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Elterngeld : Papa will nicht wickeln

Am Wochenende ist Papazeit: Familie Bošnjak lebt gut damit, dass die Rollenverteilung nicht so aussieht, wie es die Regierung gern will. Bild: Marcus Kaufhold

Nur jeder dritte Vater bleibt nach der Geburt seines Kindes zu Hause. Und das auch nur für wenige Wochen. Warum ist das so?

          Der Tag ist geschafft. Oliver Bošnjak auch. Abends um kurz vor neun steht er auf seiner Terrasse und raucht ein Feierabend-Kippchen. Seine Zwillinge Milan und Dario schlafen schon. Seine Frau hat die Babys allein ins Bett gebracht, wie fast immer, denn Bošnjak arbeitet jeden Tag mindestens zehn Stunden. Daran hat sich durch die Geburt seiner Kinder nichts geändert. „Meine Frau ist in Elternzeit und kümmert sich um sie. Ich bringe das Geld nach Hause“, sagt er. „Dass ich Elterngeld beantrage und zu Hause bleibe, das geht einfach nicht.“

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Die meisten anderen Väter in Deutschland entscheiden sich genauso. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes sind so eindeutig, dass man sie gar nicht glauben mag: Nur jeder dritte Vater nimmt sich nach der Geburt seines Kindes eine Pause vom Beruf und bezieht Elterngeld. Die meisten lassen ihren Rechtsanspruch und das Elterngeld verfallen. Und auch die wenigen Väter, die Elterngeld beantragen, verlassen ihren Schreibtisch nur so kurz wie möglich: 79 Prozent von ihnen bleiben nur für zwei Monate zu Hause. Das ist die Mindestdauer, für noch weniger Einsatz gibt es kein Geld vom Staat.

          Genau umgekehrt sieht es bei den Müttern aus: 96 Prozent der Frauen, die im Jahr 2014 ein Kind bekommen haben, beantragten Elterngeld. Und fast alle (87 Prozent) schöpfen die maximale Bezugsdauer von zwölf Monaten aus. Im Durchschnitt bleibt eine westdeutsche Mutter anschließend noch mal acht Monate in (dann unbezahlter) Elternzeit.

          Von wegen „neue Rollenbilder“

          Die Zahlen zeigen die Realitätsferne all jener, die in ihren Sonntagsreden von neuen Rollenbildern und Gleichberechtigung schwadronieren. Dabei gibt sich die Politik viel Mühe, auch die Väter hinter die Kinderwagen zu spannen. Die CSU verhinderte einst zwar den Plan, wonach Elterngeld überhaupt nur dann gezahlt werden sollte, wenn Vater und Mutter sich jeweils für mindestens zwei Monate der Erziehung widmen. Die politische Stoßrichtung aber ist geblieben: Die volle Förderung über 14 Monate erhalten nur jene Paare, in denen auch der Mann mindestens zwei Monate zu Hause bleibt.

          Um den Männern die Sorge um ihren Arbeitsplatz zu nehmen, gewährt der Gesetzgeber jedem Elternteil zudem einen Rechtsanspruch darauf, auch tatsächlich in Elternzeit gehen zu dürfen. Die Zwänge der Firma und die Laune des Chefs spielen keine Rolle, niemand muss als Bittsteller zu ihm gehen.

          Fragt man Bošnjak danach, warum er trotzdem kein Elterngeld beantragt, verweist er auf seine Stelle in einem großen Sicherheitsunternehmen. Er leite dort einen Bereich mit 180 Mitarbeitern und sei der direkte Ansprechpartner für alle Kunden. „Es hängt einfach zu viel an meiner Person, als dass ich mich rausnehmen könnte“, sagt er. Vor drei Jahren musste er der Firma für ein Jahr fernbleiben, „aber danach waren es ein paar Kunden weniger, weil ich mich nicht gekümmert hatte. Darüber war mein Chef nicht glücklich.“ Und weil sein Gehalt erfolgsabhängig sei, mache er seitdem keine Auszeit mehr. „Das wäre doch ein Schuss ins eigene Knie.“

          „Vom Elterngeld könnte ich nicht mal die Miete zahlen“

          Überhaupt, das Geld. Wer in den ersten Lebensmonaten des Kindes zu Hause bleibt und den Nachwuchs versorgt, erhält meist etwa zwei Drittel seines früheren Nettoeinkommens. Allerdings gibt es unumstößliche Grenzen nach oben und unten: Der Staat zahlt mindestens 300 und höchstens 1800 Euro, bei Mehrlingsgeburten kommt ein Bonus hinzu. Für Bošnjak viel zu wenig: „Vom Elterngeld könnte ich nicht mal die Miete zahlen.“ Auch deshalb bleibt er nicht zu Hause.

