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Chef der Deutschen Bahn : Der verrückteste Job der Republik

„We shall overcome”: Grube und die Befürworter von Stuttgart 21 bedienen sich der Lieder der Friedensbewegung Bild: dpa

Als Bahnchef kann man in Deutschland nur verlieren. Rüdiger Grube merkt das gerade. Ein Wirtschaftsunternehmen zu führen, das zugleich für alle da sein soll: Daran sind seine Vorgänger allesamt gescheitert.

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          Ein Bahnchef muss sein wie Napoleon. Durchsetzungsstark. Nur zu viele Kriege führen sollte er nicht. Dieser Job-Beschreibung seines Vorgängers Hartmut Mehdorn entspricht Bahnchef Rüdiger Grube derzeit nicht. Während in Stuttgart die Schlichtungsgespräche für das umstrittene Tunnelprojekt „Stuttgart 21“ mit CDU-Altpolitiker Heiner Geißler die Gemüter erhitzen, treibt Grube sich auf tausend Nebenkriegsschauplätzen herum. Eine Pressekonferenz zu sogenannten Flüsterbremsen für Güterzüge in Berlin am Freitag, ein Besuch in mehreren Orten Südbadens zum Ausbau der sogenannten Rheintalstrecke am Samstag.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Botschaft, die Grube vermitteln will, ist eindeutig: Der Chef eines 250.000-Mann-Unternehmens hat mehr zu tun, als sich rund um die Uhr um die Hauptstadt Baden-Württembergs zu kümmern. Selbst wenn auf die gerade die halbe Republik blickt – und die Live-Übertragung der Schlichtungsgespräche den Fernsehsendern sogar Quotenrekorde beschert.

          Rüdiger Grube fährt eine klare Linie

          Doch das Desinteresse ist Inszenierung: Im Streit um Stuttgart 21 kämpft keiner so eisern wie Grube. Während die Landesregierung in Stuttgart verunsichert auf die Wahlen schielt, die Polizei ins Zwielicht geraten ist und selbst die Gegner über ihre Ziele zerstritten sind, fährt Rüdiger Grube eine klare Linie. „Die Bahn kann, darf und will keinen Stopp“, ist seine Botschaft, die er selbst den Demonstranten in Stuttgart entgegenschleudert. Nebenbei versucht er fast wie ein Versicherungsvertreter, möglichst viele Tunnelgegner persönlich zu überzeugen – von Lehrern einer Schule über Alumni einer Universität bis hin zu Passanten am Straßenrand.

          Gescheitert im Kampf mit der Politik: Bahnchef Heinz Dürr (1994-97)

          Schließlich geht es für Grube um weit mehr als eine Baustelle unter vielen in einem weitläufigen Konzern: Zum ersten Mal ist Grube in der öffentlichen Wahrnehmung der Bahnchef. Nicht länger kann er sich hinter Fehlern seines Vorgängers Hartmut Mehdorn verstecken. Vor allem aber bekommt Grube zum ersten Mal zu spüren, welch unlösbare Aufgabe mit dem Bahnchef-Posten in Deutschland verbunden ist: Ein Wirtschaftsunternehmen zu führen, das zugleich für alle da sein soll. Daran sind seine Vorgänger allesamt gescheitert.

          Drei Bahnchefs gab’s vor Grube, seit 1994 aus der Behörde Bundesbahn das Unternehmen Deutsche Bahn AG geworden ist. Und alle drei streckten im Kampf mit der Politik am Ende die Waffen. Heinz Dürr, der muntere Mittelständler aus dem Schwabenland, verließ 1999 über Nacht den Bahn-Aufsichtsrat – wegen „unterschiedlicher Auffassungen zwischen ihm und der Bundesrepublik Deutschland als Eigentümer“, wie es damals hieß. Nachfolger Johannes Ludewig musste den Bahnchef-Posten räumen: Dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder gingen seine Fortschritte bei Umsatz und Fahrgastzahlen nicht schnell genug. Am längsten hielt sich noch Hartmut Mehdorn – immerhin zehn Jahre. Am Ende aber stolperte er über eine Datenaffäre um ausgespähte E-Mails, die von der Politik geschickt genutzt wurde, den längst angezählten Manager umgehend zu entsorgen.

          Jetzt geht es um Grube. Als Bahnchef muss er mit allem rechnen – vor allem aber mit dem politischen Stimmungswechsel. Als Grube vor anderthalb Jahren Bahnchef wurde, da hätte niemand vermutet, dass ausgerechnet ein Bauprojekt im friedlichen Baden-Württemberg zu seinem Hauptproblem werden könnte. Die Datenaffäre war damals nicht ganz ausgestanden, und auch der Börsengang galt weiter als heikles Thema. Aber Stuttgart 21?

          Er kämpft

          Heute bekommt der Mann in Stuttgart Morddrohungen, wird auf praktisch jeder Veranstaltung ausgebuht – und sein Projekt einer „sympathischen Bahn“ droht im Kampf mit den wütenden Bürgern zu ersticken. Bahnchef Grube lässt das alles nicht kalt, und er kämpft: „Ein Bahnchef braucht Rückgrat. Man muss einen Hintern in der Hose haben“, sagt er. Der Ton klingt anders als zu Beginn seiner Amtszeit, als er alle Hände schüttelte, stundenlang Gewerkschaftern und Verkehrspolitikern lauschte – und von den Zeitungen „Mehdorn in lieb“ getauft wurde.

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