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Braunkohle in Grevenbroich : Eine Stadt unter Dampf

So weit das Auge reicht: Grevenbroich und sein Umland haben die Kraftwerke stets im Blick. Bild: dpa

Die Erde ist aufgerissen. Riesige Kraftwerke, wohin das Auge sieht – doch in der selbsternannten „Bundeshauptstadt der Energie“ Grevenbroich regt sich kaum Protest.

          Ausgerechnet an dem Tag, an dem für Bäckermeister Udo Dromm die Zukunft beginnen sollte, ging der Ofen kaputt. Ein Kabel war durchgebrannt nach sechs Stunden Dauereinsatz. So lange standen Dromm und seine Mitarbeiter schon in der Backstube, um die Hunderte Brötchen und Eierwecken rechtzeitig fertig zu haben, wenn der Ansturm kommt. Es war der Tag im Jahr 2012, als im Grevenbroicher Kohlekraftwerk Neurath zwei neue Blöcke ans Netz und viele Arbeiter zu ihrer ersten Schicht gingen.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Auf dem Weg dorthin sollten sie bei Dromm die Brötchen für ihre Frühstückspause kaufen, so war der Plan. Sein Laden lag nicht weit vom Kraftwerk. Das war ein graues Ungetüm mit zwei Schloten, aus denen es Tag und Nacht qualmte. Es war nicht das einzige Kraftwerk des Energieversorgers RWE in Grevenbroich, aber es war das größte und leistungsstärkste. Mit den neuen Blöcken war es noch einmal gewachsen, gesteuert von den vielen Männern, befeuert von Dromms Brötchen.

          Und dann ging der Ofen kaputt. Dromm, ein kleiner, freundlicher Mann mit rundem Bauch, stemmte beide Arme in die Hüfte und sagte: „Dann machen wir jetzt eben Sahnetorten, da braucht man nichts backen.“ Hauptsache, die Auslage war nicht leer, wenn die Kraftwerker auf ihrem Weg zu dem grauen Ungetüm bei ihm vorbeikamen.

          Der kleine Dromm und die große RWE, das hat gut gepasst.

          Aber retten konnte auch sie ihn nicht. Vor gut einem Jahr musste er seinen Bäckerladen schließen. Inzwischen ist er aus der Gegend weggezogen, er schämt sich, es nicht geschafft zu haben. Deswegen heißt er eigentlich auch anders, er will nicht mit seinem richtigen Namen in der Zeitung stehen. „Daran sind die schuld, die ihre Brötchen lieber in den Supermärkten kauften als bei mir. Nicht RWE.“

          „Wir und die Kohle, das gehört zusammen“

          Der Nachsatz ist ihm wichtig. Denn Dromm hat lange genug in der Region gelebt, um die Menschen dort gut zu kennen. Er hat gemerkt, wie sich in den vergangenen Jahren bei ihnen etwas verändert hat.

          Lange Zeit herrschte unter den Grevenbroichern das Motto: „Wir und die Kohle, das gehört zusammen.“ Unter den Backsteinhäusern liegt das größte zusammenhängende Braunkohlegebiet in Europa. Seit 150 Jahren wird im rheinischen Braunkohlerevier mit schwerem Gerät die Erde aufgerissen und gesprengt, das dunkle Gold ihr entrissen und in die Kraftwerke getragen, die hier überall auf der Wiese stehen. Andere Unternehmen kamen und gingen, Investoren tauchten auf und tauchten unter. Die Kohle war immer da. Die Kohle gab Arbeit.

          Sie wird es noch eine ganze Weile tun. Bis 2045 wird es im rheinischen Braunkohlerevier wahrscheinlich noch Tagebau geben. In keiner anderen Stadt wurde und wird mehr Energie erzeugt als in Grevenbroich mit seinen zwei Kraftwerken und den umliegenden Anlagen. Lange Zeit galt die „dreckige Braunkohle“ als Energie der Vergangenheit. Doch jetzt, wo Deutschland seine Atomkraftwerke abschalten will und es noch nicht genügend Windräder gibt, wird wieder mehr über die Braunkohle gesprochen. Sie ist für Deutschland der wichtigste Energieträger.

          Als 2004 der damalige Bürgermeister einen Spruch für seine Stadt suchte, sollten die Grevenbroicher Vorschläge machen. Vier von fünf hatten mit Energie zu tun. Stolz schrieben sie schließlich auf ihre Ortsschilder: „Bundeshauptstadt der Energie“. Und weil eben die Kohle zu Grevenbroich gehört, gehört auch RWE dazu. Das Unternehmen stellte es geschickt an, als es vor vielen Jahrzehnten die Kommunen im Braunkohlerevier an sich band und zu Anteilseignern machte.

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