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Contra Splitting : Nein zur Einverdiener-Ehe!

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Wenn etwas durch das Ehegatten-Splitting erzeugt wird, dann die Einverdiener-Ehe. Im Prinzip setzt es also den ökonomischen Anreiz für ein Lebensmodell von vorgestern.

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          Stellen Sie sich eine Frau vor, die es geschafft hat. Sie ist Händlerin einer Investmentbank mit einigen Jahren Erfahrung oder mehrfache Aufsichtsrätin in Großunternehmen. Auf jeden Fall verdient sie mehr als 500.000 Euro im Jahr. Sie heiratet einen Mann, der daraufhin beschließt, lieber nicht mehr arbeiten zu gehen - sie hat ja genug für beide - und sich dem Sammeln von Edelsteinen zu widmen. Schön für die beiden, denkt man, wir wünschen eine angenehme Ehe.

          Und was macht der Staat? Für diese Entscheidung schenkt er der Frau mehr als 15.000 Euro jährlich. So viel Steuern weniger muss sie nämlich bezahlen, wenn sie den Mann ohne Einkommen heiratet.

          Und jetzt denken Sie an ein Paar, das ich kenne. Unverheiratet, weil sie das nicht so wichtig finden, aber mit einer kleinen Tochter. Sie arbeitet 80 Prozent, weil die Tochter noch viel Aufmerksamkeit braucht. Er verdient mehr als sie. Dass sie ihren Job aufgibt, ist aber nicht drin, sie hat auch gar keine Lust dazu. Letztens hat das Paar gerechnet: Wenn sie heiraten würden, würden sie 900 Euro jährlich weniger zahlen an Steuern. Wenn die Frau demnächst wieder voll arbeitet, sinkt der Vorteil auf 115 Euro. Heiraten lohnt sich nicht, befand das Paar.

          Willkommen im Vorgestern

          Diese Beispiele zeigen: Das Ehegatten-Splitting, so wie es in Deutschland praktiziert wird, schützt oder fördert nicht die Ehe an sich, wie gerne behauptet wird. Es fördert vielmehr die Ehe, in der die Einkommensunterschiede besonders groß sind, also die Ehe, in der einer sehr gut verdient und der andere zu Hause bleibt. Dabei ist völlig egal, aus welchem Grund jemand zu Hause bleibt. Im Prinzip setzt es also den ökonomischen Anreiz dafür, dass ein Partner zu Hause bleibt, sobald die Ehe geschlossen ist. Willkommen im Vorgestern. Verstehen Sie mich nicht falsch, es spricht nichts dagegen, dass Ehepaare sich die Arbeit teilen: einer arbeitet im Job, der andere macht den Haushalt und geht seinen Hobbys nach oder arbeitet im Ehrenamt. Jeder soll leben, wie er mag. Die Frage ist nur: Muss der Staat dafür die Steuern erlassen?

          Das Ganze mag ja einst einen gewissen Sinn gehabt haben. Als die gemeinsame Veranlagung nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt wurde, hatte man ein klares Bild vor Augen. Ein Großteil der Frauen würde traditionsgemäß nach der Hochzeit daheim bleiben und den Haushalt samt Kinderschar schmeißen. Doch das entspricht überhaupt nicht mehr dem, wie Paare heute leben. 70 Prozent der deutschen Frauen und 75 Prozent der Männer zwischen 20 und 64 arbeiten und wollen oder können das auch nicht aufgeben, höchstens kurz, wenn Kinder kommen. Immer mehr Kinder wachsen in Familien auf, in denen Vater und Mutter arbeiten. Wozu also ein Steuersystem, das den Anreiz setzt, so zusammenzuleben, wie es offenbar kaum einer mehr will: in der Einverdiener-Ehe?

          Ein Argument der Befürworter des Ehegatten-Splittings lautet: Es fördert ja nicht nur die Einverdiener-Ehe, es fördert auch die Familie. Das stimmt natürlich. Wenn ein Mann zugunsten der Kinder seine Arbeitszeit reduziert oder den Job aufgibt, dann sind die Einbußen für die Familie geringer, wenn er verheiratet ist. Aber wieso profitiert dann jedes Ehepaar davon, das ungleich verdient, egal ob es Kinder hat oder nicht?

          Und wieso profitieren davon nicht auch die Paare mit Kind, die unverheiratet sind? Es ist doch Irrsinn, ein seltsames System beizubehalten, nur weil es auch ein paar positive Auswirkungen hat. Zur Familienförderung gibt es bessere Mittel. Ein Familien-Splitting wie in Frankreich etwa. Oder man besteuert Ehegatten einfach so, als wären sie unverheiratet, und erhöht im Gegenzug das Kindergeld.

          Es ist Zeit: Schafft das Ehegatten-Splitting ab und ersetzt es durch eine gute Familienförderung! Dann würden auch endlich diese unseligen Geschichten aus dem Bekanntenkreis aufhören: „Wir müssen unbedingt noch dieses Jahr heiraten, sagt der Steuerberater.“ Dann geht es bei Hochzeiten endlich wieder um die Liebe. Wunderbar.

          Pro Splitting: Ja zu mehr Solidarität!

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