https://www.faz.net/-gqe-7msfv

Bildung : Finanzielle Analphabeten

  • -Aktualisiert am

Simpler Anlage-Grundsatz: Lege nicht alle Äpfel in einen Korb Bild: dapd

Die Mehrheit der Deutschen hat keine Finanzbildung. Das sollte weder von der Branche noch von der Politik ignoriert werden. Die Lösung des Problems muss aber vom Anleger selbst ausgehen.

          3 Min.

          Die Mehrheit der Deutschen behauptet von sich, sie hätten keinerlei Finanzbildung. Weder hätten sie davon in der Schule etwas abbekommen noch in Studium oder Beruf, im Familienkreis und auch selbst hätten sie sich nichts angeeignet. Das Urteil der Bank ING-Diba nach dem Ergebnis dieser im vergangenen Jahr von ihr in Auftrag gegebenen repräsentativen Umfrage unter erwachsenen Deutschen fiel vernichtend aus: hierzulande gebe es 35 Millionen finanzielle Analphabeten.

          Andere Umfragen bestätigen das. Auf dieser schwachen Basis aber werden weitreichende finanzielle Fehlentscheidungen getroffen. Solche Ergebnisse sollten weder in der Finanzbranche noch in der Politik schulterzuckend hingenommen werden. Wenn in einer vom französischen Versicherer Axa beauftragten Umfrage 89 Prozent der Befragten antworten, sie kennten Rentenfonds, ist das schön. Wenn dann aber fast die Hälfte der Auffassung ist, das wären Fonds, die für die Absicherung der gesetzlichen Rente sorgen, dann zeugt dies von einem katastrophalen Missverständnis des Altersvorsorgesystems.

          Fehleinschätzungen gibt es auf vielen Feldern der Geldanlage

          Es gibt keine Rücklagen, die dieses System absichern. Das Umlagesystem der gesetzlichen Rente lebt davon, dass genügend Beitragszahler nachwachsen, um die Rentner zu finanzieren. Da die Zahl der Beitragszahler angesichts der Geburtenrate in Zukunft eher kleiner wird, die Zahl der Anspruchsberechtigten aber immer größer und die neue Bundesregierung ein Rentenpaket mit Mütterrente und Rente mit 63 geschnürt hat, das bis 2030 die Rentenansprüche auch noch nach Schätzungen um 230 Milliarden Euro erhöht, gilt: Das gesetzliche Rentensystem ist alles andere als durch Rentenfonds abgesichert.

          Weitreichende Fehleinschätzungen gibt es auch auf vielen anderen Feldern der Geldanlage. Die Rendite von Aktien wird unterschätzt, jene des Sparbuchs überschätzt. Der Zinseszinseffekt und seine Wirkung wird übersehen. Staatliche Zulagen und angebliche Steuersparmodelle vernebeln nicht selten den kritischen Blick auf die angebotenen Finanzprodukte und ihre Kosten und Risiken.

          Die Kosten von Verträgen und Sparplänen werden unterschätzt

          Allenfalls die Beamten auf Lebenszeit mit hohen Versorgungsansprüchen brauchen sich keine ernsthaften Gedanken um ihre Altersvorsorge zu machen. Alle anderen müssen sich aber wohl oder übel mit Finanzthemen befassen. Viel zitiert sind Beispiele, wonach für die Auswahl einer Waschmaschine mehr Zeit verwendet wird als die einer Lebensversicherung oder Riester-Rente. Das ist fatal, zumal Finanzprodukte oft gar nicht verglichen werden.

          Für Dinge des täglichen Gebrauchs werden im Internet alle möglichen Preisvergleichsportale zu Rate gezogen, nur um einige Euro zu sparen. Auf Jahre oder Jahrzehnte angelegte Finanzprodukte werden hingegen als notwendiges Übel einfach gekauft – ohne zu vergleichen.

          Dabei können dadurch Tausende Euro gespart werden. Die Kosten von Riester-Verträgen und Fonds-Sparplänen werden unterschätzt. Ebenso das finanzielle Volumen, über das beim Abschluss solcher Verträge gesprochen wird. Häufig werden Berufsanfängern Riester-Renten verkauft, in die sie dann 40 Jahre zum Beispiel 150 Euro im Monat einzahlen. Was zunächst nicht viel klingt, sind im Laufe der Zeit 72.000 Euro, die viele Anleger in eine Blackbox geben.

          Denn kaum einer kann erklären, in was er da eigentlich sein Geld steckt und welche Gebühren ihn das kostet. Einen Eindruck über die Gebührenhöhe verschafft ein einfaches Beispiel der Geldanlage in einen aktiv gemanagten Fonds: 10.000 Euro werden für 20 Jahre angelegt, der Ausgabeaufschlag betrage 5 Prozent, die jährliche Gebühr 1,5 Prozent, die Rendite 6 Prozent. Nach 20 Jahren ist der Fonds dann 22.700 Euro wert. 5.000 Euro sind aber an Gebühren bei der Bank beziehungsweise der Fondsgesellschaft gelandet.

          Ein Indexfonds wäre wesentlich billiger; bei der Direktanlage in Aktien wäre diese Gebühr null. Die Geldanlage in einen solchen Fondssparplan muss dabei keine schlechte Wahl sein. Der Anleger sollte sich nur der Kosten, der Risiken, aber auch der Chancen bewusst sein. Jüngst hat wieder das Wehgeschrei nach der Insolvenz des großflächig werbenden Windparkbetreibers Prokon eingesetzt. Dabei waren alle Risiken bekannt. Verbraucherschützer hatten vielfach davor gewarnt.

          Vor Dummheit und Gier kann der Staat nur bedingt schützen

          Sicherheit ist angeblich den meisten Anlegern besonders wichtig. Eines der sinnvollsten Instrumente zur Reduzierung des Risikos, die Streuung des Vermögens auf mehrere verschiedene Geldanlagen, wird hingegen meist missachtet. Die Lösung des Problems kann nur vom Anleger selbst ausgehen. Vor Dummheit, Naivität oder Gier kann der Staat seine Bürger nur bedingt schützen. Der Anleger muss sich selbst mehr informieren, was ohne großen Aufwand möglich ist.

          Eine komplizierte Wissenschaft ist die Geldanlage nämlich nicht. Vielmehr gibt es banale Grundsätze. Je höher die versprochene Rendite, desto höher auch das Risiko. Der Bankberater ist nur bedingt ein guter Ratgeber, er lebt vom Verkauf teurer Produkte. Und lege nicht alle Äpfel in einen Korb, sondern streue dein Vermögen. Wer das verstanden hat, braucht sich nicht mehr als finanzieller Analphabet zu fühlen.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Donald Trump gab bekannt, den G-7-Gipfel doch nicht im familieneigenen Hotel in Miami auszurichten.

          Twitter : G7-Gipfel im nächsten Jahr doch nicht in Trump-Hotel

          Dies gab Donald Trump auf seinem Twitter-Account bekannt. Der Präsident der Vereinigten Staaten musste zuvor heftige Kritik für seine Entscheidung einstecken, den G-7-Gipfel in seinem Hotel in Miami ausrichten zu wollen.

          „Super Saturday“ : Britische Regierung beantragt Brexit-Verschiebung

          Das britische Parlament hat eine Entscheidung über den Brexit-Deal verschoben. Premierminister Boris Johnson kündigt an, er werde „weiterhin alles tun, damit wir am 31. Oktober die EU verlassen.“ Trotzdem muss er Brüssel um einen Aufschub bitten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.