Gebilde, das sich selbst „Kompetenzzentrum“ nennt? Keineswegs handelt die Energieagentur mit Energie, erst recht erzeugt sie keinen Strom. Was also treibt sie dann? Sie macht Stimmung, gerne für die Dämmindustrie, auch auf unverdächtig klingenden Internetportalen wie „Zukunft Haus“.

          Der Anspruch ist allumfassend, ja global. In Geschäftsberichten rühmt sich die Staatsagentur ihrer „hohen Kompetenz in der Durchführung von Kampagnen“, Tadschikistan wie Kasachstan werden als Betätigungsfelder aufgeführt, die Türkei und Russland, China sowieso. Energiewende ist überall. Und so fliegt Dena-Chef Kohler schon mal mit Außenminister Steinmeier nach Peking, um den Chinesen zu zeigen, wo es lang geht in Sachen Klimaschutz.

          Dumm nur, dass ihm selbst das ein oder andere Malheur passiert, zuletzt mit einer Pleite in Moskau: „Dena stellt Kooperation mit Russland auf neue Basis“, hat er im Februar 2013 gemeldet. Das klingt schon schönfärberisch, ist aber noch schlimmer: Das Geld, das er in ein Joint Venture namens „rudea“ gesteckt hatte, ist abgeschrieben, weg - auf Nimmerwiedersehen. Was der deutsche Steuerzahler überhaupt in Moskau an Seite der Gasprom-Bank verloren hatte, ist eine andere Frage. Geld verbrennen lässt sich auch zu Hause, sogar in Hannover, wo der heutige Dena-Chef einst der Energieagentur des Landes Niedersachsen vorstand. Dort kam es seinerzeit zu einem „erheblichen Missverhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung“, so der Landesrechnungshof im O-Ton: „Eine Insolvenz wegen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung konnte nur durch anteilige Verlustübernahme der Gesellschafter abgewendet werden.“ Ende 2003 wird die Agentur in Hannover aufgelöst. Im Rückblick sagt Stephan Kohler in der „taz“: „Nobody is perfect. Ich bin ein Mensch, der arbeitet, auch ich mache Fehler.“

          Wie der Beruf des Energieberaters erfunden wurde

          Trotzdem will ihn der damalige RWE-Chef Jürgen Großmann zu sich in den Konzern holen, schmiert ihm Honig ums Maul. Es kommt anders. Kohler sagt erst zu, unterschreibt gar einen Arbeitsvertrag, um dann einen Rückzieher zu machen. Als Vertragsbruch empfinden das die RWE-Leute. Finanziell bleibt Kohler damit unter seinen Möglichkeiten – mit 183.755 Euro Gesamtvergütung (2012) als Dena-Geschäftsführer, aber jenseits dessen, was sich für einen Staatsdiener geziemt. So zumindest moniert es der Bundesrechnungshof, mit dem sich der Dena-Chef regelmäßig fetzt, teils so hitzig, dass die Rechnungsprüfer die Energieagentur auffordern, nicht länger zu lügen, konkret: „unrichtig wiedergegebene Sachverhalte“ von der Homepage zu entfernen. Aktuell wird Kohler vorgeworfen, dass seine Agentur gegen das „Besserstellungsverbot“ verstößt. Das besagt grob: Wird eine Einrichtung von der öffentlichen Hand finanziert, dürfen die Manager dort nicht mehr verdienen als im öffentlichen Dienst. Der Bundesrechnungshof hat deshalb empfohlen, die Vergütung anzupassen, der Bundestag hat sich dies zu eigen gemacht und den Wirtschaftsminister zum Handeln aufgefordert – was die Dena naturgemäß nicht einsieht: Die Gehälter seien nicht zu hoch, „Mitarbeiter werden angemessen bezahlt“.

          Alles liefe geschmeidiger, gelänge es Dena-Chef Kohler, noch mehr Geld von der Industrie einzuspielen. Das schlägt – erstens – direkt auf seinen Bonus durch, erlaubt zudem mehr Freiraum von der Politik, kostet aber Glaubwürdigkeit in der ökologisch-bewegten Klientel. Gerade die Grünen verdächtigen ihn als Handlanger der Konzerne. Da wirkt es wie eine glückliche Fügung, dass die Dena sich eine neue, auf den ersten Blick unverdächtige Geldquelle erschlossen hat: Energieausweise für Häuser werden Pflicht. Dazu wurde einst der Beruf des Energieberaters erfunden. Die Liste von 10.000 Experten führt exklusiv die Dena – und lässt sich dieses Monopol von jedem einzelnen dieser Experten honorieren. Wer sein Haus staatlich gefördert sanieren will, kommt seit Anfang Juni nicht daran vorbei. „Wenn ein Architekt oder Ingenieur die Schutzgelder an die Dena nicht zahlt, darf er seinen Beruf nicht so ausüben, wie er will“, empört sich ein Energieberater. Ulrich Wickert würde nie so böse reden.

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