          Tatsächlich scheitern die Vätermonate häufiger am Geld, als man zunächst denkt. Diejenigen, die viel verdienen, sehen nicht ein, warum sie sich mit 1800 Euro bescheiden sollen. Und diejenigen, die wenig verdienen, brauchen die fehlenden Hunderter oft, um über die Runden zu kommen. Die Studie „Weichenstellungen für die Aufgabenteilung in Familie und Beruf“ vom Institut für Demoskopie Allensbach nennt „zu hohe Einkommensverluste“ als den am häufigsten genannten Grund, weshalb Väter auf ihre Elternzeit verzichten. Er wird von 60 Prozent aller Väter angeführt, die kein Elterngeld beantragt haben.

          Saskia Bošnjak: „Wenn mich meine Kinder anstrahlen, dann erfüllt mich das viel mehr mit Freude.“

          Cai Benninghoff etwa fährt auch nach der Geburt weiter Brötchen aus, damit die Familie wenigstens einmal im Jahr in Urlaub fahren kann. Es geht für zehn Tage an die Nordsee, für 1800 Euro. Hätte er zu Hause auf seine Tochter aufgepasst, hätte sich die Familie das nicht leisten können. Weil Benninghoff sich dafür schämt, will er seinen echten Namen in diesem Bericht nicht lesen.

          Keine Lust aufs Wickelvolontariat

          Bošnjak traut sich, für seine Entscheidung öffentlich einzustehen. Viele wollen das nicht, weil es sich nicht ins moderne Männerbild einfügt. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass viele junge Väter keine Elternzeit beantragen wollen. Die einen sind für die Firma unentbehrlich, die anderen halten sich dafür, die Dritten haben schlicht keine Lust aufs „Wickelvolontariat“, wie der CSU-Politiker Peter Ramsauer einmal sagte. In der Allensbach-Studie vom vergangenen Jahr äußern 38 Prozent der durcharbeitenden Väter, sie hätten „Furcht vor beruflichen Nachteilen“ gehabt. 35 Prozent berichten, Elternzeit wäre „beruflich sehr schwierig zu organisieren gewesen“. In jedem dritten Fall will sich die Partnerin unbedingt selbst um das Kind kümmern. Jeder zehnte Vater berichtet, seine Frau habe ihm „die Kinderbetreuung nicht allein zugetraut“. Oft ist es eine Mischung aus allen Gründen.

          Mathias Oswald ist hierfür ein gutes Beispiel. Der 39-Jährige arbeitet in der Schulleitung eines Gymnasiums in Rheinland-Pfalz. Er hat zwei Jungs, der jüngere ist vier Monate alt. Elternzeit will Oswald nicht nehmen, schließlich könne ihn auf der Arbeit niemand ersetzen. Sagt er.

          Wie bitte? Ausgerechnet ein auf Lebenszeit verbeamteter Lehrer kann nicht mal für zwei Monate ersetzt werden? Auf Nachfragen relativiert er. Es sei „nicht einfach aufzuhören, wenn du so eine Funktionsstelle hast“. Wer kümmere sich dann um die Schüler vor dem Abitur? „Wenn ich nicht da bin, laufen Dinge schief, die ich dann nacharbeiten müsste.“ Außerdem würden in der Elternzeit ein paar tausend Euro weniger auf dem Konto landen.

