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Branchen (76): Zeitarbeit : Der Jobmotor läuft auf Hochtouren

Bild: F.A.Z.

In Deutschland entstehen endlich wieder Arbeitsplätze. Ausgrechnet die einst ungeliebte Zeitarbeit hat daran einen wesentlichen Anteil: Ob Bandarbeiter oder Ingenieur - alles ist gefragt.

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          Noch nie genoss die Zeitarbeit in Deutschland so viel Aufmerksamkeit wie derzeit. Der medienwirksamste Coup der jüngeren Vergangenheit gelang dem Schweizer Personaldienstleister Adecco, als im vergangenen Oktober der ehemalige Superminister Wolfgang Clement den Vorsitz des neu gegründeten und firmeneigenen Forschungsinstituts in London übernahm. Unter der Führung des SPD-Politikers soll dieser "Think Tank" Lösungen für die Probleme der Arbeitswelt von morgen erarbeiten - in der die Zeitarbeit, so darf vermutet werden, eine zentrale Rolle spielen wird. Zur Inthronisierung von Clement lud Adecco eigens nach Frankfurt ein. Außerdem ließ sich Klaus Jacobs, der charismatische Adecco-Chairman, die Umbenennung der Bremer Hochschule in "Jacobs University" 200 Millionen Euro kosten.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Adecco, der weltgrößte Zeitarbeitskonzern, poliert derzeit sein Image auf wie kein anderer Wettbewerber. Das Unternehmen sucht mit großem Aufwand nach Antworten auf die Fragen, die sich mit dem demographischen Wandel einer alternden Arbeitsbevölkerung und mit dem Verlangen nach lebenslangem Lernen stellen. Durch den erhofften Kompetenzvorsprung will Adecco vor den klassischen Beratungsgesellschaften zum ersten Ansprechpartner werden.

          Volle Auftragsbücher für das erste Quartal

          Doch das sind Investitionen in eine mittelfristige Zukunft. In der Gegenwart leben die Zeitarbeitsunternehmen von der klassischen Arbeitnehmerüberlassung - und das sehr gut. Der Gesamtmarkt wuchs im Jahr 2005 laut den Marktforschern von Lünendonk um 16 Prozent, die Branchengrößen legten sogar um mehr als 20 Prozent beim Umsatz zu. Die Zeitarbeit ist der Jobmotor in Deutschland. Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, stellt fest, dass "die Hälfte aller neuen Arbeitsplätze derzeit in der Zeitarbeit" entstehen. Allein Adecco schuf 2006 nach eigenen Angaben 10.000 Stellen.

          Die Zeitarbeit hat Konjunktur

          Ein Ende des Höhenfluges ist mittelfristig nicht in Sicht. Im Gegenteil. "Die Auftragsbücher für das erste Quartal 2007 sind voll", meldet ein hocherfreuter Thomas Reitz, Geschäftsführer von Manpower-Deutschland. Die ersten drei Monate gelten als wichtiger Indikator für den Verlauf des Gesamtjahres. Die Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskräften kann derzeit kaum noch bewältigt werden. Allein die drei größten Anbieter - Randstad, Adecco und Manpower - melden derzeit zusammen 13.000 unbesetzte Stellen. Gesucht wird fast alles: vom Ingenieur in fast allen erdenklichen Fachrichtungen über den Chemiefacharbeiter bis hin zu Lokführern, Krankenschwestern und Lastwagenfahrern. Die Aussichten bleiben angesichts eines prognostizierten Wirtschaftswachstums von rund 2 Prozent für das laufende Jahr gut. Traditionell galt die Zeitarbeit als Frühindikator für eine anziehende Konjunktur und steigende Nachfrage am Arbeitsmarkt. Je länger der Aufschwung anhielt, desto eher waren Unternehmen geneigt, die Stellen auf Zeit in feste Arbeitsplätze umzuwandeln - auf Kosten der Zeitarbeit. Doch diese Faustregel büßt derzeit an Geltungskraft ein. Der globale Wettbewerb, in dem die meisten Zeitarbeitskunden vor allem des produzierenden und verarbeitenden Gewerbes stehen, verlangt nach flexiblen Personalstrukturen.

          Widerstand der Personalabteilungen gebrochen

          Laut einer Umfrage im Auftrag des Personaldienstleisters I. K. Hofmann ist das Personal-Leasing mittlerweile zu einem festen Bestandteil der langfristigen Personalplanung geworden. Eckard Gatzke, Geschäftsführer von Randstad Deutschland, bestätigt dies. "Mittelständische Betriebe, aber auch große Konzerne ergänzen ihren Stamm an festangestellten Mitarbeitern um einen flexiblen Pool an Zeitarbeitskräften zur Deckung zusätzlichen Bedarfs bei Auftragsspitzen und Projekten."

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