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Bundesbankvorstand warnt : Bankenrisiko „Brexit“

  • -Aktualisiert am

Am 23. Juni stimmen die Briten darüber ab, ob sie in der EU bleiben wollen. Bild: AFP

Entscheiden sich die Briten dafür, aus der EU auszutreten, wäre dies sicher das größte Risiko für die Finanzbranche in diesem Jahr. Probleme bekommen könnte auch die britische Währung. Ein Gastbeitrag.

          To be or not to be - that is the question.“ Mehr als 400 Jahre nach Shakespeares Hamlet stellt sich für die Briten am 23.Juni die Frage nach dem Sein: Wollen sie weiterhin Teil der Europäischen Union sein, oder stimmen sie für einen Austritt?

          Andreas Dombret ist im Vorstand der Deutschen Bundesbank für Bankenaufsicht zuständig.

          Entscheiden sie sich für den „Brexit“, stellt dies vermutlich die größte Herausforderung für den europäischen Finanzsektor in diesem Jahr dar. Neben beträchtlichen Risiken für die britische und kontinental-europäische Konjunktur sowie Sorgen um eine weitere Abwertung des Pfunds stellen sich auch Fragen nach dem Umgang mit eventuellen Marktturbulenzen und einer erforderlichen Standortverlagerung von Banken.

          Großbritannien stimmt über die EU ab - hier geht's zu unserer Themenseite.

          Für die europäische Bankenaufsicht ist ein Brexit mit sehr großen Herausforderungen verbunden:

          Erstens muss die Aufsicht sicherstellen, dass sich die Institute auf einen möglichen Austritt Großbritanniens aus der EU vorbereiten. Denn auch wenn sich die genauen Folgen nur erahnen lassen, wird ein Brexit an den Finanzmärkten deutlich zu spüren sein und könnte destabilisierend wirken. So besteht für das Pfund ein Wechselkursrisiko, sollte es nach einem Referendum für den Austritt noch einmal stark abwerten. Zudem sind Auswirkungen auf den Aktienmarkt zu erwarten. Insbesondere könnten britische Banktitel unter Druck geraten, wenn die Märkte davon ausgehen, dass ein Brexit ihre Refinanzierungskosten am Markt zu Lasten der Ertragskraft erhöht.

          Was können die Aufseher tun? Zunächst verlangt die europäische Bankenaufsicht von den großen betroffenen Finanzinstituten detaillierte Szenario-Rechnungen für einen möglichen Austritt. Ferner müssen die Aufseher sicherstellen, dass die Institute ihre Risiken angemessen einstufen. Dazu gehört, dass sie ihre Engagements in britischen Kredit-, Anleihen- und Aktiengeschäften korrekt bewerten und laufend überprüfen.

          Zweitens stellt sich mit einem Brexit zwangsläufig die Standortfrage für viele in Europa tätige Banken. Denn einerseits ist es denkbar, dass Großbritannien den Zugang zum EU-Binnenmarkt verlieren würde. Der „EU-Pass“, mit dem Banken in jedem anderen europäischen Mitgliedstaat Bankgeschäfte betreiben dürfen, wäre dann für britische Banken nicht mehr gültig. Diesen Einstieg in den europäischen Markt nutzen bisher vor allem amerikanische Banken, die sich dann vermutlich einen neuen Standort für ihre Tochtergesellschaften suchen würden.

          Andererseits ist es möglich, dass London seine starke Position als wichtigster Standort für den Handel mit europäischen Anleihen und Währungen verliert, wenn das Land nicht mehr der EU angehörte. Auch ein wichtiger Teil der Geschäfte mit Derivaten, die in Euro gehandelt werden, wird in London abgewickelt. Dass dies außerhalb des Euroraums erfolgt, wird von der Aufsicht schon jetzt kritisch gesehen - bei einem Ausstieg aus der EU würde sich diese Kritik natürlich weiter verschärfen. Zudem stellt sich die Frage, ob die EZB Euro-Clearing-Geschäfte und Zentralverwahrung außerhalb der EU noch tolerieren würde.

          Diese Beispiele zeigen, dass ein Brexit Druck auf Banken und andere Finanzakteure auslöst, Kerngeschäfte von London auf den Kontinent zu verlagern. Frankfurt gehört als bedeutender Finanzplatz und Sitz der Europäischen Zentralbank sicherlich zur engeren Wahl. Schätzungen der Frankfurt School of Finance erwarten, dass bis zu 20.000 Arbeitsplätze von London nach Frankfurt verlegt werden könnten. Frankfurt würde in diesem Fall als Gewinner aus einer politischen Entscheidung hervorgehen, die sich jedoch kein „Europäer“ wünscht.

          Schließlich stellt sich folgende Frage: Wie kann angesichts der grenzüberschreitenden Tätigkeit aller großen Banken die Finanzstabilität gewährleistet werden, wenn die europäische Koordination von Aufsicht und Regulierung durch einen britischen Austritt erschwert würde? Zwar ist Großbritannien auch heute nicht Mitglied der europäischen Bankenunion, nimmt also nicht an den gemeinsamen europäischen Mechanismen für Aufsicht und Abwicklung teil, ist aber Mitglied im Europäischen Systemrisikorat (ESRB) und bei der europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA in London.

          Das einheitliche Regelwerk für die Bankenaufsicht (Single Rulebook) stellt sicher, dass regulatorisch ein europäisch harmonisierter Rechtsrahmen für Banken dies- und jenseits des Ärmelkanals besteht. Die enge Verflechtung britischer und europäischer Banken legt nahe, dass Finanzstabilität nur grenzüberschreitend verfolgt werden kann. Ein Zurück zu mehr nationaler Regulierung erschwerte dies deutlich. Im Fall eines britischen EU-Austritts müssen daher Mechanismen zur Verfügung stehen, die eine internationale Beaufsichtigung und Regulierung großer Banken sicherstellen. Ich für meinen Teil würde in den europäischen Diskussionen das britische Eintreten für Stabilität und Marktwirtschaft vermissen.

          Wie immer das britische Referendum ausgehen mag: Es ist ein Weckruf für die EU, die sich zwischen Euro-Krise, Uneinigkeiten über den Umgang mit Flüchtlingen und drohendem Austritt eines Mitgliedstaates vor Herausforderungen sieht, die ihren Zusammenhalt in Frage stellen. Diesen Weckruf sollte die EU, die von Präsident Obama als „eine der großartigsten politischen und wirtschaftlichen Errungenschaften der Neuzeit“ bezeichnet wurde, hören und als Chance für tiefgehende Reformen nutzen.

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