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Bürger gegen Stromleitungen : Am liebsten 1000 Meter Abstand zum Strommast

  • -Aktualisiert am

So nicht: Bernd Kördel schaut sich den geplanten Trassenverlauf an Bild: Florian Manz

Bernd Kördel leitet eine Bürgerinitiative - und er ist dagegen: Gegen die 190 Kilometer lange Stromleitung, die die Bundesregierung plant. Geht es nach ihm, wird der Ausbau des Stromnetzes nicht so vorankommen wie von der Politik gewünscht.

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          Bernd Kördel will noch lange nicht in den Ruhestand gehen. Wenn sich der 64-Jährige entspannt in seinem Stuhl zurücklehnt und seine Vorstellungen zum Ausbau des deutschen Stromnetzes darlegt, dann ahnt man, dass er in den kommenden Jahren noch so manchem Politiker Kopfzerbrechen bereiten wird. Bis vor kurzem war Kördel stellvertretender Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens, nun leitet er seit dem Frühjahr eine Bürgerinitiative im nördlichen Hessen. Ihr Name ist ihr Programm: „Keine 380-kV-Freileitung im Schwalm-Eder-Kreis“. 380 Kilovolt soll die Spannung der Stromleitung betragen, die nach dem Willen der Bundesregierung 190 Kilometer weit vom niedersächsischen Wahle bis zum hessischen Mecklar reichen soll. In Hessen wird die Trasse durch den Schwalm-Eder-Kreis oder durch den Werra-Meißner-Kreis verlaufen. Doch wollten die Bürger nicht warten, bis eine Variante feststeht: In beiden Kreisen haben sie Initiativen gegründet und möchten in der Planung ein gewichtiges Wort mitreden.

          Lisa Becker
          Redakteurin in der Wirtschaft

          380-Kilovolt-Freileitungen sind überirdische Leitungen mit einer besonders hohen Spannung. Die Bundesregierung hat 2009 im Energieleitungsausbaugesetz (Enlag) 24 solche Höchstspannungstrassen benannt, die vordringlich gebaut werden sollen; die Leitung von Wahle nach Mecklar gehört dazu. Zusammen haben die Projekte eine Länge von 850 Kilometern, gebaut wurden bisher erst 90 Kilometer. Allerdings werden auch die 850 neuen Kilometer der Stromautobahn bei weitem nicht ausreichen, den Ausbau der erneuerbaren Energien so stark voranzubringen wie im Energiekonzept der Bundesregierung vorgesehen. Vor allem um den Windstrom vom windreichen Norden in die Verbrauchszentren des Südens zu transportieren, wird man noch viel mehr Stromautobahnen benötigen. Die Deutsche Energieagentur (Dena) hat gerade empfohlen, in den kommenden zehn Jahren noch einmal 3600 Kilometer 380-kV-Freileitungen zu errichten; nur dann könne der Anteil des Stroms aus erneuerbaren Quellen auf rund 40 Prozent steigen. Dena-Chef Stephan Kohler ist freilich skeptisch, dass dies gelingen wird: Durch den „massiven“ Widerstand in der Bevölkerung zögen sich Genehmigungsverfahren bis zu zehn Jahren hin.

          Bernd Kördel würde für den Baubeginn der Leitung von Wahle nach Mecklar jedenfalls keine Prognose wagen. Geplant wird die Trasse seit 2007; derzeit läuft das Raumordnungsverfahren, das voraussichtlich bis Mitte 2011 dauern wird. Bis Ende August 2010 konnten die Bürger Widerspruch einlegen: 22 000 Einwände gingen ein. Nach Abschluss des Raumordnungsverfahrens wird es wohl bis 2014 dauern, die Trasse im Detail zu planen. Wenn dann der genaue Plan in allen Gemeinden öffentlich ausgelegt wird, schlägt die Stunde der Bürger. „Direkt Betroffene können dann vor dem Bundesverwaltungsgericht klagen“, erklärt Kördel. Er erwartet, dass „irgendwer schon klagen wird“. Und schon ein Verfahren reicht, um den Bau zu verzögern.

          „Erdkabel sind auch riskant”, sagt Peter Ahmels  von der Deutschen Umwelthilfe
          „Erdkabel sind auch riskant”, sagt Peter Ahmels von der Deutschen Umwelthilfe : Bild: dpa

          „Da wird doch die Landschaft total durchschnitten“

          Weil sich solche Verfahren über Jahre hinziehen können, befürchten die Befürworter der Ökoenergien, dass deren Anteil an der Stromerzeugung nur langsam zunehmen wird. Sie fordern, dass man den Menschen besser klarmachen müsse, dass, wer das regenerative Zeitalter befürworte, auch die dafür notwendige Infrastruktur akzeptieren müsse. Dagegen hat Bernd Kördel freilich nichts einzuwenden. Was er und seine Mitstreiter aber wollen, ist ein anderes Stromnetz als das bisher geplante. Wie fast alle anderen Bürgerinitiativen, die sich überall entlang der geplanten Höchstspannungsleitungen formiert haben, fordern sie größere Abstände der Leitungen zu den Häusern und eine Erdverkabelung.

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