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Bund der Versicherten : Total verunsichert

Der Geschasste: Axel Kleinlein ist Teil einer Geschichte um Intrigen, Eitelkeiten und Geltungssucht Bild: Bode, Henning

Der Bund der Versicherten könnte die mächtigste Gegenlobby der Assekuranz sein. Seit Jahren aber bekämpfen sich die Verantwortlichen intern. Jetzt soll es zum Showdown kommen.

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          Die Versicherungswirtschaft hat einige Vorteile auf ihrer Seite: Fast jeder ist auf ihre Produkte angewiesen, kaum einer begreift sie. So entsteht ein großes Wissensgefälle. Durch ihre Milliardeneinnahmen können sich die Konzerne die besten Fachleute leisten und im Streitfall die versiertesten Anwälte. Dass Verbraucher eine Gegenmacht organisieren, dabei den Staat außen vor lassen und eine Finanzierung aus Mitgliedsbeiträgen sicherstellen, ist eine so sympathische wie erfolgversprechende Idee. Sie führte 1982 zur Gründung des Bundes der Versicherten (BDV). Er könnte eine machtvolle Gegenlobby sein. Seit Jahren aber stehen sich die Verantwortlichen durch interne Querelen, Misswirtschaft und Eitelkeiten selbst im Weg. Es ist eine Geschichte um Intrigen, Geltungssucht und zerbrochene politische Freundschaften aus der norddeutschen Provinz.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Nun wollen die vereinsinternen Kritiker einen Showdown herbeiführen. Sie trommeln dafür, den abzusetzen, den sie für die Wurzel des Übels halten: den früheren Hamburger Finanzsenator Horst Gobrecht. Der SPD-Politiker ist seit 2006 Aufsichtsratsvorsitzender des Vereins. Die Rebellen werfen ihm vor, jahrelang Misswirtschaft zugelassen zu haben und nur daran interessiert zu sein, das Amt störungsfrei zu führen. Im September 2011 aber berief er gegen seinen Willen jemanden auf den Posten des Vorstandsvorsitzenden, der das Gegenteil von Ruhe versprach, den in der Branche manche als Querulanten verspotten, andere als streitfreudigen Experten fürchten: den Versicherungsmathematiker Axel Kleinlein.

          Kleinleins aggressive Töne

          Über die Personalie hat sich Gobrecht mit seinem alten politischen Weggefährten Hartmuth Wrocklage überworfen, der nach der gemeinsamen Zeit in der Hamburger Finanzbehörde einst selbst Innensenator des Stadtstaats war. Ihn hatte Gobrecht ein Jahr vor Kleinleins Berufung als Not-Vorstand gewinnen können, vor eineinhalb Jahren wechselte er in den Aufsichtsrat. Denn damals gab es einiges aufzuräumen: Der langjährigen Vereinschefin Lilo Blunck, noch einer ausgedienten Sozialdemokratin, waren die Kosten aus dem Ruder gelaufen. Dienstwagen, Beraterverträge, großzügige Gehälter - all das lief eine gewisse Zeitlang unhinterfragt. Das Fass zum Überlaufen brachte dann aber der Ausbau der Vereinszentrale in Henstedt-Ulzburg, einer gesichtslosen Schlafstadt im nördlichen Speckgürtel Hamburgs. Ohne den Aufsichtsrat zu informieren, ließ der Vorstand dort eine teure Wohnung einbauen. Blunck wurde vor die Tür gesetzt. Wrocklage ordnete die Finanzen, Kleinlein sollte den Verein aus seinem jahrelangen Dornröschenschlaf führen und eine Strategie des „offensiven Verbraucherschutzes“ einleiten.

          Noch unter Blunck war die Devise gewesen: so viel Kooperation wie möglich, so viel Konfrontation wie nötig. Die Versicherungsbranche lächelte über ihre mangelnde fachliche Tiefe und ihre Angepasstheit. Unter Kleinlein änderte sich das: Im Ton trat er aggressiver auf, juristisch wurde er aktiver, und in der Sache brachte er zugespitzte versicherungskritische Positionen ein. Doch er musste auch gegen alte Seilschaften bestehen. Als Ko-Vorstand installierte der Aufsichtsrat Thorsten Rudnik, lange Zeit Bluncks wichtigster Unterstützer und ebenfalls eher defensiv veranlagt. Dagegen fiel dessen Lebensgefährtin Heike Fricke, die er vor einigen Tagen geheiratet hat, 2010 der Verkleinerung des Vorstands zum Opfer.

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