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Bildung : Krethi und Plethi an der Uni

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Die Studenten wehren sich gegen eine Verschulung der Studiengänge Bild: dpa

Die Studenten streiken gegen die Verschulung. Doch nur so können die Massen bewältigt werden. Und nur so verbessert Deutschland sein Bildungsniveau.

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          An der Spitze des Protestzuges standen die Sklaven: Ein halbes Dutzend Studenten, mit Ketten aneinandergefesselt, zog durch die Kölner Innenstadt. In 50 Städten protestierten „Bachelor-Sklaven“ und ihre Kommilitonen in der vergangenen Woche gegen ein Studiensystem „ohne Mitspracherechte und Wahlmöglichkeiten“, mit Anwesenheitspflichten und rigiden Leistungskontrollen.

          In ihren Petitionen träumen sich die Protestler zurück ins 19. Jahrhundert, zu einer „gemeinwohlorientierten Bildung nach humanistischem Ideal“. Sie schwärmen von halbleeren Bibliotheken, wo sie außer Reichweite der „Hochschulmanager“ nach selbstentworfenen Studienplänen schmökern dürfen.

          „Ökonomisierung“ und „Verschulung“ der Massenuniversität heißen die Reizworte, die die Studenten in Rage versetzen. Sie träumen vom elitären Freiraum, aber natürlich für jedermann - für Arbeiterkinder, Migranten, Handwerksmeister und studierende Eltern. Und alles „sozial gerecht“, versteht sich.

          Bologna-Reform bietet gute Instrumente

          Dass dieser Wunsch ein bisschen paradox ist, wissen die Demonstranten wohl auch. Und dass man in Zeiten der Massenuniversität Studierende zwar nicht in Ketten legen, aber doch mehr an die Hand nehmen muss, diese Erkenntnis setzt sich zunehmend durch an den Hochschulen und unter Bildungspolitikern. Dass gerade die so verhasste Bologna-Reform mit der Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master gute Instrumente bietet für die Orientierung, Ausbildung und spätere Job-Tauglichkeit - davon zeugen auch die Zahlen.

          Die zeigen zunächst: Die deutsche Studierendenschaft wird größer und heterogener. Von 20 auf 40 Prozent wollen deutsche Bildungspolitiker die Akademisierungsquote steigern, entsprechend wachsen Abiturjahrgänge und Erstsemesterzahlen. Die Universitäten blicken mit Sorge auf die Jahre 2011 bis 2013, wenn aus Gymnasien in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen oder Baden-Württemberg wegen der Verkürzung der Schulzeit doppelte Jahrgänge strömen. Gut 420.000 Studienanfänger erwarten die Kultusminister 2013.

          Lehrerverband warnt vor sinkendem Niveau

          Für die Studenten und für unser Land ist die Bildungsexpansion fraglos vernünftig: Das Gehalt eines Universitäts-Absolventen ist um mehr als die Hälfte höher als das eines Berufstätigen mit Lehre, hat der Bildungsökonom Ludger Wößmann vom Münchner Ifo-Institut ausgerechnet. Wie lang die Bürger eines Landes ausgebildet werden und wie gut ihre Ausbildung ist, das schlägt sich auch im Wirtschaftswachstum nieder, predigt er, und bremst die Arbeitslosigkeit. „Wir können das Reservoir der Studenten in jedem Jahrgang problemlos um 10 bis 20 Prozent vergrößern, ohne dass die Bildungsrendite sinkt.“

          Aber wächst die Masse, dann sinkt das Niveau, warnt der Deutsche Lehrerverband: „Wir verwechseln Studierberechtigung mit Studierbefähigung“, klagt sein Vorsitzender Josef Kraus. „Je nach Bundesland gibt es bis zu 20 Prozent Abiturienten, an deren Studierfähigkeit man getrost zweifeln darf“, klagt Kraus. Die Schüler würden unselbständiger, und jetzt kämen sie noch ein Jahr jünger an die Universitäten.

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