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Christine Lagarde : Blitzaufstieg einer Ex-Anwältin

Christine Lagarde: Aus der privaten Wirtschaft in die Politik Bild: REUTERS

Sie ist eine Ausnahmeerscheinung in der französischen Regierung. Bis vor kurzem dirigierte Christine Lagarde aus Chicago eine der weltgrößten Kanzleien, jetzt sitzt sie in Sarkozys Kabinett - als Frankreichs erste Wirtschaftsministerin. Ein Porträt.

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          In Gummistiefeln auf einem Bauernhof konnte man sich Christine Lagarde nie richtig vorstellen. Immer modisch gekleidet und braungebrannt, schien die Eleganz der hochgewachsenen Französin mit dem Landwirtschaftsministerium nur schwer vereinbar. Vier Wochen nach ihrer Ernennung zur Agrarministerin hat ihr Staatspräsident Nicolas Sarkozy auch tatsächlich eine neue, weiter gefasste und damit wichtigere Aufgabe zugewiesen. Von Jean-Louis Borloo übernimmt sie als erste Frau das Wirtschafts- und Finanzministerium.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Der Titel der Finanzen sichert ihr den Vertretungsanspruch bei den internationalen Treffen der Finanzminister; freilich ist ihre Macht in diesem Bereich deutlich eingeschränkt, seit Sarkozy das Finanz- und Wirtschaftsministerium aufgeteilt und die Hoheit über den Staatshaushalt ihrem Ministerkollegen Eric Woerth übertragen hat. „Wirtschaftsministerin“ wäre wohl die bessere Bezeichnung. Dies schmälert indes nicht ihren atemberaubenden Aufstieg - zuerst in der privaten Wirtschaft und jetzt in der Politik.

          Ausnahmeerscheinung mit weitreichenden Kontakten

          Die am Neujahrstag 1956 geborene Pariserin ist eine Ausnahmeerscheinung in der französischen Regierung. Bis vor zwei Jahren dirigierte sie als Chefin einer der weltgrößten Anwaltskanzleien noch mehrere tausend Anwälte rund um den Globus. Dann holte der damalige Premierminister Dominique de Villepin die Präsidentin von Baker & McKenzie von Chicago an die Seine. Mancher wunderte sich damals, wie sie den undankbaren Posten als Handelsministerin annehmen konnte - nach deutschen Maßstäben eine Art Staatssekretärin -, nachdem sie vorher an der Seite von multinationalen Konzernen weltumspannende Fusionen und Übernahmen begleitet hatte; das „Wall Street Journal“ taxierte sie einst als fünftmächtigste Geschäftsfrau Europas.

          Doch vielleicht roch sie den bevorstehenden politischen Wandel in Paris, wo sie der unkonventionelle Sarkozy trotz eines fehlenden Netzwerkes in Frankreich bald als Talent erkannte. Als Außenhandelsministerin war sie zunächst ohnehin mehr im Ausland unterwegs als in der Heimat. Dank ihrer guten Kontakte in die Finanzwelt und Großindustrie - Josef Ackermann gehört etwa dazu - hinterließ sie auch als untergeordnete Ministerin einen bleibenden Eindruck, etwa in Davos, wo sie sich pudelwohl fühlt.

          Mit Flexibilität zurück zu den Wurzeln

          Im französischen Maßstab gehört Lagarde in die liberale Ecke der Regierung. Wenige Stunden nach ihrem Antritt in der Regierung Villepin setzte sie sich gleich in die Nesseln, indem sie das starre Arbeitsrecht als Jobkiller verurteilte und dafür vom Premierminister einen Rüffel erhielt. Man täusche sich jedoch nicht in ihrer Flexibilität. In den wenigen Tagen als Landwirtschaftsministerin rückte sie keinen Zentimeter von der protektionistischen Haltung Frankreichs ab, die alle Welthandelsgespräche erschwert - womit sich auch wieder einmal die unüberwindliche Dominanz des Elysée-Palastes zeigt.

          Die Tochter eines Universitätsprofessors und einer Lehrerin hat die Eliteuniversität „Sciences Po“ besucht, scheiterte aber an der Aufnahme in die Kaderschmiede ENA. Schon 1981 fing sie bei Baker & McKenzie an, arbeitete zuerst in Paris, später in den Vereinigten Staaten. Seit zwei Jahren hat sie ihr Heimatland wieder. Die Rückkehr zu den Wurzeln ist jetzt angesagt. Unter anderem soll sie sich auch für das Bürgermeisteramt in Le Havre interessieren. Die sportliche Mutter von zwei Kindern, die einst Vize-Landesmeisterin Frankreichs im Synchronschwimmen war, Ski fährt und Tennis spielt, ist in der französischen Hafenstadt aufgewachsen.

          Als Handelsministerin war ihre Bilanz gemischt. Eine Bevorzugung für kleine Unternehmen bei Staatsaufträgen in Europa forderte sie im Gespräch mit der F.A.Z. Gegen das steigende Handelsdefizit Frankreichs konnte sie freilich wenig ausrichten, denn die strukturellen Mängel überstiegen ihren Kompetenzbereich. Als Wirtschaftsministerin hat sie künftig mehr Verantwortung, wenn auch wie für alle ihre Kollegen gilt, dass sie „Minister unter Sarkozy“ sein wird.

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