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Deutscher Bankentag : Gauck fordert mehr Wirtschaft in der Schule

  • Aktualisiert am

Gutes Gewissen Gauck Bild: dpa

Deutschlands Staatsoberhaupt kritisiert nicht nur die Banker für Exzesse in die Finanzkrise. Auch von den Bürgern verlangt er größeren wirtschaftlichen Sachverstand. Und das schon in der Schule.

          3 Min.

          Bundespräsident Joachim Gauck plädiert dafür, in der Schule mehr Wirtschaft zu unterrichten. Das deutsche Staatsoberhaupt sieht nach der Finanzkrise zwar vornehmlich die Banken im täglichen Geschäft „in der Bringschuld“. Ihre Mitarbeiter müssten „durch Seriosität und Sachkenntnis überzeugen“, ihr Handeln erklären können und den Kunden Chancen und Risiken offenlegen.

          Zugleich hätten die Bürger aber nicht das Recht, rundherum ohne eigenen Einsatz bedient zu werden. Ihre Holschuld beschriebt Gauck auf dem Deutschen Bankentag so: „Nicht nur politische, auch ökonomische Apathie und Unwissenheit sind gefährlich.“ Es stelle sich die Frage, ob die ökonomische Bildung in den Schulen ausreichend berücksichtigt werde.

          Gauck ermunterte zugleich alle Bürger, nicht nur Schüler, sondern genauso Erwachsene, sich intensiver mit den Grundlagen des Finanz- und Wirtschaftssystems auseinanderzusetzen. „Wer die Quellen unseres Wohlstands verstehen, persönliche Chancen nutzen und Risiken einschätzen will, der muss sich informieren und in
          Finanzfragen kompetenter werden.“ Und weiter: „Er darf
          sich nicht auf den Standpunkt zurückziehen, dass man über Geld nicht spricht.“

          „Legale Geschäft waren fragwürdig“

          An die Banken gerichtet forderte der Präsident ein größeres Verantwortungsbewusstsein der Spitzenmanager ein. Knapp sechs Jahre nach dem Höhepunkt der Finanzkrise stellte Gauck vor der den wichtigsten deutschen Bankern fest: „Die Abkehr von Tugenden der Sozialen Marktwirtschaft hat das Vertrauen der Bürger in die Banken erschüttert. Und, ehrlich gesagt: Angesichts mancher Exzesse verstehe ich das.“

          Nach den mahnenden Worten räumte Bankenverbands-Präsident Jürgen Fitschen Fehler der Branche ein. „Wir Banker wissen auch, dass wir in der Vergangenheit von den Freiheiten, die man uns eingeräumt hat, nicht immer verantwortungsvollen und weitsichtigen Gebrauch gemacht haben.“

          Gauck kritisierte vor allem falsche Anreize im Bonussystem, übersteigerte Gewinnansprüche und verantwortungsloses Verhalten zulasten Dritter. „Auch wo nicht gegen Recht und Gesetz verstoßen wurde, war manches Geschäft ethisch fragwürdig, manches Risiko unvertretbar hoch.“ Auf der ganzen Welt müssen sich Geldhäuser und ihr Führungspersonal juristisch wegen diverser Skandale verantworten. Dazu gehört auch die Deutsche Bank, an deren Spitze Fitschen zusammen mit Anshu Jain steht.

          Weidmann: Keine Überregulierung

          Eine neue Umfrage der Unternehmensberatung Ernst & Young zeigt, wie sehr das Image der Geldhäuser nach der Finanzkrise gelitten hat. Knapp vier von zehn deutschen Bankkunden geben demnach an, dass ihr Vertrauen in die Bankenbranche in den vergangenen zwölf Monaten gesunken sei. „Auf die Frage, wie die Finanzinstitute Vertrauen zurückgewinnen können, haben wir noch keine abschließende Antwort gefunden“, räumte Fitschen ein, der von der Staatsanwaltschaft München des Prozessbetrugs verdächtigt wird.

          Sechs Jahre nach dem Kollaps der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers rechnet der Bankenverbands-Präsident mit weiteren Pleiten in der Branche. „Längst nicht alle europäischen Banken werden über ein nachhaltig tragfähiges Geschäftsmodell verfügen“, sagte er. Der angelaufene Bilanz-Check und der Stresstest durch die Europäische Zentralbank (EZB) schafften die Voraussetzungen, schwächelnde Institute - wenn sinnvoll - mit neuem Kapital auszustatten.

          Umgekehrt müssten Banken, die sich als nicht überlebensfähig erweisen, aber auch abgewickelt oder von Konkurrenten geschluckt werden können. Nur ein konsolidierter Bankenmarkt könne sicherstellen, dass die Kreditvergabe wieder anziehe und Europa seine Krise überwinde.

          Die EZB, die im November die gemeinsame Bankenaufsicht übernimmt, durchleuchtet derzeit die Bilanzen der 128 größten Geldhäuser in der Währungsunion. Im Juni folgt ein Stresstest, um die Krisenfestigkeit der Institute in verschiedenen Szenarien zu untersuchen. „Dieser Test muss hart und konsequent durchgeführt werden“, forderte Fitschen. Ansonsten sei er nicht glaubwürdig. Die „Zeugnisse“ zum Jahresende seien wichtig, damit die Investoren wieder Vertrauen in die Kapitalausstattung der hiesigen Banken fassten. Europas Geldhäuser wiederum müssten sich dann schnell wieder auf ihr Tagesgeschäft konzentrieren können, denn im Moment würden sie von internationalen Rivalen „links und rechts überholt“.

          Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hatte die strenge Prüfung durch die Regulierer am Vorabend verteidigt. Der Bilanz-Check bedeute für alle Seiten einen erheblichen Kraftakt. „Aber er ist eine Grundvoraussetzung, um einen glaubwürdigen Start der gemeinsamen Bankenaufsicht hinzubekommen“, betonte Weidmann. „Bevor ein Fußballclub einen neuen Spieler unter Vertrag nimmt, wird er ihn auch erst einmal gründlich untersuchen, und das wird keine Diagnose per Augenschein sein.“

          Von einer gelegentlich beklagten Überregulierung des Finanzsektors könne keine Rede sein, die Agenda sei auch noch längst nicht abgearbeitet, erklärte Weidmann. Die bislang umgesetzten Maßnahmen hätten das Finanzsystem zwar sicherer und robuster gemacht, aber: „Ob es damit hinreichend sicher und robust ist, ist eine andere Frage.“

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