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Branchen (105): Krankenkassen : Wettbewerb mit Krücken

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Wettbewerb ist in der Welt der gesetzlichen Krankenkassen ein relativ neuer Begriff. Für die Konkurrenz mit den Privatversicherungen suchen sie nach neuen Strategien. Sie visieren wohlhabende, gesunde Mitglieder an und setzen auf Zusatzleistungen.

          Der Wettbewerb ist längst in der Welt der Krankenkassen angekommen. Doch bisher tun sich die öffentlich-rechtlichen Kassen schwer mit der neuen Rolle. Das bekommt auch Ralf Hermes zu spüren, der die Kieler IKK-direkt führt, eine der am schnellsten wachsenden Krankenkassen. Unter den bundesweit zugänglichen gesetzlichen Kassen lockt die IKK-direkt mit einem der niedrigsten Beitragssätze, 12,9 Prozent. Freunde hat sich Hermes damit nicht gemacht. „Das wirft mir mancher Vorstandskollege vor, weil vor allem junge Mitglieder zu uns kommen, die woanders fehlen“, sagt er. Die Anfeindungen gingen bis hin zur Intrige, klagt der Kieler Kassenvorstand.

          Die schlechte Stimmung unter den Führungskräften hat damit zu tun, dass Konkurrenz unter gesetzlichen Krankenkassen etwas anderes ist als zum Beispiel der Wettbewerb unter Schraubenherstellern. Die Kassen konkurrieren um den Zuspruch der Mitglieder - möglichst solcher, die jung und gesund sind. Zugleich muss aber die Versorgung der Kranken und Schwachen sichergestellt sein. Deshalb bedarf es im Wettstreit der Kassen einiger Krücken wie dem Risikostrukturausgleich, über den Geld zwischen Kassen umgeschichtet wird. Bisher spielen dafür nur Geschlecht, Alter und Einkommen eine Rolle.

          Kein Risikoaufschlag von Kranken

          Die unterschiedliche Anfälligkeit für Krankheiten, die Häufigkeit der Arztbesuche und das regionale Kostenniveau der Gesundheitsversorgung werden nicht ausgeglichen. Künftig soll zwar auch eine größere Anzahl von schweren Krankheiten berücksichtigt werden, doch auch dann wird es keinen vollständigen Ausgleich für die Kosten geben, die die einzelnen Kassen nicht selbst beeinflussen können. Sie wirtschaften mit einem Beitragssatz, der auf das individuelle Einkommen der Mitglieder erhoben wird. Anders als private Versicherer dürfen sie von Kranken keinen Risikoaufschlag erheben.

          Die Konsolidierung läuft: Statt 2000 gibt es nur noch rund 250 Krankenkassen

          Bis zum Jahr 1995 gab es den Wettbewerb unter den gesetzlichen Krankenkassen gar nicht. Damals trat die vom Gesundheitsminister Horst Seehofer initiierte Reform in Kraft. Die Mitglieder der Krankenkassen erhielten erstmals das Recht, sich eine neue Krankenkasse zu suchen. Zuvor durften das nur die freiwillig Versicherten mit höheren Einkommen. Für Pflichtversicherte ergab sich die Kassenzugehörigkeit aus dem Beruf. Handwerker waren in einer Innungskrankenkasse, Matrosen in der Seekasse, Bergleute in der Knappschaft, Angestellte und Arbeiter in Ersatzkassen. Wer eine Betriebskrankenkasse im Unternehmen hatte, war dort Mitglied. Der Rest wurde von den Allgemeinen Ortskrankenkassen aufgenommen. Die Kassenwelt war wohlgeordnet und stabil. Doch sie benötigte immer mehr Geld.

          Bindung an die Krankenkasse überwiegt

          Wettbewerb sollte die Lösung sein. Die Mitglieder durften also wechseln, zum Beispiel, weil ihnen der Service nicht gefiel oder weil sie weniger bezahlen wollten. Die Beitragssätze lagen damals weiter auseinander. „Manche Betriebskrankenkasse kam mit 8 Prozent aus, einige große Kassen brauchten das Doppelte“, erinnert sich Wolfgang Lange vom Dienst für Gesellschaftspolitik. Heute beträgt die Spanne zwischen dem niedrigsten und dem höchsten Satz vier Prozentpunkte.

          Anfangs machten die Mitglieder zögerlich Gebrauch vom neuen Recht. Immer noch überwiegt heute die Bindung an die Krankenkasse. Selbst mäßig hohe Wechselquoten haben dennoch zu einer Verschiebung geführt. Die Allgemeine Ortskrankenkassen (AOK) haben seit 1995 gut vier Millionen oder fast 20 Prozent ihrer Mitglieder verloren, den Ersatzkassen sind 6 Prozent oder eine Million Mitglieder abhanden gekommen. Gewinner sind die Betriebskrankenkassen, die nach der Öffnung die Mitgliederzahl auf knapp zehn Millionen verdoppelt haben.

          Druck auf kostenintensive Kassen wird steigen

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