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CDU-Hoffnungsträger im Porträt : Das Spahn-Prinzip

Auch mit der Kanzlerin legte er sich in dieser Frage an, auf dem Parteitag vor viereinhalb Jahren, als Merkel ihr Nein zur völligen Gleichstellung der Homo-Ehe als letztes Zugeständnis an die Konservativen verkaufte – und in einem gönnerhaften Antragsentwurf gleichgeschlechtlichen Paaren das Recht zubilligen wollte, „ihren Lebensentwurf zu verwirklichen“. Spahn hielt mit einer scharfen Rede dagegen. „Ich verwirkliche mich nicht selbst“, sagte er. „Ich bin einfach, wie ich bin.“ Er unterlag, obwohl wenig später auch Schäuble in den Parteigremien den Vorschlag unterstützte.

Im vorigen Sommer hatte Spahns Omnipräsenz ein Ausmaß erreicht, das sogar international Aufsehen erregte. „Jens Spahn: der Mann, der Merkel als Kanzler ablösen könnte“, titelte die britische Zeitung „Guardian“ im August, zu einem Zeitpunkt, als die vermeintliche Merkel-Dämmerung langsam schon wieder abflaute. Allmählich wurde es für den Jungpolitiker gefährlich. Spahn als Kanzler? Jetzt schon? Freund und Feind rieben sich die Augen. Dass der Mann in seiner Karriereplanung auch diese Option in Betracht zog, darüber machte sich niemand Illusionen. Aber nun hatte er es mit dem Zurschaustellen seiner Ambitionen offenkundig übertrieben.

Solange Spahn nicht überzieht, kann er gleichwohl nützlich sein

Spahn schaltete einen Gang zurück. „Ich sage deutlich mehr Talkshows ab als zu“, beteuert er jetzt. Auch die Treuebekenntnisse zur Kanzlerin werden im Wahlkampf häufiger. Wünsche nach einer Obergrenze für Flüchtlinge bügelt er in Interviews ab, wenngleich er sagt: „Es kommen immer noch jeden Monat zu viele irreguläre Migranten nach Deutschland und Europa.“

Schon gibt es Leute, die über verteilte Rollen spekulieren: Die Kanzlerin habe den jungen Raufbold nur vorgeschickt, um vor der Bundestagswahl konservative Wähler zu umgarnen und sich selbst nicht mit harten Tönen zu beflecken. So ist es nicht. Solange Spahn nicht überzieht, kann er gleichwohl nützlich sein. Dass der Kanzleramtsminister ihm ins Gesicht sagt, er können seine „Fresse“ nicht mehr sehen, wie es Bosbach einst geschah, wird er jedenfalls nicht so schnell erleben.

Zur Vorsicht zwingt ihn auch der Umstand, dass Merkels Kurs in der Union wieder an Boden gewinnt. Bei ihren Wahlkampfauftritten in Nordrhein-Westfalen verteidigte sie die Aufnahme der Flüchtlinge vor zwei Jahren so offensiv wie eh und je, auch wenn sie das mit scharfen Tönen zur Kriminalitätsbekämpfung flankiert. „Wir können stolz darauf sein, wie wir das hinbekommen haben“, sagt sie dann.

„Das war ein tolles Stück Bundesrepublik Deutschland.“ Und der nordrhein-westfälische Spitzenkandidat Armin Laschet, alles andere als ein Hardliner in Einwanderungsfragen und deshalb schon als „Türken-Laschet“ verspottet, steht vor der heutigen Landtagswahl viel besser da als erwartet. Falls Spahn gehofft haben sollte, ihn bald abzulösen, haben sich diese Ambitionen wohl erst einmal erledigt.

In Frankreich hat gerade ein 39-Jähriger die Präsidentenwahl gewonnen, und in Österreich schickt sich ein 30-Jähriger von ähnlichem Naturell an, Chef der konservativen Volkspartei zu werden. Aber Deutschland tickt anders. Hier deutet wenig darauf hin, dass die Bundeskanzlerin im Sommer die Rente mit 63 in Anspruch nimmt. Spahn ist für hiesige Verhältnisse noch jung. Er kalkuliert, was künftige Ämter betrifft, jetzt mit der Zeit danach.

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