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Biogasanlagen : Keine lohnende Investition für Landwirte

Auch ihre Gase machen sie wertvoll: Milchkuh vor eine Biogasanlage bei Parchim Bild: dpa

Erneuerbare Energie sollte dem Bauernstand einen Zusatzdienst verschaffen. Nun zeigt sich: Für viele Landwirte lohnten sich Biogasanlagen nicht. Die Ersten sprechen schon vom nahenden „Ende der Erfolgsstory Biogas“.

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          Die Schmack Biogas AG hat vergangene Woche ihren Jahresausblick vorgelegt und nicht nur mit ihrem Ergebnis - einem geschätzten Verlust vor Steuern und Zinsen von 6 Millionen Euro -, sondern auch mit der Erklärung für selbiges viele Analysten überrascht: Als Grund für die unerwartet schlechten Zahlen nannte das Unternehmen einen branchenweiten Einbruch des Umsatzes mit kleinen Biogasanlagen für Landwirte. Künftig wolle man sich deshalb auf den Bau größerer Anlagen für Energieversorger konzentrieren.

          Thomas Jansen
          Redakteur in der Politik.

          Zwei Tage zuvor hatte schon der Fachverband Biogas, die Interessenvertretung von mehr als 2000 Betreibern und Herstellern von Biogasanlagen, Alarm geschlagen: „Die jüngste Einschätzung von Firmenmitgliedern zeigt, dass im aktuellen Wirtschaftsjahr ein Umsatzrückgang aus dem landwirtschaftlichen Bereich von rund 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen ist“, ließ sich dessen Geschäftsführer in einer Pressemitteilung zitieren.

          Düstere Prognose trotz hohen Wachstums

          Diese düsteren Prognosen erstaunten den Markt angesichts der hohen Wachstumsraten, die die Branche seit dem Inkrafttreten des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) im Jahr 2000 und vor allem nach dessen Novellierung 2004 verzeichnete.

          Bild: F.A.Z.

          Die darin festgelegte Grundvergütung - für das Jahr 2007 sind es 10,99 Cent je Kilowattstunde - und staatliche Fördermittel beflügelten den Bau von Biogasanlagen: Deren Zahl stieg in Deutschland nach Angaben des Bundesumweltministeriums (BMU) von 850 im Jahr 1999 auf 3280 im Jahr 2006. Auch für dieses Jahr rechnet man mit rund 600 neuen Anlagen. Insgesamt wären es dann 3900. Deren Gesamtleistung stiege gegenüber dem Vorjahr um 350 Megawatt, von 950 auf 1300 Megawatt.

          Der Trend geht zu großen Anlagen

          Dieser Aufwärtstrend stütze sich jedoch zunehmend auf größere, vor allem von Energieversorgern betriebene Anlagen. Der Anteil der kleinen Anlagen, die vor allem von Landwirten betrieben werden, gehe dagegen zurück, heißt es im Leipziger Institut für Energetik und Umwelt, das im Auftrag des BMU die Biogaserzeugung in Deutschland untersucht hat.

          Fachleute des Instituts haben errechnet, dass Biogasanlagen in Deutschland ungefähr eine Leistung von 600 bis 700 Kilowatt erbringen müssen, um rentabel zu sein. Der Durchschnitt der hierzulande installierten Anlagen liegt bislang noch bei 350 Kilowatt. Die in den vergangenen zwei Jahren gebauten Anlagen kommen immerhin schon auf 550 Kilowatt. Landwirte, deren Anlagen oftmals in der Größenordnung bis 150 Kilowatt liegen, hielten sich zunehmend zurück. Deshalb ist nur noch von einem „verhaltenen Anstieg“ die Rede.

          Der hohe Maispreis bremst das Interesse der Bauern

          Als Hauptgrund für das abnehmende Interesse der Landwirte an Biogasanlagen gilt der sehr hohe Maispreis. Im Januar dieses Jahres erreichte er den höchsten Stand seit zehn Jahren. Schon vor geraumer Zeit hatten Fachleute des Leipziger Instituts darauf hingewiesen, dass das vor einigen Jahren noch niedrige Niveau des Maispreises nicht als verlässliche Grundlage bei der Kostenkalkulation für die Biogaserzeugung dienen könne.

          Auch der Bauernverband sieht im stark gestiegenen Maispreis die wesentliche Ursache für einen „eklatanten Rückgang“ beim Bau von Biogasanlagen für landwirtschaftliche Betriebe. Eine Biogasanlage ohne Kraft-Wärme-Kopplung - das heißt ohne gleichzeitige Nutzung der durch die Biogaserzeugung entstehenden Wärme - sei heute nicht mehr rentabel, sagt ein Verbandsvertreter. Da ungefähr 50 Prozent der Kosten für die Erzeugung von Biogas auf den Rohstoff Mais entfielen und der Maispreis vom Jahr 2004 an um mehr als 50 Prozent gestiegen sei, bedeute dies insgesamt eine Verteuerung der Biogaserzeugung um 25 Prozent.

