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Zuwanderung : Studie: Brexit schadet den britischen Arbeitnehmern

  • Aktualisiert am

Ein Zimmermädchen beim Bettenmachen in einem Londoner Hotel - eine der Branchen, die viele Zuwanderer beschäftigt. Bild: Picture-Alliance

Viele Briten haben aus Angst vor Einwanderern gegen die EU gestimmt. Sie spekulieren darauf, mehr zu verdienen, wenn weniger Zuwanderer kommen. Eine neue Untersuchung macht ihnen da wenig Hoffnung. Im Gegenteil.

          Nehmen Ausländer uns Arbeitsplätze weg? Sind sie verantwortlich dafür, dass wir länger auf den Arzttermin warten müssen oder schlechtere Schulen für unsere Kinder haben oder weniger Geld verdienen? Angst vor Migration war das große Thema in Großbritannien vor der Abstimmung über den Verbleib in der EU gewesen - die Anführer der „Brexit“-Kampagne haben ihren Wahlkampf damit geführt. Bekanntlich mit Erfolg, wie sich gezeigt hat. Viele Briten, die sich infolge der Globalisierung abgehängt fühlen und/oder es tatsächlich sind, haben für den Austritt gestimmt.

          Schon der zurückgetretene Premierminister David Cameron hatte versprochen, die Migration in das Vereinigte Königreich zu bremsen. Seine seit kurzer Zeit amtierende Nachfolgerin Theresa May will dies ebenfalls tun.

          Eine Untersuchung der britischen Denkfabrik Resolution Foundation (hier geht's zum Original, auf Englisch) kommt nun zu einem aus dieser Perspektive ernüchternden Ergebnis: Die Hoffnung, durch weniger Zuwanderer würden die Löhne (stärker) steigen, wird sich entweder gar nicht oder nur minimal erfüllen.

          Was passiert nach dem „Brexit“-Votum? Zu unserer FAZ.NET-Themenseite geht es hier entlang.

          In den Branchen, die am stärksten durch Migration beeinflusst werden wie die Nahrungsmittelindustrie, Hotel und Haushaltshilfen, könnten die Arbeiter der Studie zufolge für 2018 nur mit 0,2 bis 0,6 Prozent mehr Lohn rechnen. Und dies selbst dann, wenn die Regierung unmittelbar die Migration deutlich abbremsen könnte auf einige Zehntausend Menschen pro Jahr.

          Dieser Zuwachs gleiche allerdings bei weitem nicht die Nachteile aus, die eine starke Begrenzung der Zuwanderung für die britische Wirtschaft hätte, schreiben die Forscher, im Gegenteil: Vielmehr könnten die Löhne real (also um Teuerung bereinigt) insgesamt sogar unter Druck geraten - durch den niedrigen Pfund-Außenwert einerseits und durch das geringere Wirtschaftswachstum andererseits, das infolge des EU-Austritt wahrscheinlich ist. Gerade das geringere Wachstum wird von vielen Fachleuten für eine Folge gehalten, die sich sogar über Jahre auswirkt.

          Rezession und Inflation bedeutender als Zuwanderung

          Ein weiteres brisantes Ergebnis der Resolution-Foundation-Forscher lautet: Die Zuwanderung der vergangenen Dekade hat die Löhne insgesamt nicht gedrückt, nur in einigen Branchen zeigt sich ein Einfluss - und der ist ebenfalls nicht sonderlich groß. Bezogen auf die realen Wochenverdienste errechnen die Experten vom Finanzkrisenjahr 2009 bis 2016 einen Rückgang zwischen 0,5 und 2,1 Prozent - in den betroffenen meist eher einfachen Tätigkeiten. Insgesamt gingen die realen Wochenverdienste in dieser Zeit in den betrachteten Branchen allerdings um 4,7 bis beinahe 10 Prozent zurück.

          „Während der gewachsene Anteil der Migranten an der Bevölkerung die Löhne der Einheimischen insgesamt nicht beeinflusst hat, ist es falsch zu sagen, dass dies gar keinen Einfluss hatte. Gewachsene Zuwanderung drückte die Löhne in einigen Branchen, aber diese kleinen Effekte erklären nicht die generelle Gehalts-Einengung während dieser Zeit“, schreiben die Forscher. Die Rezession und die vorübergehend merkliche Inflation im Vereinigen Königreich waren andere offenbar bedeutendere Gründe.

          Erhellend ist auch die Migrationsbeschreibung, in welche die Forscher ihre Rechnung eingebettet haben: Seit der EU-Osterweiterung im Jahr 2004 sind in jedem Jahr unter dem Strich mehr als 200.000 Menschen in das Vereinigte Königreich eingewandert, mehr als zuvor. Dadurch habe sich der Anteil der Migranten an der Gesamtbevölkerung von 10 Prozent auf heute 16 Prozent erhöht.

          Große Nachteile für Gesamtwirtschaft

          Zugleich ist die Beschäftigungs-Quote unter Zuwanderern vor allem aus anderen EU-Ländern in den vergangenen zehn Jahren größer gewesen als unter Einheimischen. Gerade von den nach Britannien eingewanderten Menschen aus den neu beigetretenen Mitgliedsländern haben demnach seither im Schnitt ungefähr acht von zehn eine Beschäftigung. Deutlich schlechter sieht es indes bei Menschen aus, die von außerhalb der EU in das Vereinigte Königreich kamen.

          Schließlich weisen die Forscher darauf hin, dass kleinen Lohnzuwächsen in einigen Branchen große Nachteile für die gesamte britische Wirtschaft gegenüberstünden, sollte das Land die Einwanderung stark begrenzen. Es gebe Wirtschaftsbereiche wie etwa die Nahrungsmittelindustrie, in denen häufig niedrig bezahlte Migranten derzeit 30 Prozent der Beschäftigten ausmachten - diese Stellen würden infolge von weniger Zuwanderung aber nicht mit besser bezahlten Einheimischen besetzt, warnen die Experten, eher würden die Unternehmen ihre Geschäftsmodelle verändern.

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