https://www.faz.net/-gqe-8dluq

Brexit : Die Insel der Zwiespältigen

Abweisend oder einladend? Die weißen Klippen von Dover Bild: Reuters

Großbritannien leidet an der EU – und fürchtet sich dennoch davor, ihr den Rücken zu kehren. Warum ist das so? Ein Ortstermin zwischen den Fronten der britischen Europadebatte.

          Im Grunde sei es doch ganz einfach, sagt Alan Davies: „Sie brauchen sich nur ein Satellitenbild anzuschauen.“ Er lässt die Handkante vor sich auf die Tischplatte fallen. „Das ist Großbritannien“, sagt Davies. Die andere Hand fällt auf die Tischplatte. „Und das ist Europa“, sagt er. Hier die Insel. Dort der Kontinent. Dazwischen Wasser. Schon rein geographisch müsse jedem einleuchten, dass sein Land in der Europäischen Union fehl am Platze sei, findet Davies.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Auf dem EU-Gipfel am Donnerstag wollen die europäischen Regierungschefs über einen Kompromissvorschlag entscheiden, der die zweifelnden Briten bei der Stange halten soll. Voraussichtlich im Juni werden die Wähler auf der Insel dann in einem historischen Volksentscheid entscheiden, ob das Land in der EU bleibt oder nicht. Umfragen zufolge ist der Ausgang der Schicksalswahl völlig offen. Europagegner Davies kann es kaum erwarten: „Wir hatten früher mal ein Empire“, sagt er. „Und wir wollen jetzt nicht Teil eines europäischen Empire sein.“

          Bei Brexit droht Standortschließung

          Davies sitzt in einem Café in Sunderland, einer Hafenstadt im Nordosten Englands mit rund 170.000 Einwohnern, die in keinem Großbritannien-Reiseführer auftaucht. Die Innenstadt von Sunderland fiel zuerst deutschen Bombern und dann den Bausünden der Nachkriegszeit zum Opfer. Wer als Journalist hier hinfährt, um eine Geschichte über den Volksentscheid zu recherchieren, der trifft auf verwunderte Gesprächspartner: „Warum kommen Sie eigentlich gerade nach Sunderland?“

          Die Antwort lautet: Diese Stadt ist interessant wegen ihrer Zwiespalte. Einerseits macht hier jeder fünfte Wähler sein Kreuz bei der europafeindlichen UK Independence Party (Ukip). Andererseits stünde beim EU-Austritt für kaum eine britische Stadt wirtschaftlich so viel auf dem Spiel wie für diese. Der japanische Autokonzern Nissan hat vor drei Jahrzehnten eine riesige Fabrik in die Wirtschaftsbrache geklotzt und damit die ganze Stadt vor dem drohenden Absturz bewahrt. Mehr als 500.000 Autos werden hier jedes Jahr gebaut – ein Drittel der Gesamtfertigung der britischen Autoindustrie.

          Sunderland ist Nissan Town. Der Hersteller ist der mit Abstand wichtigste private Arbeitgeber. Aber das Unternehmen hat bereits gedroht: Wenn der „Brexit“ komme, werde man die Zukunft des Standorts „überdenken müssen“. Denn der Großteil der Produktion wird auf den Kontinent verschifft, und wenn Großbritannien aus der EU austritt, droht das Land den freien Zugang zum europäischen Binnenmarkt zu verlieren. Das Exportgeschäft von Nissan wäre gefährdet.

          Einwanderung erzürnt die Briten

          Alan Davies, der Mann mit dem Satellitenbild-Blick auf Europa, ist trotzdem einer von Millionen Briten, die rauswollen aus der EU. Er ist Anfang sechzig, hat hier in Sunderland sein eigenes kleines Elektronikunternehmen aufgebaut. Mit Politik hatte er die meiste Zeit seines Lebens nicht viel am Hut. Mittlerweile aber schon: Seit zwei Jahren ist Davies Ukip-Mitglied. Bei den Kommunalwahlen im Frühjahr will er für einen Sitz im Stadtrat kandidieren.

          Was hat ihn zum zornigen Anti-Europa-Aktivisten gemacht? Davies braucht keine Sekunde zu überlegen: „Jemand muss die Einwanderung stoppen“, sagt er. Die Neuankömmlinge nähmen den Einheimischen die Jobs weg und drückten die Löhne, behauptet der Ukip-Mann. Verglichen mit der Flüchtlingswelle, die Deutschland bewältigen muss, erscheinen die britischen Zahlen zwar moderat: In den zwölf Monaten bis Juni 2015 kamen netto 336.000 Migranten nach Großbritannien.

          Doch auch das ist ein neuer Rekordwert, und Umfragen zufolge sehen mehr als die Hälfte der Bürger die Einwanderung als das größte Problem des Landes an. Viele machen dafür die offenen Grenzen innerhalb der EU verantwortlich. Vor allem seit der EU-Ost-Erweiterung im Jahr 2004 strömten viel mehr Bürger anderer europäischer Länder nach Großbritannien. Sie machen rund die Hälfte der Gesamtzuwanderung aus. „Brüssel hat uns die Kontrolle über unsere Grenzen genommen“, glaubt Davies. Die europäische Flüchtlingskrise trifft die Briten bisher zwar kaum, schürt aber die Ängste weiter. „Wenn Merkel den Asylanten deutsche Pässe gibt, können sie auch zu uns kommen“, sagt Davies.

          Weitere Themen

          Kampfansage der Rechtsfraktion

          Bündnis im EU-Parlament : Kampfansage der Rechtsfraktion

          Geplant hatten die rechten Parteien eine „Superfraktion“ als stärkste Gruppe im Europaparlament – davon sind sie weit entfernt. Trotzdem zeigt sich das neue Bündnis, in dem auch die AfD vertreten ist, selbstbewusst und startet mit einer Ansage.

          „Wohnen ist keine normale Ware“ Video-Seite öffnen

          Mieterbund gegen Profitgier : „Wohnen ist keine normale Ware“

          Auf dem Deutschen Mietertag in Köln hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel skeptisch zu einem Mietendeckel geäußert. Mietervertreter fordern aber, ein solches Instrument zu prüfen – und schicken mahnende Worte hinterher.

          Topmeldungen

          TV-Duell für Tory-Vorsitz : „Wo ist Boris?”

          In einer lebendigen Debatte stellen die Kandidaten für den Vorsitz bei den britischen Konservativen unter Beweis, wie groß das Arsenal präsentabler Politiker der Tory-Partei noch ist. Boris Johnson bleibt der Runde fern – und ein anderer sticht heraus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.