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Sonderwirtschaftszone : China träumt von der Superstadt

Hinter diesem noch versiegelten Tor entsteht die neue Wirtschaftsmetropole Bild: Reuters

In Shenzhen und Schanghai experimentiert China erfolgreich mit der Marktwirtschaft. Jetzt will sich Präsident Xi mit einer Sonderwirtschaftszone nahe Peking ein Denkmal setzen.

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          Dieses Vaterlandslied kennt ganz China: „Die Geschichte des Frühlings“ erzählt von den Großtaten eines alten Mannes. Im Jahr 1979 habe der namenlose Herr einen Kreis auf die Landkarte gemalt, um einen Ort am Südchinesischen Meer. Prompt seien in „legendärer Geschwindigkeit“ dort die Wolkenkratzer gen Himmel geschossen, heißt es in der Hymne. „Und einem Wunder gleich wuchsen Berge aus Gold.“

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Shenzhen heißt das Fischerdorf aus dem Lied; der alte Mann war Deng Xiaoping. Zu Beginn der Öffnungspolitik Ende der siebziger Jahre ließ Maos Nachfolger vier Sonderwirtschaftszonen errichten im sozialistischen China. Dort könnten die Schulkinder zwanzig Jahre nach Dengs Tod bald ein neues Lied singen, in dem nun auch der Führer der Gegenwart seinen Kreis auf die Karte gezeichnet hat.

          Xiongan heißt die Sonderwirtschaftszone, die Xi Jinping in der Provinz Hebei errichten will, 130 Kilometer südwestlich von Peking. Seit der Ankündigung des Plans spielen Chinas Staatsmedien verrückt. Offensichtlich will sich der Präsident in die Geschichte einschreiben wie Vorgänger Deng, dem kleinwüchsigen, aber an historischer Größe unerreichten Reformer, dessen Öffnung von Chinas Wirtschaft als größter ökonomischer Erfolg in der Geschichte gilt.

          Der Vergleich mit dem früheren Fischerdorf Shenzhen liegt nahe: Ausgerechnet in Hebei, einer armen, von rückständiger Schwerindustrie geprägten Provinz, soll Chinas Stadt der Zukunft entstehen. Nach internationalen Standards soll sie gebaut werden, gleichzeitig mit chinesischen Charakteristiken. Umweltfreundlich will Xi die Zone sehen, bürgernah und trotzdem von ökonomischer Kraft, die Chinas schwächelnder Wirtschaft Schwung verleiht. Nicht weniger als ein „Labor“ will Peking für seine Reformpolitik schaffen, die in der bisherigen Amtszeit des Präsidenten über Rhetorik nach herrschender Meinung kaum hinausgekommen ist.

          „Entscheidend für Chinas nächste eintausend Jahre“

          Analysten haben schon Zweifel an Chinas neuem Städtetraum angemeldet; Anleger sind begeistert. Als nach zwei Feiertagen am Mittwoch in Schanghai wieder der Börsenhandel startete, zogen die Preise der Aktien von 40 Zementherstellern, Stahlproduzenten und anderen Profiteuren des Präsidentenprojekts um 10 Prozent an, das ist das Tageslimit. In den Straßen der frisch ernannten Sonderzone drängten sich die Luxuslimousinen. Doch viele der Spekulanten kamen für den Immobilienkauf zu spät. Der Quadratmeterpreis hatte sich in Xiongan schon verdreifacht.

          Was Investoren in der neuen Zone künftig dürfen, was ihnen andernorts in China verboten ist, liegt bisher im Nebel. Einzelheiten zur neuen Zone beschränken sich auf ihre Größe. 100 Quadratkilometer soll sie anfangs betragen, mittelfristig auf das Doppelt wachsen. Auf ganz lange Sicht soll die Dimension der Superstadt dann auf 2000 Quadratkilometer steigen, was fast dreimal der Größe New Yorks entspricht oder fast der Fläche des Saarlandes.

