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Britische Banker : Die Europäer

Der Treibstoff für die Londoner Banken kommt aus Europa: Der Kontinent ist der wichtigste Exportmarkt für britische Finanzdienstleistungen Bild: picture alliance / Jane Legate/R

Nirgendwo in Großbritannien hat die EU so viele Unterstützer wie in der Londoner City. Die Banker bangen um ihr Geschäft, sollte das Land Europa den Rücken kehren.

          Der sechshundertfünfundachtzigste in der langen Reihe der Lord Mayor of London sitzt in seinem Büro im Herzen des Bankenviertels und sagt, dass dort alle Europa-Fans seien. „Ich habe noch keinen Banker getroffen, der findet, wir sollten aus der EU austreten“, sagt Roger Gifford. Als Bürgermeister der City of London, dem Finanzbezirk und historischen Kern der britischen Hauptstadt, ist er eine Art Edel-Lobbyist für die Interessen der Finanzmanager an der Themse. Recht weit oben auf seiner Agenda steht ein Problem, das maßgeblich über die Zukunft Londons als zweitgrößtem Finanzzentrum der Welt entscheiden könnte: Die wachsende Entfremdung zwischen Großbritannien und Europa. Was die Finanzmanager in der City umtreibt ist allerdings nicht die Sorge um das europäische Projekt als solches. Ihnen geht es um Soll und Haben.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          „Wenn Großbritannien Europa den Rücken kehren sollte, würde das unausweichlich dazu führen, dass Geschäfte aus der City an andere Orte abwandern“, warnt Gifford. Er hat selbst mehr als drei Jahrzehnte als Banker in der City gearbeitet. Gifford ist ein jovialer und eloquenter Gesprächspartner. Er sagt, Deutsche und Briten dächten ähnlich: „Wir sollten mehr miteinander reden“. Der pompöse Amtssitz des Bürgermeisters atmet die Jahrhunderte alte Machtposition Londons als Europas wichtigster Marktplatz für Geldgeschäfte: Das Mansion House, mit seiner an einen griechischen Tempel erinnernden Säulen-Fassade ist ein Prunkbau aus dem achtzehnten Jahrhundert. Besucher empfängt Gifford in einem Büro von imposanten Ausmaßen mit mintfarbenen Wänden und himmelhoher Stuckdecke.

          In den Bankentürmen wächst die Nervosität

          „Großbritannien muss im Zentrum Europas bleiben“, sagt der Bankenlobbyist. In der City haben sie schon vor einem halben Jahrtausend Monarchen das Geld für deren Kriege geliehen. Aber was nützt das schon im Hier und Heute? Bis Ende 2017 sollen die Briten nach dem Willen ihrer Regierung darüber abstimmen, ob das Vereinigte Königreich weiter Mitglied der Europäischen Union bleibt. Vorher will Premierminister David Cameron versuchen, all das in der EU zu reparieren, was seine Wähler an der Staatengemeinschaft stört. Er will für Reformen kämpfen und mehr Selbstbestimmung für sein Land. Das ist zumindest der Plan.

          Europa ist in Großbritannien an vielem Schuld - vor allem an den vielen ausländischen Gastarbeitern im Land. Die Insel ist so europamüde wie seit Jahrzehnten nicht mehr und die Meinungsumfragen sind für die Männer in den Chefetagen der City alles andere als beruhigend. Derzeit würden mehr als die Hälfte der Bürger im Referendum für den „Brexit“ stimmen, also den Austritt Großbritanniens aus der EU. Dagegen ist nur ein Drittel, der Rest ist unentschlossen.

          In Londons Bankentürmen wächst die Nervosität. Es gibt wohl keinen bedeutenden Wirtschaftszweig auf der Insel, den der Brexit so hart treffen würde wie die Banken. Trotz der jahrhundertealten Tradition als Finanzzentrum sei das Geldgeschäft flüchtig, warnt ein Spitzenbanker einer amerikanischen Investmentbank in London. „Die Banken sind hier nicht deshalb so groß, weil Großbritannien so wichtig ist, sondern nicht zuletzt weil dieses Land Teil von Europa ist“, sagt er unverblümt. „Wenn sich das ändert, können die Aktivitäten relativ einfach an andere Orte verlagert werden.“

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