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Kursabsturz : Blackbox China

Undurchsichtiges China: Wie in diesen Wolkenkratze in Hongkong gibt es im Reich der Mitte kaum Einblicke. Bild: Reuters

Nach den Turbulenzen an den Börsen bleibt die Ungewissheit über den Zustand der chinesischen Wirtschaft. Droht hier die nächste Finanzkrise auszubrechen? Sicher ist nur: Die Welt ist um ein paar Illusionen ärmer.

          Ein Witz: „Warum hat die weltweite Börsenkrise keine lange Lebensdauer? Weil sie ,made in China‘ ist!“ Haha. Darüber können sich die Börsianer vor Lachen ausschütten am Ende dieser denkwürdigen Woche beim Feierabendbier im „Mutter Ernst“ nahe der Frankfurter Freßgass’, beim After-Work-Whiskey im „Dorrian’s“ in Manhattan. Hier haben sich die Kurse erholt. Dabei war der Montag noch völlig humorfrei, als „Angst“ das meistbenutzte Schlagwort auf Twitter war, als der Dax im Handelsverlauf zwischenzeitlich um fast ein Zehntel auf unter 10.000 Punkte rauschte und der Dow Jones Minuten nach Eröffnung der Wall Street 1000 Punkte verlor.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          „Schwarzer Montag“ haben sie das genannt, als wäre die Sonne im Osten gar nicht erst aufgegangen, so heftig brachen Chinas Aktienmärkte ein. Auch am Dienstag blieb es in Schanghai und Shenzen aus Börsenperspektive Nacht. Das chinesische Jahr der Ziege ist ein vermeintlich düsteres. Nicht lange vor dem „Schwarzen Montag“ hatte das Land den „Schwarzen Dienstag“ erlebt, den 7. Juli, an dem Chinas Börsen mit Kursverlusten nahe am maximal möglichen Verlust in die Geschichte eingegangen waren. Finden die Anleger nicht bald ihren Mut wieder, was trotz einer Erholung der Kurse zum Wochenende hin fraglich bleibt, dürfte es nicht lange dauern, bis sich auch der Mittwoch, Donnerstag und Freitag den schwarzen Anstrich verdienen. Obwohl selbst die Farbenlehre täuscht in Chinas Finanzmarkt. Anders als im Westen sind steigende Kurse mit rot hinterlegt, sinkende mit grün. Nach zehnwöchigen Kursverlusten um 40 Prozent und Billionen von Dollar an vernichtetem Kapital ist in China also alles im grünen Bereich. Oder wie?

          Wer nicht mehr mitkommt, sei getröstet – die Lage in der zweitgrößten Wirtschaft der Welt ruft allerorten höchst unterschiedliche Einschätzungen hervor. Droht im schuldenbeladenen Reich der Mitte die nächste Finanzkrise auszubrechen und mit ihr die Weltwirtschaft zu kippen, wie der Harvard-Ökonom und Schachgroßmeister Kenneth Rogoff am Montag warnte - der Mann, der die Staatsschuldenkrise Europas gesehen hatte? Oder sollte man sich an Apple-Chef Tim Cook halten, Leiter des weltgrößten Konzerns, der das China-Geschäft jüngst verdoppelt hat? Am „Schwarzen Montag“ beschwichtigte Cook mit der Aussage, allmorgendlich erhalte er die Verkaufszahlen des iPhones in China, Krisenzeichen seien nicht dabei. Das half. Am Dienstag gewannen Dow und Dax schon wieder.

          So bleibt am Ende dieser Woche voller Ungewissheit vor allem eines: Es ist bezeichnend für das Misstrauen gegenüber China, wenn ein kalifornischer Kaufmann die Weltbörsen mehr zu beruhigen vermag als Chinas Premier Li Keqiang, der einem Mantra gleich wiederholt, das Land befinde sich „auf dem richtigen Weg“.

          Spekulation als Sinnbild des Nichtwissens

          Wie gesagt, die Meinungen darüber sind geteilt. Wang Jianlin etwa glaubt der offiziellen chinesischen Wachstumsstatistik kein Wort, und der Gründer des Mischkonzerns Dalian Wanda ist immerhin der derzeit reichste Chinese. Wang sagt, Peking müsse sich von der „Phantasie einer hohen Wachstumsrate von 7 oder 8 Prozent verabschieden“. Dem Premier prognostiziert eine britische Wirtschaftszeitung nach dem neuerlichen Börsenbeben schon die Kündigung. Die Kommunistische Partei wolle ihm die Schuld zuschieben für die Schmach, dass bei Pekings militärischer Leistungsschau zur Feier des 70. Jahrestages des Endes von Zweitem Weltkrieg und japanischer Besatzung alle Welt darüber grübelt, ob Chinas Husten akut, chronisch oder gar Hinweis auf Lungenkrebs ist, so der Bericht. Es drohe die Absetzung Lis. Möglicherweise.

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