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Chefgehälter : Was verdient der Manager?

Abstimmung in der Schweiz: Höchstens zwölfmal so viel wie der Geringstverdiener in einer Firma soll der oberste Chef bekommen Bild: © ARND WIEGMANN/Reuters/Corbis

In der Schweiz stimmt das Volk heute ab, ob Chefgehälter begrenzt werden. Auch die große Koalition hegt bemerkenswerte Pläne.

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          Die Schweizer Wirtschaftselite plagt ein Gefühl der Flauheit. Was wird, wenn das Volk der 1:12-Initiative der Jusos zustimmt? Dann dürfte der Chef höchstens das Zwölffache des Geringstverdieners im Unternehmen bekommen. Der Wortlaut der Volksinitiative ist gnadenlos eindeutig: „Der höchste von einem Unternehmen bezahlte Lohn darf nicht höher sein als das Zwölffache des tiefsten vom gleichen Unternehmen bezahlten Lohnes. Als Lohn gilt die Summe aller Zuwendungen (Geld und Wert der Sach- und Dienstleistungen), welche im Zusammenhang mit einer Erwerbstätigkeit entrichtet werden.“

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Michael Kramarsch, Partner der Vergütungsberatung HKP, schätzt, dass sich dann die Spitzenmanager des Landes mit umgerechnet 450000 bis 480000 Euro im Jahr begnügen müssten. „Die Elite würde wirtschaftlich geköpft.“ Dabei haben die Schweizer Manager noch den Schock in den Gliedern, den ihnen die sogenannte Abzocker-Initiative im Frühjahr bereitet hatte. Zwei Drittel der abstimmenden Schweizer votierten im März dieses Jahres für ein kompliziertes Regelwerk mit dem Ziel, Sondervergütungen wie Antrittsprämien, Abfindungen oder Provisionen zu unterbinden und die Gehälter insgesamt zu stutzen.

          Vergütungspaket in maximaler Höhe

          Selbst der acht Millionen Franken teure Werbefeldzug des Industrieverbandes Economiesuisse gegen die Volksinitiative verpuffte damals, allerdings auch dank Novartis-Chef Daniel Vasella. Zwei Wochen vor der Abstimmung war bekanntgeworden, dass der Lenker des Chemiekonzerns zum Abschied ein Vergütungspaket in maximaler Höhe von 72 Millionen Franken herausgeschlagen hat – für Beratungsleistungen und für die Zusicherung, sich nicht der Konkurrenz anzudienen.

          So ahnt man heute die stillen Gebete der wackeren Schweizer Bosse in den letzten Stunden vor der Volksabstimmung: Möge doch bitte diesmal kein neuer Vasella um die Ecke kommen und auf den Boulevard drängen. Schließlich schlug schon die Analyse der internationalen Vergütungsberatung Towers Watson genügend auf die Stimmung. Die Amerikaner hatten europäische Topgehälter studiert und folgende Botschaft herausdestilliert: Die höchsten Vergütungen sacken schweizerische und spanische Topmanager ein. Die Erhebung gab den Jusos Rückenwind für ihre Behauptung, dass Topgehälter, Zockerei und Finanzkrise in engem Zusammenhang stünden.

          Der Manager-Multiplikator

          Kein Wunder, dass der Lebensmittelkonzern Nestlé diesmal nicht schweigen wollte. Die Unternehmensspitze schrieb an alle Schweizer Mitarbeiter einen Brief: Bei einem Ja zur Juso-Initiative müsste die Schweiz „eine starre Lohnreglementierung einführen, wie sie kein anderes Land kennt“. Das würde die Wettbewerbsfähigkeit einschränken und „unser so erfolgreiches Gesellschaftsmodell grundlegend in Frage stellen“. Außerdem hätte das Gemeinwesen mit größeren Ausfällen bei den Steuern und bei der Finanzierung der Sozialwerke zu rechnen. Sollte der Staat „die Löhne in den Firmen regulieren und kontrollieren“, könnte das „die bewährte Sozialpartnerschaft aushöhlen“, warnt die Nestlé-Chefetage.

          Lidl und Aldi erhöhen niedrigste Löhne

          Auch andere bleiben nicht untätig. So haben die Discounter von Lidl und Aldi ihre niedrigsten Löhne in den letzten Wochen erheblich angehoben. Die Aldi-Verkäuferinnen verdienen künftig je nach Region mindestens 4200 bis 4700 Franken im Monat (3400 bis 3800 Euro). Aldi verneint aber ausdrücklich einen Zusammenhang mit der 1:12-Initiative.

          Im Moment sieht es aus der Perspektive der Topmanager noch ganz gut aus. Nach einer jüngeren Umfrage konnten die Jusos nur ein gutes Drittel der Schweizer für ihren Vorschlag gewinnen, berichtet das Forschungsinstituts gfs.bern. 54 Prozent wollten dagegen einen Nein-Zettel in die Urnen legen.

          In Berlin wird die Volksabstimmung scharf beobachtet. Fachpolitiker von CDU und SPD hegen ebenfalls Pläne, in die Managervergütungen hineinzuregieren. Die Gehälter der Vorstände von börsennotierten Firmen sollen nicht mehr vom Aufsichtsrat, sondern von der Hauptversammlung beschlossen werden. Vergütungsexperte Kramarsch meldet Zweifel an, dass Fondsmanager in der Hauptversammlung geiziger seien als die Aufsichtsräte.

          Erste Dax-Konzerne mit Gehaltsdeckel

          Einschneidender dürfte eine zweite Regel sein, die Managergehälter tatsächlich deckelt: Aufsichtsräte sollen Höchstgrenzen für Managergehälter fixieren und für ihre Unternehmen einen Multiplikator festlegen, um den die Spitzengehälter die durchschnittlichen Arbeitnehmereinkommen höchstens übersteigen dürfen.

          Schon der Deutsche Corporate Governance Kodex, ein Manager-Leitfaden zur Beförderung anständiger Unternehmensführung, sieht ein Gehaltsmaximum für die Topleute vor. Unternehmen, die sich an diese Empfehlung halten, verhindern unlimitierte Gehaltssprünge durch Aktienoptionen als Folge großer Kurssteigerungen. Die ersten Dax-Konzerne haben sich schon einen Gehaltsdeckel gegeben. Dazu zählt etwa der VW-Konzern, dessen Chef Martin Winterkorn mit zweistelligen Millionengehältern Furore machte – und einer Relation zwischen durchschnittlichem und höchstem Lohn von 1:170. Von einer bestimmten Gewinnhöhe an steigt der Bonus des Chefs nun nicht mehr.

          Das Schweizer Juso-Ziel 1:12 erreicht heute kein Dax-Unternehmen mehr. Nur die Commerzbank hatte, gedeckelt vom Großaktionär Bundesrepublik Deutschland, bis 2011 monatliche Vorstandsvergütungen, die das jährliche Gehalt eines geringverdienenden Commerzbankers nicht überstiegen.

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