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Großbritannien : Banken zahlen Boni nur noch auf Bewährung

Bodenhaftung: Londons Banker bekommen künftig Boni nur für ehrliche Arbeit. Bild: Bloomberg

In Großbritannien gelten neue gesetzliche Spielregeln für die umstrittenen Leistungsprämien der Banken. Es sind die striktesten der Welt. Zweifel bleiben trotzdem.

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          Banker in London müssen künftig Boni zurückzahlen, wenn sie durch ihre Arbeit der Bank Schaden zugefügt haben. Seit Neujahr sind die Arbeitgeber am zweitgrößten Finanzplatz der Welt gesetzlich verpflichtet, im Schadensfall die in der Branche üblichen üppigen Leistungsboni zurückzuverlangen – und zwar rückwirkend für bis zu sieben Jahren. Ein Bankmitarbeiter kann sich also erst im Jahr 2022 sicher sein, dass er die Prämie, die er für dieses Jahr bekommt, auch wirklich auf Dauer behalten darf. Den Bonus gibt es quasi nur noch auf Bewährung. Laut der neuen Regel müssen die Arbeitgeber auf die Rückzahlung des Geldes pochen, wenn „es angemessene Belege für ein Fehlverhalten oder materielle Fehler des Angestellten gibt“.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die von der britischen Zentralbank erlassenen neuen Spielregeln seien in der Finanzwelt beispiellos, sagt Alistair Woodland, Partner der Anwaltskanzlei Clifford Chance in London: „Mir ist kein Land bekannt, in dem es solch weitreichende Vorgaben gibt.“ Betroffen sind zahlreiche Institute, denn die Rückforderungsverpflichtung gilt nicht nur für britische Banken, sondern auch für Londoner Mitarbeiter ausländischer Institute wie der Deutschen Bank und Goldman Sachs, die an der Themse große Niederlassungen unterhalten.

          Der alljährliche Geldregen für die Mitarbeiter ist vor allem im Investmentbanking die Regel. Aber die Bonuszahlungen, die bei Spitzenkräften Millionenhöhe erreichen, sind seit der Weltfinanzkrise in Verruf geraten, denn Mitarbeiter in den Handelssälen der Banken können durch die Erfolgsprämien zu unverantwortlichem Zocken verleitet werden – oder sogar zu kriminellen Tricksereien. Entschärft sei diese Gefahr noch immer nicht, bilanzierte im Dezember die Ratingagentur Moody’s: Zwar haben in den vergangenen Jahren viele Banken ihre Bonusregeln modifiziert, aber die Reformen gingen nicht weit genug, glauben die Analysten von Moody’s. Weiterhin würden falsche Anreize zu riskanten Geschäften gesetzt. In Europa gibt es seit einem Jahr den sogenannten Bonusdeckel, der die Höhe der Erfolgsprämie in Relation zum Grundgehalt gesetzlich begrenzt.

          Ursache für Finanzskandale

          Überzogene Bonusversprechungen gelten auch als eine Ursache für die Serie von Finanzskandalen in den vergangenen Jahren. Erst im November mussten sechs internationale Großbanken in Großbritannien, den Vereinigten Staaten und der Schweiz insgesamt 3,4 Milliarden Euro Strafe zahlen, weil ihre Händler über Jahre hinweg die Kurse im Devisenhandel manipuliert haben. Die britische Hauptstadt ist das führende Zentrum im globalen Währungsgeschäft. Zuvor hat bereits der Manipulationsskandal um die London Interbank Offered Rate (Libor), die zu den wichtigsten Zinssätzen im internationalen Kreditgeschäft zählt, den Ruf der Bankenhochburg an der Themse ramponiert.

          Im Londoner Finanzviertel stoßen die neuen Bonusregeln erwartungsgemäß auf wenig Begeisterung. Den Lobbyisten der City gilt das Gesetz als potentielles Standortrisiko: „Die Regierung muss sich anstrengen, damit Großbritannien als globales Finanzzentrum wettbewerbsfähig bleibt“, mahnte John Cridland, der Generaldirektor des Unternehmensverbands CBI. Es werde womöglich schwer werden, gute Mitarbeiter für das Londoner Bankenviertel zu gewinnen, wenn diese auf viele Jahre hinaus nicht wüssten, wie viel sie letztlich verdienten, glaubt Cridland. Andere Finanzmetropolen wie New York und Singapur könnten davon profitieren.

          „Das Gesetz zielt darauf ab, die Banker risikoscheuer zu machen, weil sie, wenn es schiefgeht, ihre Boni verlieren“, sagt John Thanassoulis, Professor für Finanzwirtschaft an der Universität im britischen Warwick. „Das ist im Interesse der Gesellschaft, aber den meisten Großaktionären der Geldhäuser gehen diese Vorgaben zu weit“, glaubt der Bankenexperte. Allerdings ist es nach Einschätzung vieler Fachleute alles anders als ausgemacht, wie effektiv die neue Regelung in der Praxis wirklich sein wird.

          In der Vergangenheit waren die Personalabteilungen der Banken jedenfalls höchst kreativ, wenn es darum ging, unliebsame Bonusbeschränkungen zu umgehen. Der Wirtschaftsprofessor Thanassoulis sagt ein Hase-und-Igel-Spiel zwischen Aufsehern und Banken voraus: „Auch die neuen Regeln sind ganz bestimmt nicht das letzte Wort“, erwartet er. Der britische Notenbankgouverneur Mark Carney hat bereits signalisiert, dass er weiteren Handlungsbedarf sieht: Man müsse darüber nachdenken, bei eklatanten Fehltritten nicht nur Bonuszahlungen, sondern auch die fixen Grundgehälter der Banker zurückzuverlangen, fordert Großbritanniens oberster Geldhüter.

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