          „Entscheidend für Chinas nächste eintausend Jahre“ sei die neue Sonderwirtschaftszone, schreibt die Nachrichtenagentur Xinhua. Nacheifern soll sie den Erfolgen Schanghais und Shenzhens, den Marktwirtschaftsexperimenten des Deng Xiaoping. Der hatte 1979 sogar vier Gebiete an Chinas Küste zu Sonderwirtschaftszonen gemacht, nachdem er von einer aufsehenerregenden Amerika-Reise zurückgekehrt war, die den Außenhandel Chinas auf ungeahnte Höhen getrieben hatte. Auch in Zhuhai nahe dem Spielerparadies Macau, in Shantou in der Provinz Guangdong und im noch weiter nördlich gelegenen Xiamen in der Provinz Fujian herrschten fortan günstige Bedingungen für ausländische Investoren.

          Wohnungspreise wie in New York

          Die wirtschaftliche Öffnung zur Welt war der wohl wichtigste Baustein von Dengs Reformpolitik. Kleidung, Schuhe und Computer ließen die Unternehmen aus dem Westen dort zu Löhnen produzieren, die niedrig waren, und trotzdem Millionen Bauern im Hinterland zu Wanderarbeitern machten.

          Das erste ausländische Unternehmen, das sich in Shenzhen niederließ, war eine Hongkonger Abwrackwerft. Heute ist die zwölf Millionen Einwohner zählende Metropole die am schnellsten wachsende Stadt der Welt. Mit dem Internetkonzern Tencent, dessen Kurznachrichtendienst Wechat 900 Millionen Menschen benutzen, und dem Hochtechnologiehersteller Huawei, von dem Teile des deutschen Mobilfunknetzes stammen, ist die Stadt der Sitz von zwei der erfolgreichsten Unternehmen Chinas. Und beim Niveau der Wohnungspreise muss sich Shenzhen hinter London und New York in manchem Viertel ebenfalls nicht mehr verstecken.

          Auf der ganzen Welt haben Politiker versucht, den Erfolg Shenzhens zu kopieren, und Steuererleichterungen für einst verlassene Landstriche eingeführt. Über 4000 Sonderwirtschaftszonen gibt es rund um den Erdball, hat die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) ausgerechnet. Noch mehr als Shenzhen galt diesen Schanghai als Vorbild, dessen Sonderwirtschaftszone Pudong in den neunziger Jahren auf früherem Sumpfgebiet, das so groß ist wie Berlin und München zusammen, die futuristischsten Wolkenkratzer der Welt geschaffen hat.

          Ab in die Zone

          Doch Schanghai ist auch ein Beispiel dafür, dass sich die Hoffnung auf die zauberhafte Wirkung von Sonderwirtschaftszonen oft nicht erfüllt. Vor nunmehr vier Jahren hat Chinas Regierung beschlossen, in Pudong eine Freihandelszone einzurichten, in der ebenfalls die nächste Revolution der chinesischen Wirtschaft stattfinden sollte. Freier Währungstausch, freies Internet und schnelle Genehmigungsverfahren sollten Schanghai zum führenden Finanzzentrum Asiens machen. Geblieben ist von den Versprechen wenig, die Enttäuschung der ausländischen Investoren ist Resignation gewichen. Auch in den vier ersten Sonderzonen, die Deng Xiaoping einst installieren ließ, stellte sich außer in Shenzhen der Erfolg nie wirklich ein.

          Das neue Experimentierlabor in Xiongan nahe Peking wird vom rasanten Wachstum während Chinas dreißigjähriger Aufholjagd zudem wohl nicht mehr profitieren können. Mit 6,5 Prozent soll die Wirtschaft im Land in diesem Jahr so langsam wachsen wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Die Wirtschaftsleistung der neuen Zone beträgt gerade mal ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts Shenzhens. Xi Jinping will trotzdem beweisen, dass China immer noch Wunder vollbringen kann.

          In Chinas Planwirtschaft hat er viele Hebel, die Entwicklung seiner Traumstadt zu treiben. Deren „Top-Down-Design“ könne zum Vorbild werden für weitere Revolutionen von oben, schwärmt Tian Yun von der Chinesischen Gesellschaft für Makroökonomie, die dem mächtigen Planungsministerium NDRC untersteht. Der Präsident könnte Forschungsinstitute nach Hebei verlegen und Staatsunternehmen, mit denen Zehntausende Haushalte umziehen würden.

          Jene Behörden in Peking, die keine nationalen Aufgaben haben, sollen ebenfalls ab in die Zone, hat die Zentralregierung verkündet. Das klang dann aber schon nicht mehr ganz so revolutionär.

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