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Billiges Öl : Amerikas Frackingindustrie hält dem Ölpreisverfall noch stand

Fracking in Pennsylvania Bild: dpa

Öl ist so billig wie seit sieben Jahren nicht mehr. Bei solch niedrigen Preisen wird es schwer für Amerikas Frackingindustrie. Doch der Preiskollaps hat die Rohölproduzenten bislang nicht aus dem Markt gedrängt. Woher kommt diese Zähigkeit?

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          Der Ölpreis ist nach der Veröffentlichung neuer Zahlen zur Fördermenge der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) am Freitag abermals auf einen neuen Tiefstand gefallen. Wie die Opec mitteilte, hat ihre Ölfördermenge den höchsten Stand seit mehr als drei Jahren erreicht. Laut dem aktuellen Monatsbericht hatten die Mitgliedstaaten des Kartells im November durchschnittlich rund 31,7 Millionen Fass (159 Liter) je Tag gefördert. Die Fördermenge habe um 230.000 Barrel je Tag zugelegt. Damit wurde das höchste Niveau seit April 2012 erreicht. Der Ölpreis der Nordseesorte Brent erreichte daraufhin am Freitag mit 38,30 Dollar den tiefsten Stand seit 2008. Schon am Dienstag hatte der Ölpreis in London zum ersten Mal seit langem die 40-Dollar-Marke unterschritten. Die amerikanische Sorte West Texas Intermediate hatte schon am Donnerstag mit 36,38 Dollar den tiefsten Stand seit 2009 erreicht.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Auch Verbraucher in Deutschland profitieren: Mit dem Ölpreis gaben abermals auch die Preise von Heizöl und Benzin in Deutschland nach. Der Literpreis für Diesel nähert sich nach Zahlen des Internetportals Clever Tanken selbst im Bundesdurchschnitt immer mehr der 1-Euro-Grenze an. Mit 1,072 Euro sei Diesel zuletzt so billig gewesen wie seit fünf Jahren nicht mehr, hieß es beim ADAC. Die Heizölpreise sind nach Angaben des Öltechnikanbieters Tecson am Freitag im Mittel noch einmal um 0,6 Cent je Liter gesunken. Der bundesweite Durchschnittspreis für einen Liter Heizöl liege damit jetzt bei 47,6 Cent je Liter. „Die 50-Cent-Marke ist abgehakt“, hieß es bei Tecson. Nur im Frühjahr 2009 habe es kurzzeitig noch niedrigere Heizölpreise gegeben als jetzt; ansonsten müsse man schon bis 2005, also immerhin zehn Jahre zurückgehen, um tiefere Heizölpreise als im Augenblick zu sehen. Gleichwohl meint Tecson, die Preise könnten noch weiter fallen – und rät sogar, mit dem Heizölkauf noch etwas zu warten, wenn der Bedarf nicht akut sei.

          Mit Blick auf Amerika stellt sich die Frage: Warum geben die Frackingunternehmen nicht auf, obwohl der Preis mittlerweile Tiefen erreicht hat, von denen es lange hieß, damit könnten die amerikanischen Unternehmen nicht leben? Offenkundig hat der Preiskollaps die amerikanischen Rohölproduzenten nicht aus dem Markt gedrängt. Sie fördern fast auf maximalem Niveau. Als der Preisverfall im Juli 2014 einsetzte, holten die Unternehmen jeden Tag 8.750.000 Fass aus dem Erdreich. Im September dieses Jahres waren es nach Angabe der staatlichen Energy Information Agency 9.400.000 Fass, eine Steigerung von 7 Prozent.

          Amerikas Frackingunternehmen haben sich damit als deutlich zäher herausgestellt, als viele Marktteilnehmer antizipiert hatten, nicht zuletzt die Opec. Die Produzenten konnten den dramatischen Preisverfall überleben, weil sie es schafften, binnen kurzem deutlich effizienter zu werden: Die Branche förderte im November 2015 je eingesetzten Dollar zwei Drittel mehr Öl als noch 2014, berichtet der Informationsdienstleister IHS.

          Ein Musterbeispiel für die Entwicklung ist der amerikanische Marktführer für die Förderung von unkonventionellem Rohöl, Continental Resources. Das Unternehmen meldete jüngst, dass es im dritten Quartal des Jahres die Förderung im Vergleich zum Vorjahresquartal um 25 Prozent ausgebaut hat, trotz großer Umsatzeinbußen. Auf die Einbrüche im Geschäft haben die amerikanischen Produzenten mit scharfen Einschnitten an verschiedenen Stellen reagiert: Sie haben rund zwei Drittel der Ölförderanlagen stillgelegt und holen stattdessen mehr Öl als je zuvor aus den verbliebenen Quellen dank neuer Fördertechniken. Zudem haben die Firmen Investitionen und Ausgaben für die Exploration zusammengestrichen, 200.000 Leute haben ihre Arbeitsstelle bei Ölfirmen oder den Servicedienstleistern der Industrie wie Halliburton verloren. Kleinere Ölförderer streichen die Dividenden und verkaufen, was sie nicht fürs Geschäft brauchen. Nicht wenige sind hochverschuldet und werben, wie aktuell der ehemalige Wall-Street-Liebling Chesapeake Energy um eine Umschuldung.

          Eine neue Art der Ölindustrie

          Dass diese Verwerfungen bisher kaum Auswirkungen auf das Produktionsniveau hatten, liegt auch an der Logik des Geschäfts: Die hohen Summen im Lebenszyklus der Ölförderung fallen an, wenn Vorkommen erschlossen und für die Förderung fertig gemacht werden. Ist die Produktion in Gang gesetzt, lohnt sich die Fortsetzung auch noch bis zu einem Preisniveau von 10 Dollar je Barrel. Sie spielt dann wenigstens die Teilkosten ein. Neuerschließungen allerdings unterbleiben bei diesem Preisniveau. Inzwischen schrumpft allerdings auch die Förderung leicht. IHS erwartet, dass die amerikanische Produktion bis April 2016 auf 8,5 Millionen Barrel sinken wird.

          Deutlich wird aber auch, dass eine völlig neue Art der Ölindustrie in Amerika entstanden ist. Sie folgt nicht den jahrelangen Investitionszyklen der alten Ölgiganten. Die amerikanischen Frackingunternehmen sind schnell und können auf Marktveränderungen sofort reagieren. Fracking beruht auf der Ausbeutung vieler kleiner eher kurzlebiger Vorkommen. Wenn es nichts zu verdienen gibt, können die Unternehmen die Arbeit schnell unterbrechen, um sie fast genauso schnell wiederaufzunehmen, wenn wieder Gewinne winken. Die amerikanischen Förderer haben aktuell 6000 Ölvorkommen angebohrt, aber noch nicht voll erschlossen. Das können sie aber sofort, sobald der Markt entsprechendes Verlangen äußert.

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