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Wahl in Großbritannien : Verlassen die Briten jetzt die EU?

Die Wahlergebnisse werden auf die Zentrale der BBC in London projiziert. Bild: Reuters

Am Morgen nach der Wahl steigen am Londoner Finanzmarkt die Kurse. Aber es mischt sich Sorge in die Erleichterung: Die Gefahr eines britischen EU-Ausstiegs wird endgültig zum wirtschaftlichen Standortrisiko.

          Die erste Reaktion des Finanzmarkts ist am Freitagmorgen Erleichterung: Der unerwartete Triumph von David Cameron bei der Wahl in Großbritannien sorgt für klare Verhältnisse im Londoner Parlament. Camerons Konservative Partei kann in den kommenden fünf Jahren allein regieren. Im Vorfeld hatten sich die Investoren und Analysten im Londoner Bankenviertel dagegen auf ein sehr viel problematischeres Ergebnis eingestellt. Szenarien einer labilen Koalitions- und Minderheitsregierung galten als wahrscheinlich. Diese Ungewissheit ist nun weitgehend vom Tisch und das mögen die Anleger.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Schon am späten Donnerstagabend, als die ersten Prognosen auf den Sieg der Konservativen hindeuteten, begann der Wechselkurs des britischen Pfunds gegenüber dem Dollar zu steigen. Am Freitagmorgen legte der Sterling gegenüber dem Dollar um mehr als 2 Prozent zu und damit so stark wie seit 5 Jahren nicht mehr.

          An der Londoner Aktienbörse eröffnete das Börsenbarometer FTSE 100 um 1,8 Prozent höher. Vor allem die Kurse von Banken und Energieversorgern schossen nach oben – denn Analysten hatten zuvor befürchtet, dass diese Branchen im Falle eines Regierungswechsels stärker reguliert werden könnten als bisher.

          Stattdessen kann Cameron mit seinem Wahlsieg nun doch die Aufschwungs-Dividende einfahren: Unter seiner Regierung hat Großbritannien eine furiose Konjunkturwende geschafft. Vor fünf Jahren steckte das Land in einer tiefen Rezession, heute zählt es zu den am schnellsten wachsenden großen Industrieländern. Die britische Wirtschaft wird dieses Jahr voraussichtlich fast doppelt so schnell expandieren wie die in der Eurozone. Lange schien es, als würden die Wähler Cameron die Wirtschaftswende nicht danken, denn bei vielen ist der Aufschwung finanziell bisher noch nicht angekommen. Am Ende belohnten sie ihn doch.

          Sorge um Großbritanniens Zukunft in der EU

          Der Finanzmarkt feiert: „Lasst uns erst einmal diese Börsenrally der Erleichterung genießen“, sagte Bill O’Neill, Vermögensverwalter bei der Großbank UBS in London. „Die Wirtschaft wird insgesamt mit diesem Wahlergebnis zufrieden sein“, glaubt Howard Archer, der Chefvolkswirt des Beratungshauses IHS Global Insights. Denn Camerons Konservative gälten in den britischen Chefetagen als unternehmensfreundlicher als Milibands geschlagene Sozialdemokraten.

          Aber schon wenige Stunden nach der Wahl mischt sich auch Sorge in die Erleichterung: Unternehmen und Investoren fürchten um Großbritanniens Zukunft in der EU. Nach dem Sieg der Konservativen beginnt unweigerlich die Uhr für den großen Europa-Showdown zu ticken. Denn Cameron hat vor der Wahl fest versprochen, die Briten bis Ende 2017 in einem Volksentscheid über einen Austritt aus der EU abstimmen zu lassen. Sein geschlagener Kontrahent Miliband wollte ein solches Referendum vermeiden.

          Der „Brexit“ – also der Austritt Großbritanniens aus der EU – wird nun endgültig zum wirtschaftlichen Standortrisiko auf der Insel. Denn die große Mehrheit der britischen Wirtschaftsführer und erst recht die meisten ausländischen Investoren wollen nicht, dass die Briten der EU den Rücken kehren. In diesem Fall drohte das Land nämlich den freien Zugang zum Europäischen Binnenmarkt zu verlieren. Beträchtliche Nachteile für britische Exportunternehmen und Importeure könnten die Folge sein, denn die anderen EU-Länder stehen derzeit für rund die Hälfte des britischen Außenhandels. Ausländische Banken wie Goldman Sachs und die Deutsche Bank könnten zahlreiche Mitarbeiter aus London abziehen.

          Premierminister David Camerin am  Freitagmorgen in London

          Auch für die deutsche Industrie steht viel auf dem Spiel. Der Münchner Autobauer BMW etwa baut im englischen Oxford sein Erfolgsmodell „Mini“ – und ein großer Teil der Fahrzeuge, die dort vom Band rollen, werden nach Kontinentaleuropa verkauft.

          In- und ausländischen Unternehmen auf der Insel stehen nun aller Voraussicht nach zwei Jahre des Wartens auf das brisante Referendum bevor – und bereits diese Ungewissheit könnte teuer werden: Ökonomen warnen, dass Unternehmen Investitionen in Großbritannien auf Eis legen, bis die EU-Frage geklärt sei.

          Mit Blick auf den „Brexit“ sind vor allem zwei Aspekte des Wahlergebnisses beunruhigend: Erstens muss Cameron sehr wahrscheinlich mit einer deutlich knapperen Mehrheit regieren als bisher. Das könnte dem Abgeordnetenblock der antieuropäischen Hardliner in seiner eigenen Partei mehr Einfluss geben, denn der Premier ist auf deren Stimmen mehr angewiesen als bisher. Zweitens zeigt das Abschneiden der antieuropäischen UK Independence Party (Ukip), wie groß die EU-Verdrossenheit im Vereinigten Königreich geworden ist. Ukip ist, gemessen an der Stimmenzahl, mittlerweile die drittstärkste politische Kraft im Land. Rund viermal mehr Briten haben für die Partei gestimmt als vor fünf Jahren – auch wenn Ukip dies wegen des Mehrheitswahlrechts kaum in Abgeordnetensitze ummünzen kann.

          Vor allem die ungehinderte Zuwanderung aus anderen EU-Ländern und ein angeblicher „Sozial-Tourismus“ zu Lasten der britischen Sozialkassen ärgert viele Bürger. Der gemäßigte Pro-Europäer Cameron will Großbritannien in der EU halten – aber Europa kann sich weniger denn je gewiss sein, dass ihm das gelingen wird.

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