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Columbus : Europa forscht im All

Eine Aufriss-Zeichnung zeigt das Labor 'Columbus' Bild: ASSOCIATED PRESS

An diesem Donnerstag soll das Forschungslabor Columbus seine Reise zur Raumstation ISS antreten. Schwerpunkt ist dort die Grundlagenforschung, doch die Regierungen hoffen auch auf wirtschaftlich verwertbare Ergebnisse.

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          Wenn der Start der Raumfähre Atlantis am Donnerstag planmäßig verläuft, ist die europäische Forschung bald dauerhaft im Weltall vertreten. Denn Atlantis transportiert das europäische Forschungslabor Columbus zur Internationalen Raumstation (ISS), das permanent angedockt werden soll. Mit 15 Jahren Verspätung kommt damit ein Plan zur Umsetzung, der Europa die eigenständige Forschung im All ermöglichen soll.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Dieser Meilenstein der Raumfahrt hat auch wirtschaftliche Aspekte. Bei den für das All vorgesehenen Versuchen handelt es sich zwar zu 95 Prozent um Grundlagenforschung, wie Matthias Spude, Sprecher des Generalunternehmers EADS Astrium, erläutert. Doch konkrete, wirtschaftlich verwertbare Ergebnisse seien langfristig durchaus vorstellbar. So würden im neuen Forschungslabor etwa Experimente über die Wirkungen der Schwerelosigkeit auf den menschlichen Körper durchgeführt, die später einmal zum Kampf gegen den Knochenschwund beitragen könnten. Auch seien Werkstofftests in der Schwerelosigkeit geplant, die Auskünfte über Materiallegierungen geben könnten. Auch der Aluminiumrahmen des Audi A8, der sogenannte Space frame, habe seine Ursprünge im All, erinnert Spude.

          Ulrich Walter, ehemaliger Astronaut und heute Professor für Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München, stimmt zu: Im Weltraum habe man gelernt, wie Aluminium durch die Zugabe von Silizium steif gemacht würde. „Das ist ein typisches Beispiel dafür, wie man im Weltall Verständnis und Einsichten gewinnen kann, um Dinge auf der Erde besser zu machen“, sagte er dieser Zeitung. Aber er erinnert auch an das Wesen von Grundlagenforschung: „Niemand kann sich sicher sein, dass am Ende etwas Großes herauskommt.“

          880 Millionen Euro Kosten

          Entwicklung und Bau des Forschungslabors Columbus haben 880 Millionen Euro gekostet. Die größten Partner sind Deutschland mit 51 Prozent, Italien mit 23 Prozent und Frankreich mit 18 Prozent. Auch die Vereinigten Staaten und Kanada sind beteiligt. EADS Astrium, die Weltraumgesellschaft des EADS-Konzerns, berichtet, dass das Projekt die ursprünglich vereinbarten Kosten, den Zeitrahmen und die angestrebte Qualität eingehalten habe. Das Unternehmen hatte als Generalunternehmer 41 Zulieferer in zehn europäischen Ländern zu koordinieren. Diese wiederum arbeiteten mit 370 Unterzulieferern in Europa zusammen. Das acht Meter lange und fast 13 Tonnen schwere Labor (Startgewicht) ist aus zwei Millionen Einzelteilen zusammengesetzt worden.

          Auftraggeber ist die Europäische Raumfahrtagentur (ESA). Sie habe mit EADS Astrium einen Festpreis vereinbart, sagt Sprecher Spude. Anders als früher konnten die Hersteller also nicht einfach ihre Kosten mit einem Gewinnaufschlag weiterreichen. Sein Unternehmen mache mit dem Auftrag trotzdem „einen vertretbaren Gewinn“, sagt er. In Deutschland profitieren die Astrium-Standorte Bremen und Friedrichshafen von Columbus. 350 bis 400 hochqualifizierte Arbeitsplätze sind dadurch gesichert worden. Die Arbeiten des Labors werden vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen gesteuert und überwacht. Neben dem Bau hat EADS Astrium von der ESA auch den Vertrag über Betrieb und Nutzung von Columbus, einschließlich des Astronautentrainings, für knapp zehn Jahre erhalten. Der Auftragswert beträgt rund 2,5 Milliarden Euro.

          Im Zuge seiner Entwicklungsgeschichte ist das Projekt mehrfach verschoben und verkleinert worden. Seine Ursprünge gehen auf eine Initiative des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan zurück. Dann jedoch fiel in Europa der Eiserne Vorhang, und die Russen sollten mit ins Boot geholt worden. Später fiel Deutschland wegen der Wiedervereinigung als Finanzier aus. Und 2003 brachte die Explosion der als Shuttle vorgesehenen Raumfähre Columbia einen weiteren Rückschlag.

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