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Jens Weidmann : Bundesbank-Chef für 3 Prozent Lohnanstieg

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann Bild: dpa

Erstmals hat sich der Präsident der Bundesbank zur Kontroverse über höhere Löhne in Deutschland geäußert. In der F.A.Z. nennt Jens Weidmann einen Richtwert.

          Erstmals hat sich Bundesbank-Präsident Jens Weidmann direkt zur Kontroverse über höhere Löhne in Deutschland geäußert und 3 Prozent Tarifanstieg als Richtwert genannt. Es sei „zu begrüßen, dass die Arbeitsentgelte wieder stärker steigen“, sagte Weidmann der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.). „In einer Reihe von Branchen und Regionen haben wir praktisch Vollbeschäftigung, und es häufen sich die Meldungen über Arbeitskräftemangel.“ Die 3 Prozent ergäben sich überschlagsmäßig aus mittelfristig knapp 2 Prozent Inflation und 1 Prozent Produktivitätswachstum, sagte Weidmann. Dies ist aus Sicht der Notenbanker der stabilitätspolitisch vertretbare Verteilungsspielraum.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Zuvor hatten der Chefvolkswirt der Bundesbank und der Chefökonom der Europäischen Zentralbank höhere Löhne in Deutschland angeregt. Arbeitgeber, aber auch Gewerkschafter hatten sich hingegen eine Einmischung verbeten. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall hatte von einem „gefährlichen Ratschlag aus Frankfurt“ gesprochen. Weidmann beteuerte, die Bundesbank mische sich nicht in die Tarifverhandlungen ein. Je nach der spezifischen Lage der Branchen müsse verhandelt werden.

          Beobachter vermuteten hinter den Äußerungen der Notenbanker auch den Gedanken, dass höhere Löhne in Deutschland die niedrige Inflationsrate im Euroraum anheben und den Anpassungsbedarf der Krisenländer etwas abmildern könnten, die ihre Lohnstückkosten senken müssen, um Wettbewerbsfähigkeit wiederzuerlangen. Weidmann mahnte aber, dass zu hohe Lohnabschlüsse in Deutschland keineswegs zur Lösung der Euro-Krise beitrügen: „Lohnabschlüsse, die deutlich über einen produktivitätsorientierten Anstieg hinausgehen, würden Wachstum und Beschäftigung in Deutschland schaden und dem Euroraum einen Bärendienst erweisen“, sagte er.

          Die Hinweise der Bundesbank hatten Tarifpolitiker auch deshalb verblüfft, weil sich das Tempo der tariflichen Lohnsteigerungen in den vergangenen Jahren ohnehin deutlich erhöht hat. Nach Berechnungen der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung sorgen die für 2014 bisher vereinbarten Branchenabschlüsse für Tariferhöhungen von, aufs Jahr gerechnet, 3,1 Prozent. Sie betreffen 16,5 Millionen Arbeitnehmer. 2012 und 2013 waren es jeweils rund 2,7 Prozent gewesen.

          Die Metall-Arbeitgeber halten den Richtwert der Bundesbank für zu hoch und geben zu bedenken, dass der Produktivitätsfortschritt 2012 und 2013 mit nicht einmal 0,5 Prozent deutlich unter dem langjährigen Durchschnittswert gelegen habe. „Wer künftig stärkere Lohnerhöhungen haben will, muss Spielräume für zusätzliche Investitionen lassen“, fordert Gesamtmetall. Denn genau dadurch werde ein Produktivitätsfortschritt möglich, aus dem die Betriebe stärkere Lohnerhöhungen finanzieren könnten.

          Die Metall- und Elektroindustrie reagiert auch deshalb besonders empfindlich auf die Hinweise der Bundesbank, weil der Tarifrunde für ihre 3,7 Millionen Beschäftigten im Herbst als nächstes an der Reihe ist. In der Chemieindustrie hatte die Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie im Frühjahr Tariferhöhungen von 3,7 Prozent für eine Laufzeit von 14 Monaten durchgesetzt. Verdi erkämpfte für die zwei Millionen Beschäftigten im öffentlichen Dienst der Kommunen und des Bundes ein Plus von 3,3 Prozent in diesem und 2,4 Prozent im kommenden Jahr. Die IG Bauen, Agrar, Umwelt erreichte Tariferhöhungen in Stufen von 3,1 und 2,6 Prozent.

          Die IG Metall als größte und mächtigste Gewerkschaft, die ihre neue Lohnforderung im November beschließen will, hat bisher fast immer überdurchschnittliche Tariferhöhungen durchgesetzt. Entsprechend deutlich weisen die Metall-Arbeitgeber auf die Gefahren einer öffentlichen Debatte hin, die in der IG Metall als Aufruf zu höheren Forderungen verstanden werden könnte. „Die von der Bundesbank gewünschten kräftigeren Lohnsteigerungen würden die Investitionsbedingungen verschlechtern und die Unternehmen zwingen, bei Neuinvestitionen auch ausländische Standorte stärker zu berücksichtigen“, warnt Gesamtmetall. Zudem müsse im Blick bleiben, dass es immer noch 2,8 Millionen Arbeitslose gebe.

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