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Oberste Zentralbank warnt : Schulden und billiges Geld werden zur Gefahr

Bringt die EZB dem Euroraum zu viel Geld? Karikatur am Bauzaun des neuen EZB-Hochhauses. Bild: dpa

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich kritisiert ihre eigenen Mitglieder: Wenn sie ihre Geldpolitik nicht bald zügeln, wird es gefährlich.

          Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) warnt vor großen Risiken an den Finanzmärkten. Wegen der sehr niedrigen Zinsen und Renditen gingen Großinvestoren wie Pensionsfonds immer höhere Risiken ein. Dabei wögen sie sich möglicherweise in falscher Sicherheit. „Aktuell sieht alles zwar sehr gut aus, aber es baut sich möglicherweise ein schmerzhafter und sehr zerstörerischer Umschwung auf“, sagte BIZ-Chefvolkswirt Hyun Song Shin.  „Insgesamt irritiert die begrenzt nachvollziehbare Abkoppelung der Marktdynamik von den zugrundeliegenden wirtschaftlichen Entwicklungen weltweit“, heißt es im neuen Jahresbericht der BIZ, des Dachinstituts der großen Zentralbanken, der am Sonntag veröffentlicht wurde. Im Fokus der Kritik steht auch die Geldpolitik der Notenbanken.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Jürgen Dunsch

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Ein Hauptgrund für die auf Rekordstände geschossenen Aktienmärkte sei die Erwartung einer noch sehr lange lockeren Geldpolitik. Jaime Caruana, der Generaldirektor der BIZ, warnte davor, die Augen vor Risiken zu verschließen. „Solch blinder Optimismus ist gefährlich“, sagte er. Das Unbehagen der Zentralbankorganisation an der ultraexpansiven Geldpolitik ist in dem Bericht deutlich zu spüren. Der Druck auf die Geldpolitik sei enorm hoch, weil die Staaten ihre Haushalte nicht ausreichend sanierten und die Reformen vielfach zu wünschen übrig ließen. Zwar sei „eine gewisse geldpolitische Lockerung zweifellos notwendig, doch sind seit der Krise überhöhte Forderungen an die Zentralbanken gestellt worden“, schreibt die BIZ.

          Die Zentralbanken haben ihre Bilanzen durch Liquiditätshilfen und Wertpapierkäufe zum Teil drastisch ausgeweitet. Insgesamt übersteigen die Bilanzsummen der Zentralbanken die Marke von 20 Billionen Dollar. Außerdem stehen in fast allen Industrieländern die Leitzinsen auf rekordtiefen Niveaus nahe null.

          Die Wirksamkeit all dieser Maßnahmen zieht die BIZ stark in Zweifel. „Für die Geldpolitik besteht die Gefahr, dass ihre Maßnahmen mit der Zeit nicht mehr greifen, während ihre Nebenwirkungen rasch zunehmen.“ Zu den Nebenwirkungen zählen Fachleute die Verzerrung der Preise für Vermögensgüter sowie mögliche Blasenbildungen an den Finanzmärkten. Ganz im Gegensatz zum Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington, der eher für eine noch lockere Geldpolitik besonders in Europa plädiert, drängt die BIZ die Zentralbanken, rechtzeitig über einen Ausstieg nachzudenken. Die BIZ sieht „die Gefahr, dass die Normalisierung (der Geldpolitik) zu spät und zu langsam erfolgt“.

          Keine Angst vor Deflation

          Anders als der IWF hat die BIZ keine Deflationssorgen. Sie schreibt von einer Disinflation, also einer nachlassenden Inflation. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese noch länger weitergehe, nennt die BIZ gering. In einigen Sätzen spielt die BIZ auch die von manchen Ökonomen beschworenen volkswirtschaftlichen Gefahren einer Deflation herunter. Es gebe Beispiele für „gutartige“ Deflationen in der Geschichte, in denen sinkendes Preisniveau mit steigender Wirtschaftsleistung einhergingen.

          Die Weltwirtschaft erhole sich derzeit, doch sei das Wachstum im historischen Vergleich enttäuschend schwach, erklärte Caruana. Das sei nicht verwunderlich, da die Verschuldung von Verbrauchern, Unternehmen und Banken in den Krisenländern immer noch sehr hoch sei. Die Gesamtverschuldung wachse weiter. Die Schuldenquote von Privaten und Staaten in den entwickelten Volkswirtschaften betrage mittlerweile 275 Prozent, in den aufstrebenden Volkswirtschaften liege sie bei 175 Prozent.

          Es sei aber dringend notwendig, von dem schuldenfinanzierten Wachstumskurs wegzukommen und ein nachhaltiges Wachstum anzustreben. Dies gelte umso mehr, als sich viele Schwellenländer in der Endphase eines Finanzbooms bewegten, so dass künftig mit einem schwächeren Wachstum zu rechnen sei, erklärte BIZ-Spitzenvertreter Claudio Borio. Als wichtigstes Beispiel nennt der Bericht China, dessen Wachstum sich markant abgeflacht hat.

          Caruana sagte, sieben Jahre nach Beginn der Finanzkrise seien drei Schritte notwendig, um aus dem Schatten der Krise herauszutreten. Erstens müsse man sich vom auf Schulden beruhenden Wachstum abwenden. Zweitens dürfe die Normalisierung der Geldpolitik nicht zu spät kommen. Und drittens brauche es ein verlässliches Finanzsystem. Das hohe Verschuldungsniveau wertet die BIZ weiterhin als Achillesferse des Bankensektors. Besonders gravierend sei die Lage in Europa. Zwar hätten dort die Institute in den vergangenen Jahren ihre Bemühungen verstärkt, aber die Ertragslage sei trüb geblieben. Die Staatsschuldenkrise belaste die Kreditqualität, und eine stagnierende Wirtschaft drücke die Erträge. Die Bilanzprüfungen der EZB hält die BIZ für eine wichtige Weichenstellung, weil die Banken gezwungen sind, an der Sanierung ihrer Bilanzen zu arbeiten.

          Außerhalb des Euroraums hat nach Ansicht der BIZ der Bankensektor wieder recht gut Tritt gefasst. Die Gewinnlage der Banken habe sich verbessert, auch wenn noch nicht das Niveau vor der Krise erreicht worden sei.

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