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Merkel in China : Wanderarbeiter verdienen überdurchschnittlich gut

Zwei von 270 Millionen: Wanderarbeiter in der chinesischen Provinz. Bild: REUTERS

Die Metropolen in China locken viele ehemalige Kleinbauern. Dort verdienen sie überdurchschnittlich, genießen aber weniger Rechte als die Ortsansässigen. Besonders die Kinder der Wanderarbeiter leiden unter Entwurzelung.

          Das moderne China, das Bundeskanzlerin Angela Merkel noch bis Dienstag besucht, ist zutiefst gespalten. Offiziellen Zahlen zufolge nehmen die Gegensätze zwischen Arm und Reich, Land und Stadt zwar ab. Viele Chinesen haben trotzdem das Gefühl, dass andere von dem rasanten Aufschwung viel mehr profitieren als sie selbst. Dazu gehört das große Heer der Wanderarbeiter. Zwar verlangsamt sich dessen Wachstum. 2013 stieg die Zahl nach Angaben des Statistikamts NBS nur noch um 2,4 Prozent. Aber die schiere Größe von 269 Millionen Personen oder annähernd einem Fünftel der Gesamtbevölkerung zeigt die Dimension der Angelegenheit. Die Gruppe ist seit 2008 um 45 Millionen Menschen angewachsen, das entspricht etwa der Einwohnerschaft von Spanien.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Im Durchschnitt verdient jeder Wanderarbeiter 2609 Yuan im Monat, das sind 310 Euro. Für chinesische Verhältnisse ist das nicht wenig, zumal der Anstieg im vergangenen Jahr 14 Prozent erreichte. Die Durchschnittseinkommen betragen in der Stadt umgerechnet 267 Euro (plus 10 Prozent), auf dem Land sogar nur 88 Euro (plus 12 Prozent). Das erklärt, warum so viele Arbeitnehmer die Bürde auf sich nehmen, Hunderte, wenn nicht Tausende Kilometer entfernt von der Heimat tätig zu werden. Doch Geld allein ist nicht alles, wie Merkel am Sonntag in Chengdu erleben konnte, der Hauptstadt der Westprovinz Sichuan. Dort besuchte die Kanzlerin eine Einrichtung zur Integration von Wanderarbeiter-Kindern.

          Kinder leiden unter der Entwurzelung

          Die Anlaufstelle bietet Familien-, Ehe-, und psychosoziale Beratung an, für Eltern, Großeltern und auch für Lehrer. 100 Familien werden dort permanent betreut, weitere 400 Jungen und Mädchen sporadisch. Die Kinder von Wanderarbeitern leiden besonders unter der Entwurzelung. Entweder müssen sie ihre Eltern in fremde Städte begleiten, wo sie nur schwer einen Schulplatz und angemessene Betreuung finden; nicht selten sind sie den Tag über bei ihren arbeitenden Müttern, etwa an Verkaufsständen. Oder die Kleinen bleiben in den Heimatdörfern zurück, wo sich die Großeltern um sie kümmern. Vater und Mutter sehen sie nur ein- oder zweimal im Jahr zu den nationalen Ferien.

          Die Wanderarbeiter, die auf Chinesisch „Nongmin Gong“ (Bauernarbeiter) heißen, unterteilen sich in zwei Gruppen. Fast zwei Drittel sind ehemalige Landwirte, die seit mehr als sechs Monaten außerhalb ihres Heimatorts arbeiten. Sie bilden die klassische Schicht der Wanderarbeiter, die vom Binnenland an die industrialisierten Küsten ziehen. Zum anderen werden auch Kräfte dazu gerechnet, die noch an ihrem Heimatort leben, dort aber nicht mehr als Bauern tätig sind, weil sie zum Beispiel in einem Gasthaus servieren. Die Unterscheidung ist wichtig, weil die sozialen Schwierigkeiten weniger für die zweite als für die erste Gruppe gelten.

          Geeignetes Personal ist nur schwer zu finden

          Der Bildungsgrad der Wanderarbeiter steigt. Über alle Altersklassen hinweg haben 18 Prozent die Hochschulreife oder einen technischen Abschluss. Bei den Unterdreißigjährigen sind es fast 29 Prozent. Von diesen sind 13 Prozent durch eine Berufsausbildung oder andere weiterführende Schulungen gegangen. Doch in der Praxis halten die Abschlüsse oft nicht, was sie versprechen. Bei Chinas größtem Pkw-Hersteller Volkswagen etwa, dessen Produktion Merkel am Sonntag in Chengdu besuchte, müssen die Arbeiter trotz vermeintlicher Ausbildung noch einmal geschult werden. Weil es dem Unternehmen zunehmend schwerer fällt, geeignetes Personal zu finden, kümmert es sich selbst um die Berufsausbildung – nach Vorbild der Heimat Deutschland. In allen Werken in China wollen die Wolfsburger das Duale System einführen, das theoretische und praktische Ausbildung kombiniert. Die Deutsche Auslandshandelskammer bemüht sich ebenfalls darum, die Berufsausbildung nach China zu tragen, weil ihre Mitgliedsunternehmen über unqualifizierten Nachwuchs klagen.

          Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterhält ein Projekt, das von den deutschen Autoherstellern und Chinas Bildungsministerium getragen wird. Ziel ist es, Mechatroniker für Händlerbetriebe und Vertragswerkstätten auszubilden. Denn selbst wenn die in China gefertigten Modelle von Audi, Mercedes oder BMW genauso hochwertig sein sollten wie in der Heimat, sind Wartung und Reparatur noch nicht auf der Höhe.

          Das Schicksal der Wanderarbeiter ist eng mit Chinas fortschreitender Verstädterung verknüpft. Auch dazu hat sich Merkel in Chengdu informiert. Am Sonntag eröffnete sie das „Kooperationsforum Urbanisierung China-Sichuan-Deutschland“. Deutsche Unternehmen möchten am Städtewachstum mitverdienen, etwa beim Ausbau des Nahverkehrs. Der Weltmarktführer für Tunnelbohrmaschinen, das Familienunternehmen Herrenknecht, unterhält eine eigene Fertigung in Chengdu. Mit dem Ausbau der U-Bahn in der Stadt hat der badische Mittelständler schon mehr als 90 Millionen Euro erlöst.

          China erhofft sich große Wachstumskräfte von der Verstädterung. Der größte Verfechter davon ist Ministerpräsident Li Keqiang, den Merkel am Sonntag zum Abendessen in Peking traf. In den kommenden sechs Jahren sollen mindestens 90 Millionen Landbewohner in die Städte ziehen. Doch die Integration verläuft schleppend, weil die Wanderarbeiter am neuen Ort keine offizielle Haushaltsregistrierung erhalten, den so genannten Hukou. Ohne diesen sind ihnen viele Rechte verwehrt, etwa ihre Kinder zur Hochschuleingangsprüfung anzumelden. Theoretisch können sie in den Städten Anrechte auf Renten und auf andere Sozialleistungen erwerben, in der Praxis ist das aber nur mit Abschlägen bei den Bezügen möglich. Es gibt nicht einmal ein nationales Register, weshalb kaum ein Fünftel der Wanderarbeiter rentenversichert ist. Seit langem will China das Hukou-System modernisieren, aber die Reform kommt nur schleppend voran.

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