          „Das ist wie Gehirnwäsche“

          Und wenn er trotzdem ginge? „Ich würde meine Reputation verlieren und von niemandem mehr als Führungskraft anerkannt werden“, sagt Oswald. „Aber ich will ja für die nächste Karrierestufe bereitstehen.“

          Für Mehrlingsgeburten gibt es einen Bonus: Der Staat legt monatlich pro weiterem Kind 300 Euro Elterngeld oben drauf.

          Oswald ist zu Hause angekommen, er geht in sein Arbeitszimmer. Am Ende des Gesprächs macht er die Tür zu und nennt noch einen Grund. „Ich habe auch keine Lust auf diese Frauen-Welt. Ich will nicht ein Jahr von einer Mütter-Selbstfindungsgruppe zur nächsten laufen.“ Bekannte von ihm hätten das gemacht. „Die sagen mir: ,Das ist wie Gehirnwäsche.‘“ Er könne das nachvollziehen, denn er gehe mit seinem älteren Sohn zum Hockey und zum Kinderenglisch. „Da bin ich in der Regel der einzige Mann. Und seitdem weiß ich über manche Frauen Dinge, die möchte ich gar nicht wissen! Die erzählen mir dann ihre Sex-Probleme!“ Für ihn steht fest: „Da gehe ich lieber arbeiten!“ Tatsächlich gesteht der eine oder andere Vater im vertraulichen Gespräch, dass ein Baby bisweilen anstrengender ist als jedes Meeting.

          Um mehr Männer an den Wickeltisch zu bringen, gehen insbesondere die Sozialdemokraten mit öffentlichkeitswirksamem Beispiel voran. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig etwa ist im Mai direkt nach dem Mutterschutz wieder an ihren Schreibtisch zurückgekehrt, ihr Mann Stefan hingegen geht für zwölf Monate in Elternzeit. Ein Problem? Aber nicht doch, beteuerten die Schwesigs in einem dreiseitigen Interview mit der „Bild am Sonntag“: „Karriere für beide geht – vielleicht nicht immer gleichzeitig zu 100 Prozent. Für mich ist klar, dass ich das nächste Jahr für unser Kind da bin“, antwortet der Vater. Und anstatt zu nörgeln, sollten die Arbeitgeber „die Erfahrung in der Erziehungszeit wertschätzen: Da lernt man Sozialkompetenz, und man muss mit einem Kind ja auch ziemlich flexibel sein.“

          Seine Frau Manuela deutet die Frage, wer zu Hause bleibt und beruflich zurücksteckt, gar in ein Privileg um: „Die ersten Monate mit einem Baby sind so eine wertvolle Zeit, warum sollte diese nur den Müttern zustehen? Ich gönne meinem Mann diese Phase.“ Sorgen anderer Mütter, ob der Partner Haushalt und Kind tatsächlich einigermaßen hinbekommt, hat die Familienministerin nicht, im Gegenteil: „Er macht das beste Frühstück der Welt. Und kann die Spülmaschine viel besser einräumen.“

          Sozialdemokratische Mustermänner

          Auch Schwesigs Parteivorsitzender Sigmar Gabriel machte vor, wie sich das Thema Vätermonate medienwirksam ausschlachten lässt. In der selbstverordneten, dreimonatigen Babypause twitterte und facebookte der Vizekanzler, was die Tastatur hergab. Er gab so viele Interviews und feilte an derart vielen Konzepten, dass sich selbst seine Parteifreunde fragten, ob er bei so viel Hyperaktivität auch nur ein Fläschchen gegeben hat.

          Wegen – oder trotz – dieser sozialdemokratischen Mustermänner steigt die Beteiligung der Väter seit Einführung des Elterngelds 2007 immerhin kontinuierlich an: Zu Beginn nahm nur jeder fünfte Vater Elternzeit (20,8 Prozent), mittlerweile ist es jeder dritte (34,2 Prozent). Das neue „Elterngeld Plus“, das einen längeren Bezug bei Teilzeitarbeit ermöglicht, soll die Quote weiter nach oben treiben. Nach neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes hält sich der Erfolg aber in Grenzen: Demnach hat sich im ersten Quartal 2016, ein Dreivierteljahr nach Einführung der neuen Leistung, nicht mal jedes fünfte Elternpaar (17,4 Prozent) dafür entschieden.

