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Carly Fiorina : Die Stehauffrau

Carly Fiorina Bild: AP

Die frühere Hewlett-Packard-Chefin Carly Fiorina will amerikanische Präsidentin werden. Offiziell beworben hat sie sich noch nicht, aber die Wahrscheinlichkeit für ihre Kandidatur liege bei über 90 Prozent, sagt die Republikanerin. Und schießt sich schon auf Hillary Clinton ein.

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          Eines muss man Carly Fiorina lassen: Die frühere Vorstandsvorsitzende des amerikanischen Technologiekonzerns Hewlett-Packard lässt sich von Niederlagen nicht unterkriegen. Nach ihrer Zeit bei HP hat sie einige nicht allzu erfolgreiche Gehversuche in der amerikanischen Politik unternommen. 2008 hatte sie eine prominente Rolle in der Präsidentschaftskampagne des Republikaners John McCain, der gegen Barack Obama verlor. Zwei Jahre später kandidierte sie selbst für einen Senatssitz des Bundesstaates Kalifornien im amerikanischen Kongress, scheiterte aber klar an ihrer Gegnerin von der Demokratischen Partei.

          Roland Lindner
          (lid.), Wirtschaft

          Nun wagt sie einen neuen Anlauf und bringt sich dabei sogar für das höchste Amt in den Vereinigten Staaten ins Gespräch. In einer Fernsehsendung am Sonntag sagte sie, sie werde mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 Prozent ihren Hut in den Ring werfen. Eine offizielle Ankündigung ihrer Entscheidung über eine Kandidatur solle es im April oder Mai geben.

          Die 60 Jahre alte Fiorina hat sich in den vergangenen Monaten schon in Stellung gebracht. Sie ist in wichtigen Vorwahlstaaten wie Iowa und New Hampshire aufgetreten. Und vor allem hat sie sich mit einer ganzen Serie von Verbalattacken auf Hillary Clinton eingeschossen, die frühere amerikanische Außenministerin, die als wahrscheinliche Kandidatin der Demokratischen Partei gilt. Ein Beispiel aus einer Rede im Januar: „Wie Hillary Clinton bin auch ich Hunderttausende von Meilen um den Globus gereist, aber im Gegensatz zu ihr habe ich tatsächlich etwas erreicht.“ Fliegen sei eine Aktivität und keine Leistung, setzte Fiorina noch drauf.

          Fiorina ist die einzige Frau unter den möglichen Präsidentschaftskandidaten der Republikaner

          Auch die jüngste Kontroverse um Clintons Nutzung einer privaten E-Mail-Adresse während ihrer Zeit als Außenministerin ist ein gefundenes Fressen für Fiorina. In der Fernsehsendung am Sonntag suggerierte sie, Clintons Charakter sei „beschädigt“. Dass Fiorina so aggressiv auf Clinton losgeht, ist umso bemerkenswerter, weil sie als die einzige Frau unter den möglichen Präsidentschaftskandidaten der Republikaner gilt, neben Männern wie Jeb Bush, Rand Paul oder Ted Cruz. Insofern ist es für sie auch leichter, Clinton anzugreifen, ohne Gefahr zu laufen, als sexistisch herüberzukommen.

          Es gibt Spekulationen, dass Fiorina sich mit ihren Manövern unter Republikanern für das Amt als Vizepräsidentin empfehlen will. Das jedoch wies sie in der Fernsehsendung zurück: „Wenn ich um das Amt als Präsidentin ins Rennen gehe, dann ist es, weil ich den Job gewinnen kann, und weil ich ihn machen kann.“

          Freilich würde Fiorina mit einem gewaltigen Handicap antreten: Anders als ihre meisten potentiellen Mitbewerber hat sie trotz aller Bemühungen noch nie ein bedeutendes politisches Amt bekleidet und kann insofern auch auf keine gesetzgeberischen Errungenschaften verweisen. Davon lässt sie sich aber nicht entmutigen. In der Fernsehshow zählte sie eine ganze Serie von Gründen auf, warum sie sich für qualifiziert hält. Als jemand, der sich von einer Sekretärin zur Vorstandschefin eines großen Technologiekonzerns hochgearbeitet habe, wisse sie, wie die Wirtschaft funktioniert. Sie wisse auch, wie die Welt an sich funktioniert und kenne hochrangige Politiker rund um den Globus. Und sie kenne sich außerdem aus damit, als Führungsperson harte Entscheidungen zu treffen.

          Fiorinas Bilanz aus ihrer Zeit in der Wirtschaft ist freilich alles andere als unumstritten. Vielmehr tauchte sie sogar wiederholt auf Listen der schlechtesten amerikanischen Vorstandschefs auf. Als Fiorina im Jahr 1999 die Führung von HP übernahm, wurde sie zur ersten Frau an der Spitze eines Unternehmens aus dem Dow-Jones-Index. Sie erwarb sich hier einen Ruf als brillante Verkäuferin und galt als Meisterin darin, der Öffentlichkeit schillernde Visionen für das Unternehmen zu präsentieren. Woran es aber haperte, war die Umsetzung im Alltag, und HP hat unter Fiorinas Führung immer wieder schlechte Geschäftsergebnisse ausgewiesen. Umstrittener Höhepunkt in ihrer Karriere bei HP war die Übernahme des Wettbewerbers Compaq im Jahr 2002. Fiorina boxte die Akquisition gegen viele Widerstände durch, aber Compaq wurde nicht zur erhofften Verstärkung. Im Jahr 2005 zog das Unternehmen die Notbremse und setzte Fiorina vor die Tür.

          Auch wenn Fiorina heute mit Blick auf eine Präsidentschaftskandidatur ihre Station bei HP als Erfolgsgeschichte verkauft, hat sie in der Vergangenheit mit viel Bitterkeit über diese Zeit gesprochen. In ihren 2006 veröffentlichten Memoiren beklagte sie die Umstände ihres Rauswurfs und schrieb: „Am Ende hatte der Verwaltungsrat nicht den Mut, mir ins Auge zu blicken. Sie haben nicht ,Danke‘ und nicht ,Auf Wiedersehen‘ gesagt.“ Dieses damalige Buch mit dem Namen „Tough Choices“ („Harte Entscheidungen“) nahm Fiorina unlängst auch zum Anlass für einen weiteren Seitenhieb auf Hillary Clinton. Denn die hat im vergangenen Jahr Memoiren mit dem sehr ähnlichen Titel „Hard Choices“ veröffentlicht. Fiorina beschuldigte Clinton, den Buchtitel von ihr abgekupfert zu haben.

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