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Kommentar : Brasiliens Umweltrechnung

  • -Aktualisiert am

Voller Schlamm: Der Rio Dolce nachdem zwei Staudämme an einer Mine gebrochen waren. Bild: Reuters

In weiten Teilen Brasiliens ist das Wasser knapp. Gleichzeitig haben heftige Regenfälle zu schweren Überflutungen geführt. Die Umwelt präsentiert dem Land die Rechnung für Sünden der Vergangenheit.

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          Brasilien steckt in seiner schwersten wirtschaftlichen und politischen Krise seit Jahrzehnten. Als wäre dies nicht genug, wird die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas auch noch von einer Serie großer und kleiner Umweltkatastrophen heimgesucht. Riesige Massen von Klärschlamm aus dem Rückhaltebecken eines Bergbaubetriebs begruben im November nach einem Dammbruch im Bundesstaat Minas Gerais ein ganzes Dorf und mindestens 17 Todesopfer unter sich. Der Doce-Fluss wurde auf Hunderten von Kilometern vom Schlamm verseucht. Während Überschwemmungen zum Jahreswechsel in Südbrasilien Tausende Menschen obdachlos machten, leiden Millionen Bewohner der Wirtschaftsmetropole São Paulo schon seit eineinhalb Jahren unter der Rationierung des knappen Trinkwassers.

          Die Stadt Rio de Janeiro hat größte Mühe, das Wasser ihrer malerischen Buchten für die Ruder- und Segelwettbewerbe der Olympischen Spiele im kommenden August wenigstens halbwegs zu säubern. Die Gefahr, dass sich die Paddel der Olympioniken in Abfall und Fäkalien verheddern, sei zwar gebannt, heißt es. Doch die dunkle, stinkende Brühe berge weiterhin Infektionsgefahren für die Athleten, wird gewarnt. Riesige Staudammprojekte wie Belo Monte und São Luiz do Tapajós, die nach Meinung der Regierung für die Sicherung der prekären Energieversorgung des Landes unverzichtbar seien, bedrohen die Lebensgrundlage der indigenen Völker Brasiliens.

          Gerade jetzt, wo der auf dem Rohstoffexport und dem Konsum basierende Boom der vergangenen Dekade geplatzt ist, präsentiert die Umwelt in Brasilien die Rechnung für die an ihr begangenen Sünden der Vergangenheit. Die verheerenden Überschwemmungen brachten schmerzhaft in Erinnerung, dass die Abholzung der Wälder ihren Tribut fordert. Wo Bäume und Buschwerk fehlen, kann der Boden das Wasser nicht mehr absorbieren.

          Umweltpolitik gehörte nie zu den Prioritäten

          Zwar hat Brasilien in den vergangenen Jahren das Tempo der Abholzung deutlich verlangsamt. Doch gegenüber dem Bestand von 1990 ist eine Regenwaldfläche von der Größe Deutschlands bereits verschwunden – und gestoppt ist die Entwaldung keineswegs. Zuletzt haben die Rodungen sogar wieder zugenommen und innerhalb von zwölf Monaten eine Waldfläche von mehr als der doppelten Größe des Saarlandes zerstört.

          Trotz der außergewöhnlich hohen Regenfälle der letzten Wochen sind die Engpässe der Trinkwasserversorgung in vielen Teilen Brasiliens noch lange nicht überwunden. Die Wasserknappheit ist ebenso wie die Überflutungen auf die Entwaldung zurückzuführen, erklären Klimaforscher. Wegen der Vernichtung des Regenwaldes bilden sich in der Amazonasregion heute zu wenige Wolken, die früher als „fliegende Flüsse“ das Wasser vom Norden des Landes in den Süden trugen. Ebenso gefährdet wie der Amazonaswald ist die tropische Savannenlandschaft des Cerrados im Nordosten Brasiliens, wo sich der Soja- und Maisanbau in den letzten Jahren besonders stark ausgebreitet hat.

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          Für Präsidentin Dilma Rousseff und deren Amtsvorgänger Luiz Inácio Lula da Silva gehörte die Umweltpolitik nie zu den Prioritäten. Lulas erste Umweltministerin Marina Silva, die in den achtziger Jahren als Aktivistin an der Seite des ermordeten Regenwaldschützers Chico Mendes gekämpft hatte, warf aus Frust über den geringen Stellenwert der Umweltpolitik schon vor Jahren das Handtuch. Zu Agrarministern machten Lula und Rousseff Vertreter der Rinder- und Sojalobby. Deren Stellenwert ist noch gestiegen, weil einzig die Agroindustrie in Brasilien derzeit noch Wirtschaftswachstum bringt.

          Steuerlast viel zu hoch für ein Schwellenland

          Gerne lässt sich Brasilien dafür feiern, dass es seine Emissionen von Treibhausgasen in den letzten Jahren deutlich gesenkt hat. Das liegt freilich allein an dem verminderten Abholzungstempo. In allen anderen Bereichen sind die Emissionen weiter kräftig steigend. Im Rahmen einer ohnehin dringend erforderlichen Steuerreform könnte Brasiliens Steuersystem stärker an Umweltzielen ausgerichtet werden, rät die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit, OECD. Während die Steuerlast in Brasilien insgesamt viel zu hoch ist für ein Schwellenland, seien die Steuern auf Brennstoffe und andere „grüne Steuern“ zu niedrig, meint die OECD.

          Im Hinblick auf die drohenden Umweltgefahren in Brasiliens Ölindustrie mag man in gewisser Hinsicht froh sein, dass dem staatlich kontrollierten Ölkonzern Petrobras aufgrund von gesunkenen Ölpreisen, aber mehr noch infolge von Misswirtschaft und Korruption das Geld ausgeht. Brasiliens Ölreichtum liegt zum großen Teil vor der Küste in bisher unerreichten Tiefen unter dem Meeresspiegel. Entsprechend schwierig, teuer und mit hohen Umweltrisiken verbunden ist seine Erschließung. Nachdem der von Skandalen erschütterte und hochverschuldete Staatskonzern seine Kreditwürdigkeit verloren hat, musste Petrobras seine ehrgeizigen Expansionspläne zusammenstreichen. Bleibt zu hoffen, dass nicht auch die Wartung der bereits fördernden Ölplattformen vor der brasilianischen Atlantikküste dem Rotstift zum Opfer fällt. Eine Ölpest vor Rio wäre das Letzte, was Brasilien jetzt noch fehlte, um die olympische Freude zu vermiesen.

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