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Britische Wirtschaft : Ist der Brexit-Schock nur aufgeschoben?

Mit dem Arbeiten scheint es in Großbritannien momentan ganz gut zu laufen. Bild: AFP

Die britische Wirtschaft schlägt sich nach dem Brexit-Votum besser als erwartet. Freude macht auch eine Entscheidung von Nissan. Die Prognosen für 2017 sind derweil bescheiden.

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          Großbritanniens Wirtschaft hat sich unmittelbar nach dem Brexit-Referendum im Sommer besser behauptet als erwartet. Im dritten Quartal stieg die Wirtschaftsleistung im Vergleich zum Frühjahr um 0,5 Prozent. Ökonomen hatten dagegen im Schnitt nur mit einem Wachstum von 0,3 Prozent gerechnet. Im Vorjahresvergleich ist das britische Bruttoinlandsprodukt um 2,3 Prozent expandiert.

          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Es gibt wenige Hinweise darauf, dass das Brexit-Votum unmittelbare Auswirkungen hatte“, teilte die Statistikbehörde mit. Für 2017 rechnen viele Fachleute allerdings weiterhin mit einem starken Wirtschaftsabschwung durch den bevorstehenden Austritt aus der EU. Die am Donnerstag veröffentlichten Zahlen sind die erste amtliche Wachstumsschätzung für die Zeit seit dem Referendum am 23. Juni. Häufig werden diese Daten im Nachhinein korrigiert.

          „Die Zahlen zeigen, dass die britische Wirtschaft widerstandsfähig ist“, sagte Großbritanniens Finanzminister Philip Hammond. Das robuste Wachstum steht im Gegensatz zu den Prognosen vieler Ökonomen, die vor dem Referendum gewarnt hatten, Großbritannien drohe im Falle des EU-Ausstiegs ein schneller und harter Wirtschaftseinbruch. Stattdessen sieht es nun so aus, als sei das Wirtschaftswachstum auf der Insel derzeit höher als in Deutschland, Frankreich und den Vereinigten Staaten.

          Kommt der Einbruch 2017?

          „Unser ursprünglicher Pessimismus war verfrüht“, räumte Liz Martin, Analystin der britischen Großbank HSBC, ein. Die rasche Bildung einer neuen Regierung nach dem Volksentscheid und das entschlossene Krisenmanagement der Bank von England hätten dazu beigetragen, die Wirtschaft zu stabilisieren. Die Notenbanker hatten am Tag nach dem Referendum mit der Bereitstellung einer großen Banken-Liquiditätsspritze für Ruhe gesorgt.

          Benötigt wurde sie letztlich nicht. Im August halbierten sie den Leitzins auf 0,25 Prozent. Nach den guten Wachstumszahlen halten Analysten nun eine weitere Senkung im November für unwahrscheinlich. Auch der Druck auf den Finanzminister Hammond, rasch ein großes Konjunkturprogramm aufzulegen, sinkt.

          Viele Experten bezweifeln aber, dass die wirtschaftliche Stabilität lange andauern wird: Sie sagen für 2017 einen Wachstumseinbruch voraus. Der Internationale Währungsfonds rechnet mit einem Rückgang von 1,8 Prozent in diesem Jahr auf 1,1 Prozent im kommenden. Die OECD prognostiziert einen ähnlich starken Abschwung. Ökonomen sehen vor allem zwei Schwierigkeiten durch den Brexit:

          Nissan bekommt Garantien - und bleibt

          Erstens werde der starke Wertverfall des Pfunds die Konsumnachfrage schwächen, denn er verteuert Importgüter. Analysten erwarten, dass sich die Inflationsrate 2017 auf rund 3 Prozent verdreifachen wird. Als zweiten großen Risikofaktor sehen Fachleute die Unternehmensinvestitionen an. Umfragen deuten darauf hin, dass viele britische Unternehmen Investitionen auf Eis legen, weil der Brexit neue Handelshürden zwischen Großbritannien und Kontinentaleuropa schaffen könnte.

          Umso wichtiger war am Donnerstag eine Nachricht aus der Autoindustrie: Der französisch-japanische Konzern Renault-Nissan kündigte an, zwei neue Modelle in seinem Werk im nordenglischen Sunderland zu bauen, der größten Autofabrik auf der Insel. Der Hersteller hatte zuvor von der Regierung in London Garantien verlangt, dass er für eventuelle Handelsnachteile durch den Brexit vom Staat kompensiert werde.

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