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Brexit-Referendum : Bleib zu Hause, Europa!

Blickt mit Unbehagen auf das Referendum: Fabio Fernandez Bild: Micha Theiner

Spanier, Polen, Portugiesen: Viele Menschen aus Süd- und Osteuropa bescherten Großbritannien zuletzt eine regelrechte Einwanderungswelle. Das Thema wird zum Wahlkampfschlager der Brexit-Befürworter.

          Klar mache er sich Sorgen wegen des Referendums, sagt Fabio Fernandez. 31 Jahre ist der Portugiese alt, und bevor er vor fünf Monaten nach Großbritannien kam, war er in seinem Heimatland drei Jahre lang arbeitslos. In London hat er dagegen gleich eine Stelle in seinem alten Beruf gefunden, und so steht Fernandez jetzt am Stand einer Metzgerei im Stadtteil Brixton und verkauft Rumpsteaks und Lammkeulen. „Ich habe es nicht bereut, hergekommen zu sein“, sagt der Einwanderer, der sich mit einem Landsmann im Londoner Süden ein Zimmer teilt.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Wenn da nur nicht dieses Referendum wäre: Fernandez fragt sich, ob er auf Dauer willkommen ist im Vereinigten Königreich. Denn in zwei Wochen, am 23. Juni, stimmen die Briten über den Austritt ihres Landes aus der Europäischen Union ab – und Wirtschaftsmigranten vom europäischen Festland wie der Portugiese sind der Hauptgrund dafür, warum viele Bürger die EU ablehnen. Umfragen zeigen seit Jahren, dass die Briten die stark gestiegenen Einwandererzahlen als eines der drängendsten Probleme sehen. Wenn das Land aus der EU austreten sollte, könnte die Regierung in London dagegen die Zuwanderung aus anderen EU-Staaten drastisch begrenzen.

          Schleuser schmuggeln Flüchtlinge über Ärmelkanal

          Gut möglich, dass das brisante Einwanderungsthema beim Volksentscheid den Ausschlag für den „Brexit“ und gegen die EU gibt. Die Flüchtlingskrise jenseits des Ärmelkanals hat es noch brisanter gemacht: Bislang gelangen zwar kaum Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, Nordafrika und Asien nach Großbritannien. Aber wie lange bleibt das noch so? Das fragen viele Briten. Sie befürchten, dass die Flüchtlinge in Deutschland und anderswo früher oder später als Staatsbürger anerkannt werden und dann ungehindert auf die Insel kommen können.

          Britische Zeitungen berichten auch immer öfter darüber, wie Schleuser Flüchtlinge über den Ärmelkanal schmuggeln. Nigel Farage, der Chef der UK Independence Party (Ukip), warnt in der ihm eigenen Rhetorik vor „Leichen, die den ganzen Sommer über an den Stränden von Kent angespült werden“. Der hilflose Umgang der EU mit der Flüchtlingskrise ist für britische Europa-Skeptiker ein Beleg dafür, dass der Staatenbund nicht funktioniere.

          Doch bisher treiben nicht die Flüchtlinge aus fernen Kulturkreisen, sondern vor allem die europäischen Nachbarn die Einwandererzahlen nach oben: Im ersten Quartal gab es in Großbritannien eine Rekordzahl von 2,1 Millionen Arbeitnehmern aus anderen EU-Staaten und damit 12 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Seit 2010 hat sich ihre Zahl fast verdoppelt.

          Die Einwanderungswelle ist im Wahlkampf vor dem Referendum der wunde Punkt des britischen Premierministers David Cameron, der an der Spitze der Proeuropäer steht. Denn er hat den Wählern versprochen, die Gesamtzahl der Einwanderer unter 100.000 Neuankömmlinge im Jahr zu senken. Stattdessen hat sich ihre Zahl in den vergangenen vier Jahren auf rund 330.000 Migranten mehr als gut verdoppelt. Etwa die Hälfte davon kamen 2015 aus anderen EU-Staaten.

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