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Brexit : Börsenchef: 232.000 Finanz-Arbeitsplätze in Gefahr

In Londons Geldbranche arbeiten rund 700.000 Menschen. Bild: AFP

Wenn die Briten aus der EU austreten, stehen viele Stellen in der Finanzbranche auf dem Spiel. Der Chef der Londoner Börse macht eine klare Ansage. Nicht nur er.

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          Spitzenmanager der Londoner Finanzbranche warnen vor einem merklichen Arbeitsplatzverlust durch den bevorstehenden Austritt Großbritanniens aus der EU. Insgesamt bis zu 232.000 britische Stellen in der wichtigen Branche könnten verloren gehen, wenn das Land - wie befürchtet - nach dem Brexit keine auf Euro lautenden Abwicklungsgeschäfte (Clearing) mehr durchführen darf, sagte Xavier Rolet, der Vorstandschef der London Stock Exchange (LSE) an diesem Dienstag. Dies wäre mehr als ein Zehntel aller Finanz-Arbeitsplätze auf der Insel.

          Marcus Theurer
          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Börsenchef Rolet sagte in einer Anhörung vor einem Ausschuss des britischen Parlaments, die Zahl gehe aus einer vertraulichen Analyse der Unternehmensberatung Ernst & Young im Auftrag der LSE hervor. Allerdings ist die Studie öffentlich nicht zugänglich.

          700.000 Menschen arbeiten in Londons Geldbranche

          Die Schätzung geht weit über andere Prognosen hinaus. Das Beratungshaus Oliver Wyman etwa erwartet, dass durch den Brexit maximal 75.000 Finanzstellen aus Großbritannien abwandern werden, eventuell aber auch nur wenige Tausend.

          Die erwarteten Stellenverlagerungen sind eine Wachstumschance für Frankfurt und andere Finanzzentren in der EU. Auch die hier genannten Zahlen sind freilich weit niedriger als die von Rolet ins Spiel gebrachte: Frankfurt-Lobbyisten hoffen auf rund 10.000 neue Arbeitsplätze durch den Brexit, Paris will gut doppelt so viele Londoner Finanzstellen an Land ziehen. In der britischen Hauptstadt arbeiten derzeit insgesamt mehr als 700.000 Menschen in der Geldbranche, in Großbritannien insgesamt sind es rund 2,2 Millionen. 

          In der Anhörung vor dem Parlament bekräftigten LSE-Chef Rolet und Douglas Flint, der Verwaltungsratschef der britischen Großbank HSBC, zugleich ihre Forderung nach einer mehrjährigen Übergangsfrist für die Zeit nach dem britischen EU-Austritt. Während dieser Zeit soll die Finanzbranche wie bisher von Großbritannien aus ungehindert Finanzdienstleistungen in der EU anbieten können. Die Regierung in London peilt derzeit einen Austritt im Frühjahr 2019 an.

          Viele Finanzmanager in London befürchten, dass das Königreich durch den Brexit auch aus dem EU-Binnenmarkt ausscheiden wird. Damit wäre zugleich der sogenannte „Finanzpass“ obsolet, der bislang einen reibungslosen Export von Finanzdienstleistungen von Großbritannien in die EU ermöglicht.

          Der Finanzsektor ist die mit Abstand wichtigste britische Exportbranche. Vor allem internationale Banken in London haben damit gedroht, rasch mit der Verlagerung von Arbeitsplätzen zu beginnen, wenn es keine Übergangsfrist geben sollte. „Unsere Aufsichtsbehörden und Kunden erwarten von uns, dass wir auf den worst case vorbereitet sind“, sagte der HSBC-Manager Flint.

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