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Bildung : Mein Kind braucht kein Abitur

Bild: F.A.S.

Bildung zahlt sich aus. Das hat sich herumgesprochen. Trotzdem schicken zu wenige Handwerker und Facharbeiter ihre Kinder aufs Gymnasium. Warum nur?

          Ans Abitur hat Andreas Huber noch nie gedacht. Weder für sich - noch für seine Kinder. Drei hat er, zwei haben den "Übertritt" schon hinter sich. Übertritt - so heißt das, wenn Kinder nach der vierten Klasse in eine weiterführende Schule wechseln. Hubers Älteste geht in die 8. Klasse auf die Realschule, die Zweite in die 6. einer Hauptschule. Auch für den gerade zehnjährigen Mathias ist die Sache klar. Er wird mit Beginn der 5. Klasse ein Realschüler sein. "Hier in Bayern sind die ja auch nicht schlecht", sagt Huber, der als angestellter Installateur bei einem größeren Unternehmen sein Geld verdient. Seine Frau, eine Steuergehilfin, sieht das ähnlich. "Wer hier auf die Realschule geht, könnte es in Nordrhein-Westfalen oder Berlin locker mit den Gymnasiasten aufnehmen", fügt sie hinzu. "Jedenfalls sagen das hier alle immer." Sagen sie in Bayern auch, stimmt aber nicht so ganz.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Hubers wohnen in einem kleinen Ort im Chiemgau, da wo die Welt idyllisch und noch ganz in Ordnung scheint. Morgens geht es mit dem Schulbus in die Grundschule der Gemeinde oder in den nächstgrößeren Ort, in dem die weiterführenden Schulen stehen. Hubers, die eigentlich anders heißen, sind eine echte Bilderbuchfamilie mit selbstgebautem Haus, Garten und Gemüsebeeten. Aber auch eine, die in den Schulstatistiken genau für jenen Trend sorgt, der die Forscher und so manchen Politiker zur Verzweiflung treibt. Den nämlich, dass die soziale Herkunft die noch immer entscheidende Restriktion für den Bildungserfolg des Einzelnen ist. Chancengleichheit jedenfalls ist bis heute ein normatives Postulat geblieben.

          Die Motivation der Eltern

          An so bedeutenden Statuspassagen wie dem Übergang von der Grund- auf eine weiterführende Schule zeigt sich das. Denn auf die Bildungswege der Kinder wirkt deren soziale Herkunft gleich doppelt. Zum einen schlägt sich die unterschiedliche Ausstattung der Familien mit ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital direkt auf die Leistungen der Kinder nieder, auf denen die Laufbahnempfehlungen basieren. Kinder aus bildungsferneren, weniger bildungsambitionierten und auch ärmeren Familien haben es häufig schwerer. Unsere Art des Bildungssystems wirkt hier verstärkend.

          Dazu kommen dann sekundäre Herkunftseffekte, die mit Leistung oder Begabung nichts zu tun haben. Hier spielt die Voreingenommenheit der Lehrer und vor allem das von der sozialen Schicht abhängige Entscheidungsverhalten der Eltern eine große Rolle.

          Hubers Frau Beate ist es eigentlich, die die Sache mit den Kindern und der Schule regelt, seit Jahren Hausaufgaben kontrolliert und Vokabeln abhört. Ihr Mann ist da weniger akribisch. Sie hingegen hat hin und wieder sogar schon mal darüber nachgedacht, ob für die Älteste nicht das Gymnasium in Frage käme. Die nämlich ist fleißig, bringt immer Einsen und Zweien mit nach Hause - seit Jahren. Beate Huber ist sogar mal zu einer dieser Elternveranstaltungen im Gymnasium gegangen, um sich zu informieren, als vor vier Jahren der "Übertritt" anstand. "Doch da haben sie uns dann erzählt, was Kinder sonst noch alles so mitbringen müssen, um wirklich reif fürs Gymnasium zu sein", berichtet sie. Und das war eine ganze Menge: gute Noten, eine hohe Leistungsbereitschaft, ein enormes Maß an Eigenständigkeit - mindestens. "Da habe ich meine Zweifel bekommen", konstatiert sie und zuckt mit den Schultern.

          Wie nachteilig sich diese Zweifel auf die Kinder auswirken, hat die Schulleitung den Eltern allerdings verschwiegen. Genauso wie die Klassenlehrerin vor vier Jahren, die von einer Gymnasialempfehlung am Ende abgesehen hatte. Denn es ist längst erforscht, dass ein längerer Schulbesuch die künftige Einkommensposition massiv beeinflusst. Kurz: Wer länger lernt, verdient später deutlich mehr. Doch ist das nur die halbe Wahrheit. Die Wissenschaftler Philip Oreopoulus (Universität Toronto) und Kjell Salvanes (Handelshochschule Bergen) stellten unlängst fest, dass ein längerer Schulbesuch eindeutig zu einer prestigeträchtigeren Beschäftigung führt und zu mehr Autonomie, Anerkennung, sozialer Interaktion und besseren Bedingungen am Arbeitsplatz. Gebildete, so die Wissenschaftler, seien dazu im Schnitt gesünder, seltener in psychiatrischer Behandlung und weniger häufig geschieden.

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