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China und Amerika : Unsere Währung, euer Problem

China und Amerika haben beide ein Interesse daran, dass der Yuan gegenüber dem Dollar nicht zu stark abwertet. Bild: Reuters

China ist wirtschaftlich viel zu mächtig, als dass seine Währung in ernste Schwierigkeiten geraten könnte. Das weiß auch Amerikas Notenbankchefin.

          Als der amerikanische Präsident Bill Clinton am 27. Juni 1998 gemeinsam mit dem chinesischen Staatschef Jiang Zemin in Peking vor die Presse trat, sagte er diesen Satz: „Ich denke, China hat durch große Staatskunst und Stärke einen starken Beitrag geleistet für die Stabilität nicht nur des chinesischen Volkes und seiner Wirtschaft, sondern für die ganze Region, indem es den Wert seiner Währung beibehielt.“

          Damals machte die Befürchtung die Runde, die ein Jahr zuvor ausgebrochene asiatische Finanzkrise könnte in eine neue Runde gehen, wenn der regionale Koloss China seine Währung Yuan nun abwerten und seine Produkte damit billiger machen würde, verglichen mit der Konkurrenz. Die Entscheider in Peking taten das nicht - auch weil kurz zuvor die Vereinigten Staaten und Japan in einem abgestimmten Eingriff den sinkenden Außenwert des japanischen Yens stabilisieren halfen, der wiederum der chinesischen Führung ein Dorn im Auge gewesen war.

          Chinas Unternehmen behalten mehr Dollar

          Bald zwanzig Jahre später ist China hinter den Vereinigten Staaten die zweitgrößte Volkswirtschaft, der Yuan international viel freier verwendbar und vom Internationalen Währungsfonds kürzlich geadelt zum Bestandteil in dessen Auswahl der wichtigsten Devisen der Welt. Und wieder treibt manche Zeitgenossen, zumal in der Finanzwelt, die Sorge um, dass die chinesische Währung auf dem Devisenmarkt weniger wert werden könnte in einer ohnehin angespannten Situation: Die chinesische Zentralbank meldete, dass ihre Devisenreserven im vergangenen Jahr um 500 Milliarden Dollar gesunken sind, von einem massiven Kapitalabfluss ist mitunter die Rede, gelegentlich gar von einer regelrechten „Kapitalflucht“ aus dem Reich der Mitte.

          Es gibt aussagekräftige Anhaltspunkte dafür, dass Letzteres jedenfalls maßlos übertrieben, wenn nicht schlicht Unsinn ist. Im vergangenen Sommer änderte China faktisch sein Währungsregime. Der Yuan-Kurs soll sich fortan, so die Ansage aus Peking, stärker am Kauf- und Verkaufverhalten der Marktteilnehmer orientieren. Außerdem lockerte die chinesische Zentralbank infolge des schwächeren Wirtschaftswachstums und des gewaltigen Umbaus, den die chinesische Wirtschaft nun durchläuft, ihre Geldpolitik gleich mehrfach.

          Niemand will einen schwächeren Yuan

          Das machte für sich genommen Anlagen in Yuan unattraktiver, zumal währenddessen auf der anderen Seite des Pazifiks die amerikanische Notenbank mit der ersten Zinserhöhung seit beinahe einem Jahrzehnt begann. Darauf haben diejenigen, die in Yuan oder Dollar engagiert sind, wie nach dem Lehrbuch reagiert, legen Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich für das dritte Quartal (aktuellere gibt es noch nicht) nahe. Demnach haben sich die Forderungen internationaler Finanzinstitute (zum Beispiel Kredite) gegenüber Chinesen in diesen drei Monaten um 119 Milliarden verringert, während ihre Verbindlichkeiten (zum Beispiel Einlagen) um 55 Milliarden Dollar zunahmen. Das ergibt zusammengerechnet beinahe jene 180 Milliarden Dollar, um die sich die Währungsreserven der chinesischen Notenbank währenddessen nach deren Angaben verringerten.

          Nicht aufschlüsseln lässt sich, wer oder was genau dahintersteckte. Sehr sicher ist, dass exportierende chinesische Unternehmen einen geringeren Teil ihrer Dollarerlöse in Yuan umtauschten und umgekehrt nach China liefernde Firmen weniger Yuan als Zahlungsmittel akzeptierten, zumindest nicht ohne sich selbst gegen einen sinkenden Wechselkurs abzusichern.

          Durch dieses Verhalten könnten umgerechnet rasch mehrere hundert Milliarden Dollar zusammenkommen. Nur: Mit Kapitalflucht hat das nichts zu tun - nicht zuletzt angesichts des weiterhin enormen chinesischen Handelsbilanzüberschusses. Und auch wenn chinesische Unternehmen im Ausland für Milliardensummen Firmen kaufen und dadurch Kapital abfließt, ist das kein Grund zu Krisen-Hysterie.

          Das bedeutet umgekehrt nicht, dass nicht mancher panische Prinzling aus Angst vor Pekings Korruptionsjägern sein Vermögen auf illegalem Wege ins Ausland bringt. Oder dass viele vermögende Chinesen nicht selbst mehr in Dollar anlegen wollen, weil sie das attraktiver finden. Zum Dollar weiter abwerten, da sind sich die Experten ziemlich einig, dürfte der Yuan wegen des wirtschaftlichen Umfelds schon. Die Frage ist, um wie viel. Nicht nur Chinas Führung hat ein Interesse daran, dass das nicht zu schnell und zu weit geht.

          Das wollen derzeit auch die Nachbarländer nicht, die Europäer nicht und - am wichtigsten - ziemlich sicher auch die Währungshüter um Amerikas Notenbankchefin Janet Yellen nicht. Schon jetzt äußern sich führende Vertreter der Federal Reserve vorsichtiger als im Dezember, wenn sie gefragt werden, ob sie im März die Zinsen abermals erhöhen werden und wie oft überhaupt in diesem Jahr. Der Grund dürfte klar sein: Gewichtet nach dem Handelsanteil, macht der Yuan mittlerweile ein Fünftel am Dollarkurs aus. Inklusive Kanada und Mexiko, die viel mit China und den Vereinigten Staaten handeln, steigt dieser Anteil in Richtung der Hälfte.

          In diesem Sinne gilt wohl zunehmend auch für den Yuan das, was der amerikanische Finanzminister John Connally einmal, ans Ausland gerichtet, über den Dollar sagte: „Es ist unsere Währung, aber euer Problem.“

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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