https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/brief-an-gesundheitsminister-bahr-aerzte-fordern-raucherentwoehnung-auf-kassenkosten-11622216.html

Brief an Gesundheitsminister Bahr : Ärzte fordern Raucherentwöhnung auf Kassenkosten

  • -Aktualisiert am
Tabakabhängigkeit solle anderen Süchten gleichgestellt werden, fordern Ärzte
          3 Min.

          Lungenärzte, Suchttherapeuten, die Deutsche Herzstiftung und das Krebsforschungszentrum unternehmen einen neuen Anlauf für die Raucherentwöhnung auf Kassenkosten. In einem Brief an Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) verlangen acht Medizinerorganisationen die Anerkennung der Tabakabhängigkeit als Suchtkrankheit und die Übernahme der Kosten für Diagnose und Therapie durch die gesetzliche Krankenversicherung (GKV).

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Sie beklagen ferner, dass Hilfen zur Raucherentwöhnung im Hin und Her zwischen Selbstverwaltung und Gesundheitsministerium verzögert würden. Noch deutlicher wird die Pharmaindustrie: Seit die FDP die Führung des Gesundheitsministeriums übernommen habe, würden politische Vorstöße zur Raucherentwöhnung nicht mehr weiterverfolgt, sagt Peter Marx vom Pharmakonzern Pfizer, der seit 2006 das dafür zugelassene Präparat „Champix“ auf dem Markt anbietet.

          Drogenentzug oder Lifestyle-Therapie?

          „Die Tabakabhängigkeit ist selbst als Erkrankung anzuerkennen und der Alkohol- und Drogenabhängigkeit gleichzustellen“, sagt Thomas Hering. Der Vizechef des Bundesverbands der Pneumologen ist Mitinitiator des von acht Medizinorganisationen unterschriebenen Brandbriefs an Bahr. Hering verweist auf ein Urteil des Schweizer Bundesgerichts vom August, in dem die Nikotinsucht anderen Suchterkrankungen gleichgestellt und die Behandlung auf Versicherungskosten verlangt wurde. Allerdings lässt die Umsetzung des Richterspruchs in die Schweizer Wirklichkeit auf sich warten.

          In Deutschland verbietet das Recht die Erstattung. Hier dürfen Krankenkassen für sogenannte Lifestyle-Therapien nicht aufkommen. So hält der Paragraph 34 des Sozialgesetzbuches V unter der Überschrift „Ausgeschlossene Arznei-, Heil- und Hilfsmittel“ fest: „Ausgeschlossen sind insbesondere Arzneimittel, die überwiegend zur Behandlung der erektilen Dysfunktion, der Anreizung sowie Steigerung der sexuellen Potenz, zur Raucherentwöhnung, zur Abmagerung oder zur Zügelung des Appetits, zur Regulierung des Körpergewichts oder zur Verbesserung des Haarwuchses dienen.“

          Auch die Kassen wissen, dass Rauchen krank macht

          Geht es nach den Krankenkassen, soll das auch so bleiben. Zwar wissen sie, dass Rauchen krank macht und der „bedeutendste einzelne individuell vermeidbare Risikofaktor für mehr als 40 meist chronische Krankheiten wie Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen, Diabetes sowie viele Krebserkrankungen“ ist. Deshalb förderten die Kassen psychologische Beratung, Bewegung und Ernährungsumstellung, sagt Ann Marini vom GKV-Spitzenverband. Sie fügt hinzu: „Arzneimittel zur Raucherentwöhnung oder auch Nikotinpflaster dagegen gehören nicht in ein solches Konzept, denn gerade Medikamente können verhindern oder hinauszögern, dass sich ein Raucher klarmacht, warum er raucht oder wann und in welcher Situation er zur Zigarette greift.“

          Lungenarzt Hering sieht das anders. Er nennt Beispiele wie Großbritannien, Schweden und Finnland, wo die Gesellschaft Rauchern bei der Entwöhnung helfe. Die Bundesärztekammer hatte 2008 einen ähnlichen Vorstoß unternommen, war aber im Dickicht der gesundheitspolitischen Interessen steckengeblieben.

          Weitere Themen

          Leidende Liebende

          FAZ Plus Artikel: Liebeskummer : Leidende Liebende

          Menschen, die in einer Beziehung leben, können ebenso Liebeskummer haben wie Singles. Die Symptome sind für viele auch körperlich spürbar. Mittlerweile bieten auch Psychologen Liebeskummer-Beratung an.

          Geheime Schulen geben Mädchen Hoffnung Video-Seite öffnen

          Afghanistan : Geheime Schulen geben Mädchen Hoffnung

          Seit der Machtübernahme der Taliban wurden hunderttausende Mädchen vom Unterricht ausgeschlossen. Weil sie offiziell nicht in die Schule können, sind im ganzen Land geheime Schulen hinter verschlossenen Türen in Wohnhäusern entstanden.

          Topmeldungen

          Fehlberatung kann teuer werden.

          Geldanlage : Die Tricks der Finanzberater

          Wer gute Ratschläge von einem Finanzberater möchte, muss sich vorsehen. Denn der ist vor allem am Abschluss interessiert. Ohne Vorbereitung geht es nicht.
          Wenige Wochen vor der Flucht: Ali Ahmed Kaveh und seine Frau Mozghan am 18. Juli 2021 in Herat

          Afghanistan : Eine Flucht in die Hände des Feindes

          Ein Afghane steht auf einer Todesliste der Taliban. Monatelang versteckt er sich. Dann flieht er nach Kabul – kurz bevor dort die Islamisten die Macht übernehmen. Die Chronik einer Flucht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.