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Nach dem Brexit : Schluss mit der Überheblichkeit

Freitag, 24. Juni 2016: Der in London erscheinende „Evening Standard“ berichtet über die Demission des Premierministers David Cameron nach dem Mehrheitsvotum für den Austritt aus der EU. Bild: AFP

Wie viel Hochmut zeigt sich, wenn jetzt alle über die Briten herfallen? Neo-Nationalisten sind keine Neonazis. Es wäre besser, noch einmal genauer hinzuschauen.

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          „Wir sind nicht eingeweiht in die Zwecke der ewigen Weisheit und kennen sie nicht. Dieses kecke Antizipieren eines Weltplanes führt zu Irrtümern, weil es von irrigen Prämissen ausgeht.“

          Rainer Hank
          Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jacob Burckhardts Mahnung am Anfang der „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“, die der große Basler Historiker im Jahr 1868 als Einführungsvorlesung über das Studium der Geschichte gehalten hat, kann dem Schock des „Brexit“ vom 24. Juni 2016 jenen Schuss Nüchternheit versetzen, der jetzt dringend nötig ist. Keck haben die europäischen Eliten Jahrzehnte lang antizipiert, die Weltgeschichte laufe zielstrebig („ever closer“) auf die „Vereinigten Staaten von Europa“ hinaus, könne allenfalls durch ein paar Bremser an der Einigungslokomotive der europäischen Fortschrittsgeschichte verzögert werden.

          Es gibt keinen Weltplan

          Sie lagen falsch. Es gibt keinen Weltplan. Deshalb haut daneben, wer jetzt durch das Netz twittert, der Brexit sei der erste große Sieg für die Rückwärtsfraktion. Solche Tweets sind getragen von eben jener irrigen Prämisse, der Schöpfer habe seine Schöpfung mit einer guten Fortschritts- und einer bösen Rückschrittsfraktion eingerichtet und schaue seither dem Weltgeschehen zu, bis am Ende die Guten sich durchgesetzt haben.

          Mehr noch: Solch kecke Überheblichkeit trägt gerade dazu bei, dass die neuen Angst-, Wut- und Stimmbürger glauben, dass es heute darum geht, „das Volk“ gegen „Eliten“ zu verteidigen, die sich in gemeinsamer sogenannter Verantwortung in die Staatsapparate zurückgezogen und ihre Wähler sich selbst überlassen hätten, wie der Soziologe Wolfgang Streeck gerade in einem fulminanten Vortrag über „Kapitalismus und Demokratie“ mahnte. Wie viel Hochmut zeigt sich, wenn jetzt allerorten verächtlich über die ungebildete und überalterte englische und walisische Landbevölkerung und Arbeiterschaft hergezogen wird.

          Wenn Linke so reden, dann offenbaren sie, was ihnen Demokratie, Volkssouveränität und die „kleinen Leute“ wert sind. In Wahrheit sind die Intellektuellen vor allem beleidigt, dass die Weltgeschichte sich nicht nach ihren ach so klugen Entwürfen richtet. Doch in der demokratischen Öffentlichkeit kann es kein Redeverbot für Nichtabiturienten oder Geschichtsvergessene geben, um noch einmal Wolfgang Streeck zu zitieren. Wäre ja noch mal schöner!

          Brexiteers sind nicht nur Alte und Hooligans

          Der Soziologe hat recht: Wenn die in Europa Verantwortlichen die naheliegende Frage nach der Schließbarkeit von Grenzen, der Aufnahmfähigkeit einer Gesellschaft für Immigranten oder dem Platz nationaler Handlungsfähigkeit im geeinten Europa unter Bekundung von Abscheu aus dem Verfassungsbogen ausschließen oder gar als Erscheinungsform rassistischer Traditionsbestände denunzieren, dauert es nicht lange, bis die Ausgegrenzten sich so verhalten, wie man es von Ausgegrenzten erwartet – populistisch nämlich.

          Womöglich haben die Eliten (zu denen wir Medien ja irgendwie auch gehören) es sich selbst zuzuschreiben, wenn jetzt eintrifft, was sie doch mit aller Gewalt verhindern wollten. Womöglich wäre es jetzt an der Zeit, anstatt immer nur die sehr grob geschnitzte Populismus-Keule zu schwingen, endlich genauer hinzuschauen, wer sich hinter den abschätzig Separatisten genannten Brexiteers verbirgt, um das Vorurteil zu relativieren, Neo-Nationalisten könnten nichts anderes als Neonazis sein.

          Trotz des großen Boheis, der in den vergangenen Wochen auch hierzulande um den Brexit gemacht wurde, haben viele übersehen, dass im Lager der Abtrünnigen sich längst nicht nur xenophobe Alte und krawallige Hooligans tummeln, die am liebsten Zäune errichten und Zölle einführen würden, um sich aus Enttäuschung vom Rest der Welt auf ihrer Insel abzuschotten.

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