          Die Vergütungssätze sind zu niedrig

          Diese lasse sich mit den derzeit gültigen festgeschriebenen Vergütungssätzen nicht an die Verbraucher weitergeben. Neben der zu geringen Vergütung sieht der Bauernverband das größte Hindernis für einen rentablen Betrieb von Biogasanlagen in der Landwirtschaft in der bislang vorgeschriebenen Verstromung des Biogases.

          Die Landwirte seien dadurch auf ein Kraftwerk in der Nähe ihrer Betriebe angewiesen, bemängelt der Verband. Er plädiert stattdessen für die Möglichkeit einer direkten Gaseinspeisung durch die Landwirte und fordert ein Gaseinspeisungsgesetz. Die derzeitige Rechtslage mache eine Gaseinspeisung „fast unmöglich“.

          Das Gesetz muss wieder überholt werden

          Ungeachtet des Absatzrückgangs von kleineren Anlagen sind die Beteiligungen von Landwirten an größeren Anlagen offenbar nicht zurückgegangen. Dafür spricht der Anstieg der Förderkredite der Landwirtschaftlichen Rentenbank für Biogasanlagen von 116,6 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2006 auf 134,6 Millionen Euro im ersten Halbjahr dieses Jahres.

          Entscheidend für die Zukunft der Biogasanlagen wird die abermalige Novellierung des EEG im kommenden Jahr sein. Ein Entwurf des Erfahrungsberichts 2007 zum EEG, den das Umweltministerium vorgelegt hat, empfiehlt die Verringerung der Grundvergütung um einen halben Cent sowie die Erhöhung der Prämie für die Nutzung der Kraft-Wärme-Kopplung um einen Cent.

          Es bleibt abzuwarten, wie die Landwirte auf diese Veränderungen reagieren werden. Der Fachverband Biogas befürchtet jedenfalls angesichts dieser Pläne schon jetzt das Ende der „Erfolgsstory Biogas“.

          Was ist Biogas und wie erzeugt es Energie?

          Der Brennstoff Methan lässt sich durch die Vergärung organischer Abfälle auch regenerativ herstellen. Biogas entsteht durch die Fermentierung organischer Materie, zum Beispiel aus Gülle, Dünger, Essensresten, Klärschlamm oder auch aus Pflanzen wie Mais und Holz. Am weitesten verbreitet ist in Deutschland die Vergärung von Mais, Getreide und Gras.

          Aus einem Hektar Mais lassen sich etwa zwei Kilowatt Energie erzeugen, aus einem Hektar Getreide rund 1,5 Kilowatt und aus einem Hektar Gras rund ein Kilowatt. Die Gülle einer Kuh bringt etwa 0,15 Kilowatt.

          Als Biogas hat Methan die gleichen chemischen Eigenschaften wie fossiles Erdgas. Allerdings wird es, da die verwendete Biomasse durch die Photosynthese der Atmosphäre Kohlendioxyd entzogen hat, als neutral in Bezug auf den Treibhauseffekt eingestuft.

          Biogas wird auch als Treibstoff eine größere Zukunft vorausgesagt als Biodiesel. Biogene Kraftstoffe werden in Europa seit gut 15 Jahren verwendet. Weil Biodiesel sich jedoch nicht mit Rußpartikelfiltern verträgt, wird der grüne Kraftstoff in Zukunft konventionellem Diesel allenfalls beigemischt. Biodiesel kam auch wegen der erheblichen Geruchsbelästigung in Verruf. Als „fahrende Imbissbude“ mussten sich ihre Nutzer verspotten lassen.

          Auch der enorme Flächenverbrauch zu seiner Herstellung spricht gegen Biodiesel. Bei Biogas liegt der Flächenertrag in Bezug auf die mögliche Energie-Erzeugung dreimal so hoch wie bei Biodiesel.

          In Deutschland wird die Erzeugung von Biogas gezielt mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gefördert, das im Jahr 2000 in Kraft trat. Ziel des Gesetzes war es, erneuerbare Energien auf dem Energiemarkt zu etablieren. Neben Biogas zählen zu diesen Energien vor allem Wind und Sonne, aber auch Erdwärme. Damit die Erzeuger ihre Investitionen besser kalkulieren konnten, erhielten diese einen garantierten Mindestpreis. Allerdings ist die Vergütung zeitlich auf maximal 20 Jahre begrenzt.

          Auch die Europäische Union will die Erzeugung erneuerbarer Energien fördern. Der Anteil regenerativer Energien an der Stromerzeugung soll von rund 14 Prozent im Jahr 1997 auf 22 Prozent im Jahr 2010 steigen. (hlr.)

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