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Brüssel : EU-Politikerinnen wollen Frauenquote erzwingen

  • -Aktualisiert am

EU-Kommissarin Viviane Reding Bild: dapd

In Deutschland ist die Quote vom Tisch. Dafür droht Brüssel: Holen die Konzerne nicht mehr Vorstandsfrauen, kommt ein Gesetz. Vor allem die Luxemburgerin Viviane Reding droht mit ihrer „regulatorischen Kreativität“.

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          In Berlin hat die Kanzlerin die Debatte um eine Frauenquote in der Wirtschaft fürs Erste beendet, aus Brüssel kommt sie nun mit voller Wucht zurück. Sollten die Firmen sich nicht aus freien Stücken zu Frauenquoten verpflichten, „dann wären rechtsverbindliche, durchsetzbare Quoten vonnöten“, sagt die EU-Justizkommissarin Viviane Reding. Exakt zwölf Monate gibt sie der Selbstregulierung noch eine Chance - sonst kommt die gesetzliche Keule. Zum 101. Internationalen Weltfrauentag, am 8. März 2012, wird sie die Fortschritte prüfen, sagt die Luxemburgerin und droht vorsorglich mit ihrer „regulatorischen Kreativität“.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wie viele Frauen in die Chefetagen vorrücken sollen, darüber hat Brüssel klare Vorstellungen: Börsennotierte Unternehmen sollen sich verpflichten, die Vorstände bis zum Jahr 2015 zu 30 Prozent mit Frauen zu besetzen und bis zum Jahr 2020 zu 40 Prozent. So will es die EU-Kommission, darin unterstützt selbst die CSU sie, in Person der Abgeordneten Angelika Niebler, die in der Männer-Partei eine Quote durchgesetzt hat: „Früher war ich gegen eine Quote. Doch mittlerweile habe ich gelernt: Es geht manchmal nicht ohne.“

          Koch-Mehrin klagt: Unternehmen nehmen das Thema nicht ernst

          Um den Managern ins Gewissen zu reden, hat EU-Kommissarin Reding in der vorigen Woche Vorstände und Aufsichtsräte aus zehn Ländern zum Gipfel nach Brüssel eingeladen. Allein das Interesse der deutschen Konzerne war sehr mau. Einzig der scheidende BASF-Chef Jürgen Hambrecht nahm an dem Treffen teil.

          Silvana Koch-Mehrin (FDP)

          „Dies zeigt, dass die Dax-Unternehmen das Thema offensichtlich nicht so ernst nehmen, wie es ist“, empört sich die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin, stellvertretende Präsidentin des EU-Parlaments. Die Liberale ist selbst keine Anhängerin einer gesetzlichen Quote, wohl aber gebraucht sie diese als Druckmittel: „Für die deutschen Unternehmen ist es fünf vor zwölf, um die gesetzliche Quote noch zu stoppen: Wenn sie sich nicht freiwillig verpflichten, wird die EU-weite Quote so sicher kommen wie das Amen in der Kirche.“ Die schnelle Unterzeichnung der Selbstverpflichtung sei zudem ein Wettbewerbsvorteil, glaubt Koch-Mehrin: „Unternehmen, die für Frauen attraktiver sind, werden auch erfolgreicher sein.“

          Das Image als Macho-Laden kann sich bald keiner mehr leisten

          Richtig ist jedenfalls, dass keine Firma sich noch das Image als Macho-Laden leisten kann. Zumindest tun die Konzernlenker so, als wünschten sie sich nichts sehnlicher als weibliche Führungskräfte. Fast täglich werden Frauen in höchste Ämter in deutschen Konzernen berufen. Volkswagen holt eine Bankerin aus Schweden in den Aufsichtsrat, Daimler legt umgehend mit der zweiten Aufsichtsrätin nach; mit der Nestlé-Managerin Petraea Heynike.

          Außerdem hat in dem Autokonzern nach 125 Jahren zum ersten Mal eine Frau in der obersten Führung etwas zu melden: Die ehemalige Verfassungsrichterin und erklärte Feministin Christine Hohmann-Dennhardt zog Mitte Februar in den Vorstand ein. Vorreiter in Sachen Frauenförderung sind jedoch die kleinsten Autos im großen Daimler-Gebilde: Bei Smart ist die oberste Ebene zu 100 Prozent in weiblicher Hand. Annette Winkler ist die Chefin, direkt unter ihr arbeiten eine Finanzchefin, eine Marketingchefin, auch der Projektleiter für die Entwicklung der nächsten Baureihe ist eine Leiterin.

          Nur von gesetzlichen Vorgaben mag die Smart-Chefin nichts wissen: „Ich bin kein Freund von Quoten, die in vielen Bereichen schlicht unrealistisch sind“, sagt Annette Winkler. „In der aktuellen Diskussion laufen wir sogar Gefahr, Männer zu diskriminieren, wenn bei gleicher, manchmal sogar niedrigerer Qualifikation der weibliche Kandidat das Rennen machen würde.“

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