https://www.faz.net/-gqe-6w8kx

Bundesbankvorstand Meister im Gespräch : „Jede Währung braucht Vertrauen"

  • Aktualisiert am

Am 1. Januar 2002 wurde der Euro als offizielle Währung in zwölf Staaten eingeführt Bild: dapd

Als Bundesbankvorstand hat er die Einführung des Euro koordiniert. Das neue Geld war kein Teuro, sagt Edgar Meister. Aber nun drohen Gefahren.

          Herr Meister, Sie waren vor zehn Jahren an der Einführung des Euro-Bargelds maßgeblich beteiligt. Zählt das - trotz der aktuellen Krise - zu Ihren beruflichen Leistungen, auf die Sie stolz sind?

          Die Bundesbank als Koordinator für das Konzept zur Euro-Bargeldeinführung stand zusammen mit drei Bundesministerien und 24 Verbänden vor großen logistischen Herausforderungen. So mussten komplexe Fragen der Sicherheit für Herstellung und Transport von 2,5 Milliarden Stück Banknoten und 15,5 Milliarden Euro-Münzen gelöst werden. Kreditwirtschaft, Einzelhandel und mehr als 80 Millionen Menschen mussten in kürzester Zeit mit neuem Geld versorgt werden. Gleichzeitig wurden entsprechende Mengen an D-Mark und Münzen eingezogen. Wenn eine solche Aktion weitgehend störungsfrei abläuft, können alle Beteiligten stolz sein - und ich bin es auch.

          Viele Menschen sind wegen der Schuldenkrise so verunsichert, dass sie sich die D-Mark zurückwünschen. Sie auch?

          Wir haben eine Diskussion, die es in ähnlicher Form auch bei der Einführung des Euro gegeben hat. Viele haben sich ungern von ihrem Geld getrennt, weil die D-Mark für die Bundesrepublik einen Identifikationswert hatte. Wegen der niedrigen Inflation und der Unabhängigkeit der EZB hatte sich das recht bald gelegt. Es gab zwar Preiserhöhungen unmittelbar nach der Einführung des Bargelds, aber die hielten sich doch in Grenzen. Jetzt kommen diese Sorgen zurück, weil die Menschen nicht sicher sind, ob die politischen Schritte zur Lösung der Staatsschuldenkrise wirken werden.

          Was glauben Sie?

          Ich glaube, es wurde zu lange über technische Kniffe wie die Hebelung des Stabilisierungsfonds geredet. Und zu viel wird der Europäischen Zentralbank zugemutet, indem man von ihr den ganz großen Kauf von Staatsanleihen fordert. Das sind falsche Ansätze, das fühlen die Menschen.

          Was wäre denn notwendig?

          Es wurden jüngst wichtige Schritte getan, indem ein glaubwürdiger Fiskalpakt auf den Weg gebracht wurde. Allein die Regierungen können den Kern der Krise erreichen, und der liegt unbestritten in der Überschuldung einiger Länder. Die Staaten müssen zur Haushaltsdisziplin zurückkehren.

          Was stimmt Sie zuversichtlich, dass die Versprechen dieses Mal gehalten werden?

          Ich glaube, dass die Richtung stimmt. Aber natürlich muss die Politik erst Vertrauen zurückgewinnen, damit der Euro dauerhaft Erfolg haben kann. Er hat nun mal keine Eltern und ist die einzige Währung, die für mehr als einen Staat gilt. Deshalb braucht es den Weg in die politische Union.

          Edgar Meister war Finanzminister von Rheinland-Pfalz (SPD) und 1993 bis 2007 Mitglied des Bundesbank-Vorstands

          Aber es gibt doch schon die ersten Zweifel daran, ob die Beschlüsse rechtlich überhaupt tragfähig sind.

          Großbritannien hat durch sein Veto eine Lösung über eine Änderung des EU-Vertrages unmöglich gemacht. Ich glaube schon, dass das rechtlich machbar wäre. Insofern wäre es hilfreich, wenn auch die Europäische Kommission konstruktiv an einer solchen Lösung mitwirken würde.

          Haben Sie eigentlich noch selbst D-Mark zu Hause?

          Ja, einen 50-Mark-Schein mit Unterschriften von Herrn Emminger und Herrn Pöhl. Sonst nur noch ein paar Münzen. Mehr nicht.

          Was haben Sie mit Ihrem ersten Euro getan?

          Ich habe damals in der ganzen Verwandtschaft die Starterkits zu Weihnachten verschenkt. So nannte man damals die Grundausstattung mit Euro-Münzen. Das war ein großer Erfolg unterm Christbaum.

          Kürzlich gab es Gerüchte, es gäbe in den Notenbanken schon Notfallpläne für den Fall, dass der Euro scheitert und dann wieder nationale Währungen gebraucht würden. Können Sie sich solche Pläne vorstellen?

          Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Denn solche Pläne ließen sich kaum geheim halten und wären gefährlich. Nahezu alle politischen Kräfte wollen den Euro erhalten, nur über den Weg wird gestritten. Deshalb halte ich Gerüchte über die Existenz solcher Pläne für Störmanöver von Euro-Gegnern.

          Vielleicht gibt es das neue Geld ja schon in irgendwelchen Kellergewölben?

          Sie hätten schon Schwierigkeiten, genügend große Keller zu finden. Bei der Euro-Einführung vor zehn Jahren wurden allein in Deutschland 4000 Tonnen Papier gebraucht. Glauben Sie mir, wenn es solches Geld gäbe, wir wüssten es längst.

          Ist bei der Einführung des neuen Geldes vor zehn Jahren etwas schiefgelaufen?

          Die Logistik hat im Großen und Ganzen sehr gut geklappt. Unerwartet war die aufkommende Furcht vor Preiserhöhungen. Vor dem Stichtag haben viele Einzelhändler Preiserhöhungen herausgezögert. Andere haben den Euro genutzt, um Preiserhöhungen vorzuziehen. Insofern sind viele Teuerungen, die es ohnehin gegeben hätte, zu unrecht mit der Einführung des Euro in Verbindung gebracht worden. Aber es gab natürlich auch wirklich Ausreißer, wie den Espresso, der in vielen Restaurants nicht mehr eine Mark, sondern einen Euro, also fast doppelt so viel kostete. Das gab es, aber der Effekt hielt sich verglichen mit der gesamten Wirtschaft doch in Grenzen. Die Preise stiegen 2002 im Durchschnitt um 1,4 Prozent.

          Damals gab es den Begriff Euro-Teuro". Hat sich das festgesetzt?

          Nein, ich glaube, die Erfahrungen mit dem Euro waren seitdem gut. Vielleicht kommt der Argwohn wieder, wenn es nun eine Preissteigerungsphase geben sollte oder unverantwortliche Schritte ergriffen würden, wie eine Banklizenz für den Stabilisierungsfonds EFSF. Ich vertraue aber darauf, dass dies nicht geschehen wird.

          Warum akzeptieren die Menschen eigentlich überhaupt bedrucktes Papier als Zahlungsmittel?

          Das gibt es nur, wenn es großes Vertrauen in die Stabilitätspolitik und in die Geldpolitik der Zentralbank gibt. In Zeiten einer Staatsschuldenkrise ist dieses Vertrauen in Gefahr. Nämlich dann, wenn die Politik versucht, auf die Geldpolitik zurückzugreifen, um einen vermeintlich bequemen Ausweg aus den Finanzierungsschwierigkeiten zu finden. Jede Währung braucht Vertrauen. Das gilt erst recht in der Krise.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.