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Comeback : Herr Hartz entdeckt Europas Jugend

Peter Hartz Bild: dpa

Was macht eigentlich der Namensgeber von Deutschlands größter Arbeitsmarktreform? Er kümmert sich im Rentenalter um die Zukunft des Kontinents und sammelt dafür Milliarden ein.

          3 Min.

          Hartz – der Name entfaltet immer noch eine gewaltige Zugkraft. Wenn sein mit Abstand bekanntester Träger, mit Vornamen Peter, durch die Saarbrücker Kongresshalle schreitet, tönt es aus allen Ecken: „Hallo, Herr Hartz!“ und: „Schön, Sie zu sehen, Herr Hartz!“. Viele hier sind mit ihm per du. Für Landsmann und Bundesjustizminister Heiko Maas ist er nur „der liebe Peter“, dem er für seinen unermüdlichen Einsatz dankt. Man kennt sich halt im kleinsten deutschen Flächenbundesland, wo man vom Rest der Republik normalerweise mit Aufmerksamkeit nicht gerade überhäuft wird. Deshalb freut sich auch Mass’ SPD-Parteifreundin und Nachfolgerin als Landesarbeitsministerin darüber, dass Saarbrücken für drei Tage zum Nabel des europäischen Arbeitsmarktes geworden ist.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          An der Saar steht das „Thema Nummer eins in Europa“ (Hartz) im Mittelpunkt: die Bekämpfung der hohen Jugendarbeitslosigkeit. Anders als in Deutschland sind in den meisten Ländern seit Ausbruch der Krise die Chancen der Jüngeren am Arbeitsmarkt dramatisch gesunken. Rund 5,5 Millionen unter 25 Jahren sind auf der Suche nach einem Arbeitsplatz und einer Zukunft. Einige Länder ächzen unter 50 Prozent Arbeitslosenquote. Bis zum Mittwoch diskutieren deshalb fast 500 Teilnehmer aus 24 Ländern in Saarbrücken über Wege aus dieser Misere. Auch der EU-Arbeitskommissar László Andor ist dem Ruf in den südwestlichsten Zipfel Deutschlands gefolgt. Er dankt dem Organisator und hofft auf „wichtige Impulse“ von dem Treffen.

          Es ist ein bemerkenswertes Comeback eines Mannes, der im August 73 Jahre alt wird. Ein Alter, in dem andere längst mindestens einen Gang zurückgeschaltet haben. Doch der Sohn eines Hüttenarbeiters sprüht vor Begeisterung, wenn er seinen Sechs-Punkte-Plan vorstellt. Auch wenn vieles davon wie etwa ein Wertpapier für Ausbildungszeiten noch unausgegoren wirkt („Sie erleben hier quasi die Geburt“) oder altbekannt wie im Falle der Talentdiagnostik – es ist die Überzeugung, mit der Hartz seine Ideen vorbringt, und das Wissen, dass er schon einmal grundlegende Umwälzungen am Arbeitsmarkt angeschoben hat. Dafür steht der Name Hartz.

          Der Name ist Fluch und Segen zugleich

          „Ach, der Name ...“ sagt Hartz, darauf angesprochen, und lässt den Satz auslaufen. Dieser Name ist Fluch und Segen zugleich. Segen, weil ohne seine Strahlkraft eine solche Großveranstaltung nie zustande gekommen wäre. Fluch, weil er für seinen Träger seit mehr als einem Jahrzehnt zu einer übergroßen Bürde geworden ist.

          Die Geschichte ist oft erzählt: Peter Hartz, der bis dahin so erfolgreiche Arbeitsdirektor von Volkswagen, der die vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) eingesetzte Kommission zur Reform des Arbeitsmarktes leitete und der seine Vorschläge als „Bibel für den Arbeitsmarkt“ mit den Worten überreichte, dies sei ein guter Tag für die Arbeitslosen. Vier Reformgesetze trugen seinen Namen, wobei vor allem das vierte – die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe – die Nation spaltete und den Sturz einer Regierung einleitete. Oft genug hat Peter Hartz sich von der politischen Umsetzung seiner Ideen distanziert. Allein es half nichts. „Hartz“ mutierte rasch zum Schimpfwort, je nach Standpunkt des Benutzers mal als Metapher für einen überbordenden Sozialstaat, mal für die Drangsalierung der sozial Schwächsten in diesem Land. Endgültig sank der Stern von Peter Hartz, als 2005 die Lustreisen von Managern und Betriebsräten im VW-Konzern bekannt wurden. Hartz wurde wegen Untreue angeklagt und zu einer Bewährungsstrafe sowie einer Geldstrafe verurteilt. Bei VW trat er zurück.

          Stabilität bot ihm in dieser Phase der Rückzug in die Heimat, wo er 1999 seine Stiftung SHS – Saarländer helfen Saarländern – aufgebaut hatte. Den Arbeitsmarkt verlor er jedoch nicht aus den Augen. 2012 kehrte er kurzzeitig ins Blickfeld der Öffentlichkeit zurück, als er den Mitarbeiterinnen der insolventen Drogeriemarktkette Schlecker anbot, sie in seinem „Minipreneur-Zentrum“ für alternative Aufgaben fit zu machen. „Talentdiagnostik“, „Gesundheitscoaching“ und „Kreativworkshop“ hießen schon damals die Schlagworte – allein die Nachfrage der Schlecker-Frauen war äußerst mager.

          Teile davon finden sich jetzt auch in dem Konzept für Europas Jugendliche wieder. Es dürfte der letzte große Versuch des ewig Missverstandenen sein, als Reformer doch noch ins rechte Licht gerückt zu werden. „Hartz V für Europas Jugend“, könnte ein passender Arbeitstitel lauten. Der Zeitpunkt ist günstig, denn im Juli kommen in Turin zahlreiche Regierungsvertreter aus der EU zusammen, um über konkrete Maßnahmen gegen die Jugendarbeitslosigkeit zu sprechen. Bislang haben die Mitgliedstaaten eine Jugendgarantie ausgesprochen, die jedem Arbeitslosen zumindest ein Praktikum sichern soll, und dafür rund 6 Milliarden Euro zugesagt. Für Hartz aber ist das zu wenig: 215 Milliarden Euro Bedarf haben er und seine Mitstreiter ausgerechnet. Eine utopische Summe? Nein, echauffiert sich Hartz, Europa sei reich. „Das Geld ist da“, ruft er mehrmals, allein die Investmentfonds kämen auf eine Einlagesumme von 3 Billionen Euro, das habe er extra noch mal nachgeschlagen.

          Für die Umsetzung von großen Projekten, das habe er bei VW gelernt, brauche es drei Dinge: Ideen, Ressourcen und Macht. Deshalb will er an diesem Mittwoch mit Bankern über seine Wertpapierpläne reden. „Es braucht Politiker mit heißem Herzen, die sich der Sache annehmen“, sagt Hartz beschwörend. „Fragen Sie doch mal Frau Merkel“, rät er leicht schmunzelnd einem Journalisten, der sich nach den Umsetzungchancen des Projektes erkundigt hat. Peter Hartz weiß, wie große Steine ins Rollen kommen.

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