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Pakistan : Endlich kein Ladenhüter mehr

Indien boykottiert Seidenstraßen-Gipfel

Wer wirklich wissen will, welche Bedeutung Chinas Vordringen nach Pakistan zukommt, der muss über die von Atomsprengköpfen befestigte Grenze zum verfeindeten Bruder blicken, nach Indien. Wie auch Japan boykottierten die Inder den mit viel Tamtam in Peking abgehaltenen Seidenstraßen-Gipfel. Denn sie fühlen sich vom ehemaligen Kriegsgegner China überrollt, umzingelt und gewürgt. China hat Tibet besetzt, stützt in Nepal nicht nur die Marxisten, bot Bangladesch Kredite über 24 Milliarden Dollar für den Bau von Häfen, hat sich in Sri Lanka als unverzichtbarer Investor breitgemacht.

Seine Marine kreuzt im Indischen Ozean, durch den seine Versorgungswege aus den Ölstaaten laufen. Indien ist eingeschlossen von chinesischen Investitionen, die nur Gutmeinende noch als „Perlenkette“ bezeichnen. In Wirklichkeit geht es um das Absichern von Wirtschaftsinteressen auch durch den Bau von Militärinfrastruktur. Die neue Regierung in Sri Lanka musste bitter bemerken, wie der vermeintliche Gönner China das Land in den Würgegriff der Zinslast nahm.

Neu-Delhi ist aufgeschreckt. Endlich, und wohl zu spät. Nun aber lässt die größte Demokratie der Erde ihre Leitartikler von der Kette, um zu sagen, was die Regierung selber gen Peking nicht sagen kann. Von „Chinas Kolonialisierung Pakistans“ ist die Rede, die „die Britische Ostindien-Kompanie mit Stolz erfüllt“ hätte – ein Rückgriff auf die brutale Ausbeutung des Subkontinents durch die Engländer. Samir Saran spricht in seinem Kommentar für die große „Times of India“ von „Chinas Suche nach Lebensraum“. Über den Nazi-Begriff ist er sich offenbar bewusst: Er verwendet ihn auf Deutsch. „China unternimmt einen offenen, konfrontativen und neokolonialen Raubzug in Südasien. Peking baut Inseln im Südchinesischen Meer, geht gegen Ansprüche seiner Nachbarländer im Ostchinesischen Meer vor und will sogar eine größere Kontrolle der Straße von Malakka. Es hat sich die politische Übermacht in Zentralasien mit Geld erkauft.

Nun will es vor allem wirtschaftliche, aber auch militärische Bauten und Basen entlang des CPEC-Korridors errichten.“ Da China auch auf europäische Gelder zum Ausbau der neuen Seidenstraße schielt, legt Saran kurz vor dem Besuch des indischen Ministerpräsidenten Narendra Modi in Berlin nach: „Im Endeffekt nutzt China europäisches Geld, um den Einfluss der westlichen Politik in Asien zu begrenzen.“ Wer so schreibt, schreibt von Krieg. Und so schiebt Saran denn auch nach: „CPEC bedroht Indiens territoriale Souveränität in einer Weise, wie man sie seit 1962 nicht mehr gesehen hat.“ In jenem Jahr griff China Indien an.

Der Wirtschaftskorridor endet in Pakistans Süden in Gwadar an der Straße von Hormus und dem Golf von Oman. Durch sie werden mehr als 40 Prozent des Öls der Welt transportiert. Das bislang verschlafene Städtchen werde zum „Juwel in der CPEC-Krone“, sagt Rajeev Ranjan Chaturvedy, Verteidigungsexperte der Nationalen Universität Singapur. China hat sich die Kontrolle über den Hafen Gwadar für 40 Jahre gesichert. Wer die Baustelle besuchen will, braucht nicht nur ein pakistanisches Visum, sondern auch eine Genehmigung Pekings. „Eine mächtige Marine ist für den Aufstieg Chinas unverzichtbar. Die wirtschaftlichen Aussichten von Chinas großer Bevölkerung hängen am Zugang zu lebenswichtigen Bodenschätzen und Märkten in entfernten Ländern“, sagt Chaturvedy. Das Wort „Lebensraum“ überlässt er den indischen Leitartiklern.

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