https://www.faz.net/-gqe-802p1

Boko Haram : Der Terror lähmt Nigerias Norden

  • -Aktualisiert am

Zudem scheinen die nigerianischen Banken den Norden des Landes mittlerweile aufgegeben zu haben. Viele Filialen haben aufgrund der zahlreichen Überfälle durch Boko Haram inzwischen geschlossen, weil die umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen extrem teuer sind und das Personal die Versetzung in den Süden fordert. Die Banken, die noch arbeiten, vergeben keine Kredite mehr. Grundstücke werden aufgrund der volatilen Sicherheitslage nicht mehr beliehen, und kreditfinanzierter Handel verbietet sich angesichts von täglichen Überfällen auf den Straßen ohnehin. „Kapital ist ein scheues Tier“, sagt Rabiu und fordert mehr Engagement von der Regierung in Abuja. Die ohnehin hohe Arbeitslosigkeit im Norden habe sich durch die vielen Betriebsaufgaben drastisch verschärft und mache die Menschen anfällig für radikale Ideen. „Es ist doch ganz einfach“, sagt Rabiu: „Ein voller Magen rebelliert nicht gerne.“ Der Wirtschaft in Kano wäre seiner Meinung nach schon geholfen, wenn die exorbitant hohen Energiekosten für das produzierende Gewerbe gesenkt und die Straßenverbindung nach Niger endlich von der Armee gesichert würden. Doch nichts davon sei geschehen. „Wir kommen uns vor wie ausgeliefert“, sagt Rabiu.

Die mangelnde finanzielle Hilfe für den Norden hat vielerlei Gründe. Einer davon ist die Eifersucht, mit der die Gouverneure der 36 Bundesstaaten die Verteilung der Erdöleinnahmen (Nigeria ist der größte Ölproduzent Afrikas) und damit die Höhe der eigenen Budgets verteidigen. Ein anderer ist, dass es immer weniger zu verteilen gibt. Es ist genau ein Jahr her, dass sich Nigeria noch vor Südafrika als die größte Volkswirtschaft des Kontinents feierte. Hintergrund war ein neues Berechnungsmodell des statistischen Amtes, das zum ersten Mal den boomenden Mobilfunksektor berücksichtigte. Seither aber ist der Ölpreis auf ein historisches Tief gefallen und hat ein großes Loch in die Staatskasse gerissen. 70 Prozent seiner Deviseneinnahmen verdankt Nigeria der Erdölförderung. Die Devisenreserven des Landes schmelzen inzwischen dahin, und die Inflation steigt, weil Nigeria über keine einzige funktionierende Raffinerie verfügt und deshalb Treibstoff importieren muss, der dann subventioniert an die Verbraucher weitergereicht wird.

Vor wenigen Wochen wertete die Zentralbank die Landeswährung Naira ab. Vor dem Preisverfall für Rohöl kostete ein Dollar 150 Naira. Inzwischen müssen 210 Naira für einen Greenback gezahlt werden. Zudem stiegen die Lebensmittelimporte in den vergangenen beiden Jahren um 30 Prozent, was nicht zuletzt eine Folge des Terrors von Boko Haram ist. Der größte Wirtschaftszweig in dem besonders hart umkämpften Bundesstaat Borno im Nordosten ist Viehzucht. Die ungewöhnlich großen und deshalb fleischergiebigen Zeburinder aus dem Sahel sind im ganzen Land begehrt. Seit die Kämpfer von Boko Haram aber nicht nur die Straßenverbindungen unterbrochen haben, sondern auch ganz gezielt die Herden dezimieren, ist der Viehhandel kollabiert. Davon betroffen ist auch das Nachbarland Tschad. Die Bevölkerung rund um den Tschadsee lebt ebenfalls von der Viehzucht und dem Verkauf der Tiere nach Nigeria. Im Gegenzug bezieht Tschad von Grundnahrungsmitteln bis hin zu technischer Ausrüstung einen Großteil seiner Importe aus den nigerianischen Städten Kano und Maiduguri in Borno State. Als der tschadische Präsident Idriss Déby seiner Armee vor zwei Wochen den Befehl zum Einmarsch nach Nigeria gab, geschah dies nicht aus Sorge vor einer Verbreitung des radikalen Islam im eigenen Land. Déby sprach vielmehr von einer „wirtschaftlichen Lebensnotwendigkeit“, die Islamisten aus dem Grenzgebiet zu verjagen.

Weitere Themen

Kinderlärm muss hingenommen werden

BGH entscheidet : Kinderlärm muss hingenommen werden

Wohnungseigentümer in München haben gegen ein Eltern-Kind-Zentrum im gleichen Haus geklagt. Nun hat der Bundesgerichtshof entschieden: Kinderlärm hat „keine schädliche Umwelteinwirkung“.

Topmeldungen

Stuttgarter Neuzugang: Silas Wamangituka kam von Paris FC in die zweite Bundesliga

VfB-Profi Silas Wamangituka : Ein zweiter „Fall Jatta“?

Einem Medienbericht zufolge soll der Stuttgarter Königstransfer Silas Wamangituka unter falschem Namen spielen und auch bei seinem Alter falsche Angaben gemacht haben. Gegenüber der F.A.Z. hat der VfB Stuttgart nun Stellung bezogen.

Neue Häuser : Holz trifft Beton

Der Baustoff aus dem Wald ist flexibel und ökologisch. Doch manchmal braucht er eine harte Gründung, wie dieser Bau in Brandenburg zeigt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.