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Warnhinweise : Achtung, Alkohol!

Die Kosten des „Suffs“: Umgerechnet 26 Milliarden Euro beträgt der gesamtwirtschaftliche Schaden in Großbritannien. Bild: REUTERS

Britische Abgeordnete geißeln den Alkoholismus als „nationale Seuche“. Tatsächlich hat sich die Zahl der Lebererkrankungen verfünffacht. Die Parlamentarier verlangen bei Bier und Wein Warnhinweise wie auf Zigarettenschachteln. Und sie haben noch mehr Vorschläge.

          Das Restaurant im Londoner Bankenviertel Canary Wharf lädt jeden Samstag zum „bottomless brunch“ ein, und bei diesem „bodenlosen Frühstück“ gibt es neben Blaubeerpfannkuchen und „Egg Royale“ eine Besonderheit: Die Gäste können zum Pauschalpreis so viel Alkohol trinken wie sie wollen – ab neun Uhr morgens. Alkohol-Sonderangebote gelten in den Restaurants und Kneipen der britischen Hauptstadt als probates Mittel, um Kundschaft anzulocken. Britische Parlamentsabgeordnete allerdings geißeln den Alkoholismus im Land als eine „nationale Seuche“. Sie wollen, dass die Regierung mit radikalen Maßnahmen gegensteuert.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In einem Manifest gegen den Alkoholmissbrauch fordert ein Ausschuss des britischen Unterhauses, Bier-, Wein- und Schnapsflaschen müssten mit ähnlich gut sichtbaren Warnhinweisen versehen werden, wie sie heute bereits auf Zigarettenschachteln gesetzlich vorgeschrieben sind: „Alkohol gefährdet Ihre Gesundheit und kann zu einem frühen Tod führen“ – werden solche großflächigen Mahnungen auf den Etiketten schon bald Standard werden in den Bier- und Weinregalen britischer Supermärkte? „Die Fakten sprechen für sich“, sagt die Ausschussvorsitzende Tracey Crouch von der regierenden konservativen Partei.

          Tatsächlich hat sich die Zahl der Lebererkrankungen in Großbritannien seit dem Jahr 1970 mehr als verfünffacht. Gesundheitsfachleute beschäftigen sich mit dem Alkoholmissbrauch, sie schätzen die gesamtwirtschaftlichen Kosten des „Suffs“ auf umgerechnet rund 26 Milliarden Euro im Jahr. In London und anderswo im Land verstopfen an den Wochenenden massenweise eingelieferte Volltrunkene die ohnehin überlasteten Notaufnahmen der Krankenhäuser. Bei drei Vierteln aller Fälle von Kindesmisshandlung ist Alkohol im Spiel.

          Das Alkoholproblem gibt es nicht nur auf der Insel

          Der Vorstoß der britischen Parlamentarier setzt international ein Zeichen. Denn das Alkoholproblem gibt es nicht nur auf der Insel: Die Briten trinken heute zwar deutlich mehr als früher, aber den Statistiken der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge nehmen beispielsweise die Deutschen und die Franzosen im Schnitt noch mehr Alkohol zu sich. Auch die Häufigkeit alkoholbedingter Leberzirrhosen ist in Deutschland und Frankreich größer als im Vereinigten Königreich.

          Die Getränkeindustrie ist von der Idee mit den Warnhinweisen erwartungsgemäß wenig begeistert. Acht von zehn Briten seien mäßige Trinker, sagte Sarah Hanratty, die Geschäftsführerin der Portman Group, einer Lobbyorganisation der Alkoholbranche. „Graphische“ Warnhinweise würden deshalb „einen Schritt zu weit“ gehen, sagte sie in der BBC. Auch die Regierung reagierte zurückhaltend auf die Forderungen der Abgeordneten. Eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums verwies auf freiwillige Selbstbeschränkungen der Unternehmen wie etwa den Verzicht auf Alkohol-Sonderangebote zu Dumpingpreisen.

          Die Parlamentarier haben derweil noch mehr Vorschläge, wie der Alkoholismus bekämpft werden sollte. Ein von ihnen vorgelegter Zehnpunkteplan umfasst neben den umstrittenen Warnhinweisen unter anderem die Einführung eines Mindestpreises, eine niedrigere Promillegrenze im Straßenverkehr und Alkoholverbote für bestimmte Straftäter. Diese sollen mit Hilfe neuartiger elektronischer Armbänder, die den Konsum von Alkohol anhand des Hautschweißes genau registrieren, überwacht werden.

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