          Auch Raphael Müller will vom „Elterngeld Plus“ nichts wissen, er wird überhaupt nicht in Elternzeit gehen. Ein halbes Jahr vor der Geburt seines Sohnes wurde in seinem Krankenhaus eine von fünf Oberarztstellen frei, und die Chefärztin bot sie ihm an. „Aber in dem Gespräch hat sie mir zwischen den Zeilen sehr deutlich gesagt, dass Elternzeit nicht in Frage kommt.“ Müller hat dafür Verständnis. In seinem Krankenhaus werde niemand neu eingestellt, wenn sich ein Arzt für die Vätermonate entscheide. Die Stelle bleibe so lange unbesetzt und die Arbeit werde auf die verbliebenen Kollegen verteilt. „Deshalb löst es bei niemandem Begeisterung aus, wenn jemand in Elternzeit geht.“

          Die Entscheidung, wer zu Hause bleibt, ist meist berufsprägend

          Auf der Ebene der Assistenzärzte sei es trotzdem möglich, weil die Arbeit dann auf zwanzig Schultern verteilt werde. Wenn einer der fünf Oberärzte aber gehe, dann „würde das die Abteilung zum Kollabieren bringen“. Die Arbeit sei ohnehin maximal verdichtet. „Gegen moderaten Widerstand“ habe er sich nach der Geburt aber drei Wochen Urlaub nehmen dürfen. Nun kümmert sich seine Frau um den drei Monate alten Sohn. Darüber brauchte er mit ihr nicht mal diskutieren, denn seine Frau ist schon seit Jahren nicht mehr berufstätig. „Von daher war klar, dass sie die Erziehung übernimmt. Das war auch nie Thema“, sagt er. „Und ich drücke mich ja auch nicht vor der Familienarbeit.“ Schließlich gehe er sonntags zum Babyschwimmen und bringe den Kleinen jeden Abend ins Bett. „Aber wenn du eine verantwortliche Stelle annimmst, musst du bereit sein, Abstriche beim Privatleben zu machen. Im Krankenhaus backen wir ja keine Brötchen, da geht es um Menschenleben.“

          Das wird auch entlohnt: Seit der Beförderung verdient Müller 30.000 Euro mehr im Jahr. Auf der anderen Seite der Medaille steht, dass seine Frau wahrscheinlich auf Jahre vom Arbeitsmarkt und einer möglichen Karriere abgeschnitten sein wird. „Das berufliche Zurückstecken der Mütter beim ersten Kind wirkt lange nach“, schreiben die Allensbacher in ihrer Studie. „Die Weichenstellungen im Zusammenhang mit der Familiengründung erweisen sich für viele Frauen als berufs- und lebensprägend.“

          Ein Baby macht erstmal unglücklich

          Oliver Bošnjaks Frau Saskia hat damit kein Problem. Dabei machte auch sie einst bei einem Personaldienstleister Karriere: Erst leitete sie eine Abteilung, dann zwei Jahre später eine Niederlassung und nach weiteren eineinhalb Jahren einen Bezirk. Bis zur Geburt ihrer Zwillinge verantwortete sie vier Niederlassungen mit einem Jahresumsatz von zwanzig Millionen Euro. Nun stillt sie ihre Kinder voll, betreut sie von morgens bis abends und macht den Haushalt. Dienstwagen, Gehalt und Titel sind weg, doch das macht ihr nichts aus. „Mir geht es super“, sagt sie. „Alles hat seine Zeit im Leben, und wenn mich meine Kinder anstrahlen, dann erfüllt mich das viel mehr mit Freude.“

          Statistisch gesehen, gehört sie damit allerdings einer Minderheit an. In einer aktuellen Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung gaben 70 Prozent der Teilnehmer an, im ersten Jahr ihrer Elternschaft unglücklicher zu sein als während der zwei Jahre vor der Geburt. Auf einer Skala von null (total unzufrieden) bis zehn (absolut glücklich) sank die Lebenszufriedenheit im Schnitt um erschreckende 1,4 Einheiten. Demzufolge macht ein Baby unglücklicher als eine Scheidung, Arbeitslosigkeit oder der Tod des Partners.

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