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Bretagne : Wutausbruch gegen Paris

Brennende Barrikaden gegen die Lastwagen-Ökosteuer Bild: Christian Schubert

In der Bretagne baut sich derzeit eine breite Protestwelle auf. Es geht um Lastwagen-Steuerpläne, die Angst um Arbeitsplätze in den Schlachthöfen und auch um Groll gegen die Deutschen.

          In der Bretagne wirkt der französische Staat in diesen Tagen so, als müsse er sich verschanzen. Hinter einem wuchtigen Stahltor vor der Unterpräfektur der bretonischen Kleinstadt Morlaix antwortet zuerst eine Mikrofonstimme, dann öffnet sich ein kleines Fenster und schließlich ein schmaler Türspalt, durch den ein Herr einen Zettel reicht. Journalisten sollen sich bitte an die nächstgelegene Präfektur wenden. Um die Ecke ist ein Eingang freilich noch offen, und das erklärt die Vorsicht.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Am Vortag hat ein Bagger einfach das Portal niedergewalzt. Mehr als 150 Beschäftigte des Fleischgerichteherstellers Tilly-Sabco besetzten dann stundenlang die Behörde, die an diesem Westzipfel Frankreichs eigentlich den starken Arm des Zentralstaates demonstrieren soll. Ein Misthaufen, angereichert durch alte Fernseher und Paletten, blockiert jetzt immer noch den Innenhof. Leere Bierflaschen zeigen, wie sich die Arbeiter die Zeit vertrieben. Spät am Abend blies der Unternehmenschef zum Rückzug. Der Landwirtschaftsminister Stéphane Le Foll versprach ihm, sich in Brüssel für den Fortbestand der kürzlich gestoppten EU-Exportsubventionen starkzumachen.

          Seit Beginn der Protestwelle sind bereits vier Mautbrücken zerstört worden: Jetzt wacht verstärkt die Polizei

          In der Bretagne baut sich derzeit eine breite Protestwelle auf, die sich aus ganz unterschiedlichen Quellen speist. Die größte Furcht der Regierung ist, dass daraus ein Tsunami im ganzen Land entsteht. 45 Autominuten südlich von Morlaix gerät der Verkehr auf einer Landstraße plötzlich ins Stocken. Die Arbeiter der Räucherlachs-Fabrik Marine Harvest Kritsen bei Poullaouen haben eine Reifenbarrikade angezündet und stecken Flugblätter durch die Fahrertüren. Nur wer solidarisch hupt, darf weiterfahren. Die norwegische Unternehmensgruppe Marine Harvest will trotz dreistelliger Millionengewinne das Werk mit seinen 400 Mitarbeitern schließen und stattdessen einen günstigeren Standort in Polen aufmachen. „Ich hab’ vier Kinder, mein Mann ist krankgeschrieben. Ohne Job weiß ich nicht, wie es weitergehen soll“, sagt Marie-Hélène Stone. Neben ihr weht die weiß-schwarz gestreifte Fahne der Bretagne. Die 53-Jährige trägt eine der roten Mützen, die zum Symbol des bretonischen Protestes geworden sind.

          Auch gegen die geplante „Öko-Steuer“ für Lastwagen hat sie demonstriert, die seit Tagen die Bretagne in Wallung hält. Fast täglich zünden aufgebrachte Bretonen die bereits installierten Kameraanlagen zur Lkw-Erfassung an den Autobahnen an; jeweils zwischen einer halben und einer Million Euro sollen sie kosten. „Man weiß ja überhaupt nicht, wohin die Steuereinnahmen der Ecotaxe gehen sollen. Einen großen Teil bekommt auf jeden Fall eine italienische Firma für das Eintreiben der Steuer – ein Skandal“, erzürnt sich Stone. „Aber hören Sie auf mit der Politik. Früher war ich mal links, jetzt wähle ich Front National.“

          Arbeitnehmer des Fleischgerichteherstellers Tilly-Sabco blockieren die Autobahn zwischen Morlaix and Saint-Brieuc.

          Die Bretonen sind bekannt für ihre Wutausbrüche. Seit Jahrzehnten erreichen erboste Landwirte, Gewerkschaften und spontane Protestgruppen mit ihren Protesten immer wieder Zugeständnisse. „Diesmal aber ist es besonders alarmierend. Die Lage ist total angespannt“, meint ein Speditionsunternehmer, der in einer Bar des 3000-Seelen-Dorfs Lampaul-Guimiliau einen Kaffee schlürft. Am Ortsrand hat kürzlich der Schlachthof der Firma Gad seine Schließung bekanntgegeben. Vor dem Fabriktor zeugt ein Holzkreuz von dem Konflikt. „1956 – 2013. Hier wurden 889 Beschäftigte geopfert“, steht darauf. Gad fiel nach Angaben der Firmenleitung nicht zuletzt der deutschen Billigkonkurrenz zum Opfer: Weil deutsche Schlachthöfe osteuropäische Arbeiter zu Stundenlöhnen von 4 Euro einstellen, könnten die Franzosen wegen ihres staatlichen Mindestlohnes von 9,43 Euro nicht mithalten.

          Antideutsche Stimmung

          Dies ist eine weitere Wurzel des bretonischen Unmutes: „Hier macht sich nicht nur eine antieuropäische, sondern auch eine antideutsche Stimmung breit“, sagt der sozialistische Abgeordnete der Nationalversammlung, Richard Ferrand, der in der Gegend seinen Wahlkreis hat. „Deutschland muss das wissen.“ Andere Einheimische bestätigen einen wachsenden Groll gegen die Deutschen. Der Franzose Olivier Kerdilès und seine deutsche Frau Anja führen in Lampaul-Guimiliau ein paar hundert Meter von Gad entfernt seit achtzehn Jahren das Restaurant „L’Escapade“. „Selbst im Freundeskreis wurde geschimpft“, berichtet Olivier Kerdilès, der hier geboren wurde. „Deutschland wird das Lohndumping hier übelgenommen“, sagt auch der Bäcker nebenan.

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